Constellr: SpaceTech sammelt 37 Millionen Euro für Wärmebild-Satelliten
Das SpaceTech-Startup Constellr mit Hauptsitz in München hat sich in seiner Series-A-Runde 37 Millionen Euro gesichert – eine der größten Frühphasen-Finanzierungen im europäischen Raumfahrtsektor. Alpine Space Ventures und Lakestar führten die deutlich überzeichnete Runde an, an der sich auch Semapa Next, Bayern Kapital, Cardumen Capital sowie Bestandsinvestoren wie Vsquared und der EIC Fund beteiligten.
Das frische Kapital soll den Ausbau der eigenen Satellitenkonstellation vorantreiben. Rund 60 Kunden nutzen bereits die Wärmebilder von Constellr – darunter Agrarchemiekonzerne, Lebensmittelhersteller sowie die deutsche, französische und europäische Raumfahrtagentur. Auch das japanische Militär greift auf die Satellitenbilder zurück.
Die neue Investition bringt die Gesamtfinanzierung auf 75 Millionen Euro. Das 2020 gegründete Unternehmen dürfte auf eine Bewertung im dreistelligen Millionenbereich kommen und beschäftigt mittlerweile über hundert Mitarbeiter:innen. Im vergangenen Jahr hat das Constellr zwei Satelliten in eine Umlaufbahn von 520 Kilometern Höhe gebracht, die mit Infrarotsensoren die Erdoberfläche scannen.
Europäische Autonomie im Fokus
CEO Max Gulde betont die strategische Bedeutung für Europa: „Thermische Aufklärung liefert das früheste und zuverlässigste Signal operativer Veränderungen, von der Erkennung von Raketen- und Luftwaffenstützpunkt-Aktivitäten bis zur Identifizierung aktiver Reaktoren und versteckter Industrieanlagen. Europa muss diese Fähigkeit besitzen.“ Klaus Hommels von Lakestar ergänzt: „Die Förderung europäischer Tech-Resilienz und Souveränität ist Lakestars Kernmission. Die strategische Autonomie und Verteidigungsfähigkeiten unseres Kontinents hängen davon ab, jede Dimension weltraumgestützter Aufklärung zu beherrschen.“
Verteidigungsanwendungen und technische Präzision
Ein konkreter Anwendungsfall zeigt die militärische Relevanz: Für eine Aufklärungsanfrage hat Constellr maritime Aktivitäten in der Nähe des russischen Atom-U-Boot-Stützpunkts Rybachiy überwacht. Durch die Erfassung der Temperatur auf der Wasseroberfläche konnten Präsenz und Bewegungsmuster von Schiffen analysiert werden – besonders bei nächtlichen Operationen, wenn optische Aufnahmen versagen.
Thermische Signaturen von Kielwasser bleiben bis zu 60 Minuten lang sichtbar und ermöglichen so Rückschlüsse auf Richtung und Geschwindigkeit der Schiffe. Bulent Altan von Alpine Space Ventures erklärt: „Die Technologie von Constellr liefert eine Aufklärungsfähigkeit, die Europa lange gebraucht hat: die Fähigkeit zu sehen, nicht nur wo sich Objekte befinden, sondern wie sie operieren.“
„Die Technologie zu entwickeln, war unwahrscheinlich schwierig“, so Gulde gegenüber Handelsblatt. Wärmebilder erreichen nur ein Zehntel der Auflösung optischer Kameras, und Störquellen wie Fabrikschornsteine oder andere Wärmequellen erschweren präzise Messungen. Constellr hat daher eine spezielle Kühlsensorik entwickelt, die mit Helium arbeitet und extreme Temperaturschwankungen im All ausgleicht – je nachdem, ob sich der Satellit der Sonne, dem Weltraum oder der Erde zuwendet. Die Technologie basiert auf siebenjähriger Forschung am Fraunhofer EMI-Institut in Freiburg. Gulde ist überzeugt: „Wir beobachten 35 andere Anbieter und keiner kann, was wir können.“
Auch für die Landwirtschaft im Einsatz
Die Anwendungen reichen weit über Verteidigung hinaus. Im Auftrag eines Agrarchemiekonzerns überwacht Constellr etwa Dattelpalmplantagen auf Befall durch den Roten Palmrüssler – ein Käfer, der jährlich rund 500 Millionen Euro Schaden allein im Mittelmeerraum anrichtet. Wenn eine Palme unter Stress gerät, schaltet sie Zellen ab, die für Kühlung durch Verdunstung sorgen, wodurch die Blatttemperatur steigt. Die Infrarotkamera des Satelliten erkennt dies zwölf bis 14 Tage früher als traditionelle Diagnosemethoden. Mit diesen Informationen können Agrarchemieanbieter gezielt zu Landwirtschaftsbetriebe gezielt anspechen und Schädlingsbekämpfungsmittel verkaufen.
Constellr hat im vergangenen Jahr rund zwei Millionen Euro umgesetzt, für 2026 peilt das Startup einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag an. Gulde sieht besonders im Verteidigungssektor großes Potenzial: „Wir arbeiten mit öffentlichen Institutionen auf der ganzen Welt zusammen und sind in sehr konkreten Gesprächen – auch mit der Bundeswehr, für die das Thema schon heute eine wichtige Rolle spielt.“
Bis 2028 will Constellr zudem eine zweite Satellitengeneration mit einer räumlichen Auflösung von fünf Metern oder besser in den Orbit bringen. Die dritte und vierte Generation sollen die Auflösung auf 2,5 Meter verbessern. Das Ziel: Bis 2032 eine Konstellation von 50 bis 100 Satelliten aufbauen, um alle 30 Minuten jeden Punkt der Welt erfassen zu können.
