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Anthropic Deep Dive: Das halbe OpenAI mit doppelter B2B-Power

Startup Interviewer: Gib uns dein erstes AI Interview Startup Interviewer: Gib uns dein erstes AI Interview

Während OpenAI und Google mit spektakulären Ankündigungen Schlagzeilen machen, hat sich Anthropic in den letzten Monaten zum ernstzunehmenden Konkurrenten im Bereich der künstlichen Intelligenz entwickelt. Das 2021 gegründete Unternehmen erlebt derzeit seinen „ChatGPT-Moment“ und erobert vor allem den B2B-Markt mit beeindruckender Geschwindigkeit. Was macht Anthropic anders? Und warum setzen immer mehr Unternehmen auf die Claude-KI-Modelle statt auf die etablierte Konkurrenz?

Im AI Talk beleuchten heute die Podcast-Hosts Jakob Steinschaden, Mitgründer von newsrooms und Trending Topics, und Clemens Wasner, CEO von EnliteAI und Vorsitzender von AI Austria, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Anthropic:

Die Gründungsgeschichte: Mission statt Profit

Anthropic wurde 2021 von ehemaligen OpenAI-Mitarbeitern gegründet, darunter Dario Amodei, der frühere Head of Alignment Research bei OpenAI, und seine Schwester. Der Grund für die Abspaltung war eine fundamentale Meinungsverschiedenheit über die Ausrichtung von OpenAI. Während sich OpenAI zunehmend von seiner ursprünglichen Mission entfernte und kommerzieller wurde, wollten die Gründer von Anthropic an den ethischen Grundsätzen festhalten.

Im Gegensatz zu späteren Abgängen wie Ilya Sutskever (Safe Superintelligence) oder Mira Murati (Thinking Machines), die primär technisch motiviert waren, war die Gründung von Anthropic ideologisch geprägt. Das Unternehmen kommt aus der Effective Altruism-Bewegung, die darauf abzielt, den positiven Impact von Technologie in der Welt zu maximieren. Diese Philosophie prägt bis heute die Unternehmenskultur und Produktentwicklung.

Marktposition: Das halbe OpenAI mit doppelter B2B-Power

Auf den ersten Blick erscheint Anthropic wie ein kleinerer Bruder von OpenAI. Die Zahlen zeigen: Anthropic hat 33 Milliarden Dollar Risikokapital aufgenommen (OpenAI: 80 Milliarden), wird mit 183 Milliarden Dollar bewertet (OpenAI: 500 Milliarden) und macht 9 bis 10 Milliarden Dollar Umsatz (OpenAI: 20 Milliarden). Kurz gesagt: etwa halb so groß wie OpenAI.

Doch diese Zahlen täuschen über die tatsächliche Marktmacht hinweg. Im Consumer-Bereich (Chatbots) hat Claude nur 2 Prozent Marktanteil, während ChatGPT über 50 Prozent hält. Im entscheidenden B2B-Geschäft hat sich das Blatt jedoch dramatisch gewendet:

 

Noch bemerkenswerter ist die Entwicklung: Vor zweieinhalb Jahren hatte OpenAI noch 50 Prozent Enterprise-Marktanteil und Anthropic nur 12 Prozent. Diese Verschiebung hat bei OpenAI bereits zweimal den „Code Red“-Alarmzustand ausgelöst, zuletzt Ende Januar 2025 im Coding-Bereich.

Die technische Strategie: Fokus statt Feature-Chaos

Während OpenAI in viele Richtungen expandiert (Bilderstellung, Videogenerierung, Suchmaschine, Hardware, Gesundheitswesen), konzentriert sich Anthropic konsequent auf Text- und Code-Output für den B2B-Bereich. Diese Fokussierung zahlt sich aus.

Die Claude-Modellfamilie

Anthropic hat das Chaos der verschiedenen Modellvarianten, das OpenAI mit seinen zahllosen GPT-Versionen verursacht, elegant gelöst. Die Claude-Modelle kommen in drei klar definierten Abstufungen, alle an musikalische Begriffe angelehnt:

  • Haiku: Schnelles, effizientes Modell für einfache Aufgaben
  • Sonnet: Ausgewogenes Modell für die meisten Anwendungsfälle
  • Opus: Leistungsstärkstes Modell für komplexe Aufgaben

Im Coding-Bereich ist Claude Opus 4.5 laut LM Arena auf Platz 1 der Rangliste. In der Gesamtwertung liegt es auf Platz 2, knapp hinter Gemini 3 Pro und Grok 4.1, aber deutlich vor GPT-5.2 von OpenAI.

Preisgestaltung: Teuer, aber gewollt

Claude Opus 5 ist mit Abstand das teuerste KI-Modell auf dem Markt, fast doppelt so teuer wie Grok 4 und auf dem Niveau von GPT-5.2. Dennoch sind Kunden bereit, diesen Preis zu zahlen. Der Grund: Die Modelle sind besonders gut im Coding und liefern zuverlässige Ergebnisse.

Interessant ist auch die Kostenstruktur: Obwohl OpenAI doppelt so viel Umsatz macht wie Anthropic, unterscheiden sich die absoluten Verluste beider Unternehmen kaum. Das liegt daran, dass Anthropics Kunden ausschließlich Power-User sind, die intensiv mit der KI arbeiten, während viele ChatGPT-Nutzer die Plattform nur gelegentlich verwenden.

Die AI Constitution: Ethik als Wettbewerbsvorteil

Anthropic ist das einzige große KI-Unternehmen, das seiner KI eine formale Verfassung gegeben hat. Diese „AI Constitution“ definiert grundlegende Regeln, nach denen die Claude-Modelle agieren dürfen und sollen. Die Verfassung ist nicht statisch, sondern entwickelt sich dynamisch weiter.

Zu den Grundprinzipien gehören:

  • Apple Privacy Standards für Datenschutz (strenger als bei anderen Tech-Unternehmen)
  • UN-Menschenrechtserklärung als ethischer Kompass
  • Transparenz über Fähigkeiten und Limitierungen
  • Fokus auf AI Alignment (die KI tut, was sie soll)

Diese ethische Ausrichtung unterscheidet Anthropic fundamental von der Konkurrenz. Während andere Unternehmen über „Responsible AI“ sprechen, setzt Anthropic diese Prinzipien tatsächlich um.

Claude Cowork: Der Game-Changer für Knowledge Worker

Der Hauptgrund für den aktuellen Hype um Anthropic ist die Einführung von Claude Cowork Anfang Januar 2025. Dieses Tool wird von vielen als das derzeit mächtigste und am einfachsten zu bedienende Agentensystem für den Desktop angesehen.

Was ist Claude Cowork?

Die Claude-App hat drei Modi:

  1. Chat-Modus: Normaler Chatbot wie ChatGPT
  2. Code-Modus: Für Programmiertätigkeiten
  3. Cowork-Modus: Kann Desktop-Programme steuern, Browser verwenden und auf zahlreiche Skills zugreifen

Claude Cowork ist im Grunde „Claude Code für Leute, die mit Code nichts zu tun haben“. Es ermöglicht komplexe Automatisierungen ohne Programmierkenntnisse.

Praktische Anwendungsbeispiele

Mit Claude Cowork können Nutzer zum Beispiel:

  • Automatisch Social-Media-Videos generieren (mit dem Remotion-Skill)
  • Excel-Tabellen intelligent bearbeiten (leistungsfähiger als Microsofts eigener Excel-Skill)
  • Podcast-Transkripte durchsuchen und analysieren
  • Komplette Workflows automatisieren, die normalerweise einen halben Tag dauern würden

„Das ist so beeindruckend, was das Ding jetzt schon kann. Und das hat sehr viele Restrictions. In einem halben Jahr wird das total steil gehen.“

Mit diesem Prompt haben wir ein simples Promo-Video erstellt:
„create a 15 seconds video with the remotion skill to promote this website: https://www.trendingtopics.eu/de/

Konkurrenz und Open-Source-Alternativen

Das vergleichbarste Produkt ist Google Antigravity, allerdings mit einer weniger intuitiven Benutzeroberfläche. Im Open-Source-Bereich geht ClawdBot von Entwickler Peter Steinberger noch weiter: Damit lässt sich ein kompletter Computer über Telegram, Signal oder iMessage fernsteuern, ohne jegliche Einschränkungen.

ClawdBot kann beispielsweise:

  • Jeden Morgen Termine, wichtige E-Mails und Aufgaben priorisieren
  • Automatisch nach relevanten Insolvenzen oder Firmendaten suchen
  • Bestellstatus bei Online-Shops abfragen
  • Komplett autonom arbeiten und nur bei Bedarf nachfragen

Partnerschaften: Amazon, Google und die Alexa-Connection

Anthropic hat strategische Partnerschaften mit den größten Tech-Konzernen:

  • Amazon/AWS: Hauptinvestor und Infrastruktur-Partner. Die neue Alexa Plus nutzt primär Claude-KI
  • Google: Investor trotz eigener Gemini-Modelle
  • Microsoft: Kleinere Beteiligung gemeinsam mit Nvidia

Besonders die Amazon-Partnerschaft ist bedeutsam: Der erneuerte Sprachassistent Alexa Plus basiert hauptsächlich auf Anthropics Claude-Modellen, nicht auf Amazons eigener Nova-Serie, die nicht leistungsstark genug ist.

Warum nicht Apple?

Apple hat sich Ende 2024 für Google Gemini als KI-Partner entschieden, obwohl Claude im März 2024 noch technisch überlegen war. Die Gründe:

  1. OpenAI kündigte mit Johnny Ive die Entwicklung eigener Hardware an (direkte Konkurrenz zu Apple)
  2. Anthropic ließ sich nicht „über den Tisch ziehen“ und forderte mehrere Milliarden statt nur eine Milliarde pro Jahr
  3. Google bot die besten Konditionen und hatte gleichzeitig aufgeholt (Gemini 2.5 und 3.0)
  4. Kartellrechtliche Entscheidungen fielen zugunsten von Google aus
  5. Apple brauchte einen stabilen, langfristigen Partner, Anthropic als vierjähriges Startup mit bevorstehendem IPO erschien riskanter

Finanzielle Perspektive: IPO 2026 und das Pricing-Problem

Für 2026 wird ein Börsengang (IPO) von Anthropic erwartet. Der Cash-Burn ist zu hoch, um ohne frisches Kapital weiterzumachen. Die geplante Bewertung liegt bei 350 Milliarden Dollar, gegenüber 183 Milliarden bei der letzten Finanzierungsrunde.

Das wahre Kosten-Problem

Aktuell sind alle KI-Dienste massiv durch Risikokapital querfinanziert. Experten schätzen, dass ein Power-User-Plan realistischerweise zwischen 500 und 2.000 Euro pro Monat kosten müsste, um profitabel zu sein. Zum Vergleich: Derzeit kostet Claude Pro 200 Dollar pro Monat.

Sam Altman von OpenAI hatte bereits vor zwei Jahren einen 2.000-Euro-Tier angekündigt. Bisher traut sich niemand, diesen Preis tatsächlich zu verlangen. Einzig Canva verlangt mit 50 Euro pro Monat annähernd kostendeckende Preise.

Value-Based Pricing: Die Zukunft der KI-Abrechnung

Die Branche bewegt sich weg vom klassischen Per-Seat-Pricing (Preis pro Nutzer) hin zu Value-Based Pricing. Die Argumentation:

  • Ein KI-Agent ersetzt einen Teil oder eine ganze Arbeitskraft
  • Wenn eine Stelle 60.000 Euro pro Jahr kostet, sind 20.000 Euro für KI ein Schnäppchen
  • KI wird nicht nur mit Software verglichen, sondern mit menschlicher Arbeitskraft
  • Der Fokus verschiebt sich von Kosteneinsparung zu Umsatzsteigerung

Dieser Paradigmenwechsel könnte die gesamte Software-Industrie verändern.

Risiken und Herausforderungen

Trotz des aktuellen Erfolgs gibt es erhebliche Risiken:

Makroökonomische Instabilität

  • Oracle-Problem: Oracle nimmt Schulden auf ein unerprobtes Businessmodell (OpenAI) auf, was den Aktienkurs und Zinssatz unter Druck setzt
  • Japanischer Yen: Währungsprobleme in Japan könnten die globalen Finanzmärkte destabilisieren
  • KI-Blase: Wenn die Bewertungen kollabieren, bevor Anthropic an die Börse geht, könnte der IPO scheitern

Wettbewerbsdruck

OpenAI befindet sich im „Code Red“-Modus und wird mit einem Stakkato an neuen Releases versuchen, verlorene Marktanteile zurückzugewinnen. Google investiert massiv in Gemini. Microsoft könnte Anthropic als Alternative zu OpenAI pushen, da OpenAI zunehmend Produkte entwickelt, die für Microsoft irrelevant oder sogar konkurrierend sind.

Ausblick 2026: Drei Szenarien

Szenario 1: Erfolgreicher IPO und Marktführerschaft

Anthropic gelingt der Börsengang zu einer Bewertung von 350 Milliarden Dollar oder mehr. Das Unternehmen baut seine Marktführerschaft im B2B-Bereich weiter aus, insbesondere bei Coding und Desktop-Automatisierung. Claude Cowork wird zum Standard-Tool für Knowledge Worker. Engere Partnerschaft mit Amazon, möglicherweise auch mit Microsoft.

Szenario 2: Konsolidierung und Übernahme

Der IPO kommt nicht zustande oder verläuft enttäuschend. Einer der großen Partner (Amazon, Google, Microsoft) übernimmt Anthropic vollständig. Die Technologie wird in bestehende Produkte integriert, die Marke Claude verschwindet möglicherweise.

Szenario 3: Platzen der KI-Blase

Makroökonomische Probleme oder enttäuschende KI-Ergebnisse führen zu einem Einbruch der Bewertungen. Anthropic muss Kosten drastisch senken, Mitarbeiter entlassen und die Produktstrategie überdenken. Der B2B-Fokus erweist sich als Rettungsanker, da Enterprise-Kunden weniger preissensibel sind als Konsumenten.

Fazit: Der stille Gewinner?

Anthropic macht vieles anders als die Konkurrenz: konsequenter Fokus auf B2B und Coding, ethische Grundsätze statt reiner Profitmaximierung, klare Produktstrategie statt Feature-Chaos. Diese Strategie zahlt sich aus, wie die beeindruckenden Marktanteilsgewinne zeigen.

Während OpenAI und Google mit spektakulären Ankündigungen Aufmerksamkeit erregen, erobert Anthropic leise, aber effektiv den lukrativen Enterprise-Markt. Die Einführung von Claude Cowork könnte der Durchbruch sein, der KI-Agenten endlich massentauglich macht.

Das Jahr 2026 wird entscheidend: Gelingt der IPO, könnte Anthropic zu einem der wertvollsten Tech-Unternehmen der Welt werden. Scheitert er, könnte das Unternehmen in den Armen eines der Tech-Giganten verschwinden. Eines ist jedoch sicher: Anthropic hat bewiesen, dass man auch ohne Elon-Musk-Gehabe und ohne schillernde Persönlichkeiten an der Spitze erfolgreich sein kann, wenn man sich auf Execution und Produktqualität konzentriert.

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