CEO-Wechsel bei Anyline: CFO Christoph Braunsberger übernimmt Führung
Das Wiener Unternehmen Anyline hat einen Wechsel an der Führungsspitze vollzogen. Christoph Braunsberger übernimmt mit sofortiger Wirkung die Position des Chief Executive Officer, während Mitgründer Lukas Kinigadner in die neu geschaffene Rolle des Chief Revenue Officer wechselt. In dieser Funktion konzentriert sich Kinigadner künftig auf die globale Umsatzentwicklung, die Expansion des Kundenstamms und den Aufbau strategischer Partnerschaften. Das Unternehmen bezeichnet diesen Schritt als strategischen Wendepunkt, der die erfolgreiche Etablierung seiner KI-gestützten Lösungen in verschiedenen Industriebereichen widerspiegelt.
Braunsberger bringt umfassende Erfahrung in der Skalierung von Technologieunternehmen mit. Er stieß 2019 als Chief Financial Officer und Managing Director zu Anyline und baute dort die operativen und organisatorischen Grundlagen für die internationale Expansion auf. Dabei leitete er mehrere Finanzierungsrunden und verantwortete als Präsident von Anyline Inc. die Stärkung der nordamerikanischen Marktpräsenz. Seine berufliche Laufbahn umfasst Stationen im Investmentbanking, in der Strategieberatung und zuletzt bei PwC. Das Unternehmen verweist auf einen wichtigen Meilenstein: Weltweit wurden mittlerweile über 100 Millionen Reifenscans mit der Computer-Vision-Technologie durchgeführt.
Umfassender Stellenabbau als Teil der Neuausrichtung
Die Führungsänderung steht im Kontext einer tiefgreifenden Umstrukturierung, die Anyline bereits Monate zuvor eingeleitet hat. Das Unternehmen streicht zwischen 30 und 40 Prozent seiner Arbeitsplätze über alle Abteilungen hinweg. Die Belegschaft schrumpft von rund 100 auf 60 bis 70 Mitarbeiter. Diese Maßnahme ist Teil einer strategischen Neuausrichtung, die das Unternehmen vollständig auf künstliche Intelligenz ausrichten soll. Die Führung bezeichnet die Entscheidung als kurzfristig schmerzhaft, aber mittelfristig notwendig für eine nachhaltige Aufstellung. Bereits 2023 musste Anyline rund 20 Prozent der Stellen abbauen, erreichte im selben Jahr jedoch auch den höchsten Umsatz der Firmengeschichte.
Anyline wendete sich damals bewusst vom klassischen Venture-Capital-Modell ab, das auf schnelles Wachstum um jeden Preis setzt. Die Unternehmensführung betonte, dass weitere Finanzierungen zwar verfügbar wären, man jedoch die damit verbundenen Konditionen nicht mehr akzeptieren wolle. Stattdessen setzt das Unternehmen auf organisches Wachstum und finanzielle Unabhängigkeit. Das Ziel besteht darin, schnell und ohne Risiko in die Gewinnzone zu gelangen. Die verbleibenden Mitarbeiter erhalten grundlegend veränderte Aufgabenbereiche, die durchgehend auf den Einsatz von KI ausgerichtet sind. Die Führung geht davon aus, dass diese Transformation in den kommenden Jahren auch andere Unternehmen durchlaufen müssen.
Marktpositionierung zwischen Wachstum und Profitabilität
Trotz der einschneidenden Veränderungen zeigt sich das Unternehmen hinsichtlich seiner Produktstrategie zuversichtlich. Anyline entwickelt Lösungen für visuelle Inspektion und Datenerfassung, die mobile Geräte befähigen, Informationen von physischen Objekten wie Reifen, Barcodes, Ausweisdokumenten, Kennzeichen und Zählern zu scannen und zu interpretieren. Das Unternehmen bedient Kunden aus Logistik, Fertigung, Einzelhandel und dem öffentlichen Sektor, wobei der Automobilbereich als Kernwachstumstreiber gilt. Die jährlich wiederkehrenden Umsätze bewegen sich derzeit zwischen 10 und 15 Millionen Euro. Zu den Kunden zählen Konzerne wie Michelin, Mondi, Discount Tire und IBM sowie nationale Regierungen.
Das 2013 in Wien gegründete Unternehmen hat nach eigenen Angaben insgesamt fast 40 Millionen Euro an Investitionen erhalten. Zur finanziellen Situation erklärt die Führung, dass mittelfristig keine Liquiditätsprobleme bestehen, die angekündigten Veränderungen jedoch notwendig seien. Gerüchte über einen unmittelbar bevorstehenden Verkauf dementiert das Unternehmen, bestätigt jedoch, dass regelmäßig Kaufangebote eingehen. Ein strukturierter Verkaufsprozess sei nicht gestartet worden. Die Unternehmensführung konzentriert sich darauf, das bestehende Momentum zu nutzen, das Betriebsmodell zu stärken und die Zusammenarbeit mit Kunden und Partnern zu vertiefen, während die globale KI-Adoption beschleunigt.

