Claude Cowork: Die Angst vor der Business AI schickt SaaS-Aktien auf Talfahrt
Brauchen wir künftig noch Software, oder reicht KI dafür, um Aufgaben aller Art am Computer zu erledigen? Letztere Möglichkeit wird immer realistischer – zuletzt durch den Release von Claude Cowork durch den AI-Überflieger Anthropic. Anthropic hat Cowork, das direkt an seine besten LLMs der Claude-Serie angebunden ist, als KI-Tool eingeführt, das nicht nur schreiben oder Programme erstellen kann, sondern ganz allgemein bei mühsamer Computer-Arbeit übernehmen soll – von Daten analysieren über rechtliche Dokumente aufsetzen bis hin zur Vorbereitung auf Meetings.
Und genau das jagt nun auch Schockwellen durch die Börsen – insbesondere zu jenen Aktien von SaaS-Unternehmen, die ihr Geld im Arbeitskontext machen. Claude Cowork ist erst am 12. Jänner vorgestellt worden, aber die Effekte sind bereits jetzt zu sehen. Während die Wall Street nahe ihrer Höchststände notiert, kämpft selbst Microsoft mit Kursverlusten.
Das Unternehmen, lange Zeit der wertvollste Konzern der Welt, verzeichnet Anfang 2026 einen Rückgang von neun Prozent seit Jahresbeginn und notiert 21 Prozent unter seinem Jahreshoch von 555 Dollar. Die Rangfolge der wertvollsten Unternehmen hat sich verschoben: Microsoft belegt mittlerweile nur noch den vierten Platz hinter Nvidia, Google und Apple. Gleichzeitig fielen die großen US-Indizes deutlich zurück – der technologielastige Nasdaq Composite verlor 1,4 Prozent, während der breitere S&P 500 um 0,8 Prozent nachgab.
Der Auslöser für die jüngste Verkaufswelle findet sich in einer Produktankündigung des KI-Unternehmens Anthropic. Das Unternehmen hat mit Claude Cowork eine Plattform vorgestellt, die KI-Agenten für spezifische Unternehmensaufgaben bereitstellt – darunter ein Tool für juristische Arbeiten, das Vertragsüberprüfungen, Compliance-Workflows und rechtliche Zusammenfassungen automatisiert.
Die Marktreaktion fiel heftig aus: Analyseunternehmen wie Gartner und S&P Global brachen um 21 beziehungsweise 11 Prozent ein, während Intuit und Equifax jeweils mehr als 10 Prozent verloren. Ein JPMorgan-Index für US-Software-Aktien sackte an einem einzigen Tag um 7 Prozent ab und summiert die Verluste des laufenden Jahres damit auf 18 Prozent. Die gesamte Software-Aristokratie – Oracle, Adobe, Salesforce, ServiceNow, DocuSign, Workday und SAP – befindet sich im freien Fall. Deutschlands wertvollstes Unternehmen SAP hat im Vergleich zu seinen Höchstständen vor einem Jahr mehr als ein Drittel seines Wertes eingebüßt.
Geschäftsmodell in der Krise
Die Logik hinter den Kursverlusten erschließt sich aus der Struktur des klassischen Software-as-a-Service-Modells. Jahrelang basierten die Erlöse auf nutzerabhängigen Lizenzen: Mehr Mitarbeiter bedeuteten mehr Arbeitsplätze und damit mehr Umsatz. Dieses System funktionierte perfekt, bis KI-Systeme begannen, menschliche Arbeit zu ersetzen oder zumindest massiv zu verdichten. Wenn autonome KI-Agenten künftig Aufgaben übernehmen, die früher ganze Unternehmensabteilungen erforderten, stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit dutzender Salesforce- oder Workday-Lizenzen.
Falls KI Verträge prüft, formuliert und abschließt, sinkt der Bedarf an DocuSign-Abonnements. Und wenn generative Bild- und Designmodelle in Sekunden liefern, wofür Teams von Grafikdesignern benötigt wurden, reduziert sich die Anzahl benötigter Adobe-Lizenzen. Investoren befürchten eine explosive Produktivitätssteigerung bei gleichzeitigem Umsatzeinbruch der Software-Anbieter. Die Börse hasst Unsicherheit, und eine mögliche Verschiebung vom nutzerabhängigen Modell hin zu ergebnisbasierter Bezahlung könnte die gesamte Erlöslogik der Branche verändern. Analysten von Mizuho Securities konstatieren, dass viele institutionelle Investoren derzeit keinen Grund sehen, Software-Aktien zu halten – unabhängig von Bewertungsniveau oder vorherigen Kursverlusten.
Werbekonzerne gerieten ebenfalls unter Druck, da Anthropic auch Marketing-Automatisierung anbietet: Publicis fiel um 9 Prozent, WPP um fast 12 Prozent und Omnicom um mehr als 11 Prozent. Selbst die Börsenbetreiberin LSEG, die substanzielle Erlöse mit ihrer Daten- und Nachrichtenplattform Workspace erzielt, verzeichnete mit einem Minus von 12,8 Prozent ihre schlechteste Tagesperformance seit fünf Jahren. Private-Equity-Gesellschaften, die in den vergangenen Jahren massiv in Software investiert haben, erlitten ebenfalls deutliche Verluste: Ares Management und KKR fielen jeweils um 10 Prozent, Apollo um 4,8 Prozent.
Bewertungen auf Zehnjahrestief
Die aktuelle Situation präsentiert sich widersprüchlich: Software-Aktien notieren bei Kurs-Gewinn-Verhältnissen auf Zehnjahrestiefs, während ihre fundamentalen Kennzahlen außergewöhnlich stark bleiben. Fondsmanager von Arvy äußern Verwunderung über die Diskrepanz zwischen hervorragenden Fundamentaldaten und katastrophaler Kursentwicklung – ein Phänomen, das in dieser Ausprägung selten beobachtet wird.
Viele Investoren haben ihre Positionen in Software-Aktien in den vergangenen Monaten bereits reduziert, was die Anfälligkeit für weitere Verkäufe bei neuen Entwicklungen erhöht. Analysten von Irving Investors berichten, dass die Positionierung auf mehrjährigen Tiefständen liegt, während die Risiken mehrjährige Höchststände erreichen. Beobachter von Jones Trading weisen auf Zweitrundeneffekte hin: Wenn Software-Unternehmen als Kunden der Hyperscaler wie Amazon, Microsoft und Alphabet durch KI disrupted werden, beeinträchtigt dies auch die Nachfrage nach Cloud-Rechenleistung.
Die Wahrheit dürfte zwischen den Extremen liegen. Der Software-Sektor durchläuft möglicherweise seine größte Transformationsphase seit der Cloud-Revolution. KI wird Software nicht unmittelbar ersetzen, sondern voraussichtlich neu definieren. Die großen Anbieter verfügen über umfangreiche Datensätze, tiefe Kundenbeziehungen und kritische Infrastruktur. Unternehmen wie Microsoft, SAP oder Salesforce erzielen zudem ausreichend hohe Umsätze außerhalb ihres klassischen Software-Geschäfts.
SaaS oder doch lieber SaaS?
Dass Software vielleicht eine schwierige Zukunft im KI-Zeitalter hat, wurde schon 2024 und 2025 verdeutlicht. Da hatte etwa Klarna groß kommuniziert, dass man auf die CRM-Cloud von Salesforce und künftig auch noch auf Workday, einen Cloud-Anbieter für Rechnungswesen, Personalverwaltung und Unternehmensplanung, verzichten würde (mehr dazu hier).
Ähnliches hörte man vom größten Business-Software-Anbieter des Planeten: Charles Lamanna, Corporate Vice President für Geschäftsanwendungen und Plattformen bei Microsoft, prognostizierte, dass traditionelle Business-Anwendungen bis 2030 obsolet sein werden. Stattdessen sollen KI-gestützte „Geschäftsagenten“ die Führung übernehmen (mehr dazu hier). Nun zeigen sich im Zuge der Einführung von Cowork die ersten Effekte dieses Trends an der Börse.
Dazu hat sich ein neues Schlagwort etabliert: Service as a Software. Tätigkeiten, die traditionell von Menschen als Dienstleistung erbracht wurden, werden durch KI-Software automatisiert und „verpackt“. Statt einen Buchhalter, Übersetzer oder Kundenservice-Mitarbeiter zu beauftragen, nutzt man einen KI-Agenten, der diese Dienstleistung selbstständig ausführt. Der Fokus liegt nicht auf dem Tool, sondern auf dem Ergebnis – man kaufst quasi das Resultat einer Arbeit, nicht ein Werkzeug.

