Russland könnte bald NATO-Gebiet angreifen, warnt dänischer Geheimdienst
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Je stärker Russland unter Druck gerät, desto größer wird die Gefahr für Europa: So lässt sich die neue Bedrohungsanalyse des dänischen Militärgeheimdienstes zusammenfassen. Der Forsvarets Efterretningstjeneste (FE) hält es in einer soeben veröffentlichten Einschätzung zur Bedrohung durch Russland für möglich, dass Moskau bereits in den kommenden Monaten einen begrenzten militärischen Angriff auf ein oder mehrere NATO-Länder mit Grenze zu Russland startet. Das Risiko sei zwar gering, wachse aber.
Gleichzeitig erwartet der Dienst, dass Russland seinen hybriden Krieg gegen Europa deutlich verschärft. Eine großangelegte Invasion eines NATO-Staates halten die dänischen Analyst:innen hingegen weiterhin für höchst unwahrscheinlich.
Hybrider Krieg eskaliert
Laut FE hat sich die Sicherheitslage weiter verschlechtert. Russland setze verstärkt auf Sabotage und zerstörerische Cyberangriffe und greife Ziele in Europa mit Drohnen an. Als Beispiel nennt der Geheimdienst den vereitelten Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig/Halle, den Russland nach Angaben deutscher Behörden über mehrere Monate geplant habe.
Moskau sei außerdem risikobereiter geworden. Russische Drohnen und in einigen Fällen sogar Raketen seien bereits in NATO-Staaten eingeschlagen, die an die Ukraine grenzen. In Dänemark selbst hat der Inlandsgeheimdienst PET öffentlich davor gewarnt, dass Russland Sabotageakte gegen Rüstungsunternehmen auf dänischem Boden plane und vorbereite.
Auch in der Ostseeregion trete das russische Militär zunehmend aggressiv gegenüber NATO-Einheiten auf. Den bislang schwersten Vorfall mit dänischer Beteiligung gab es vor wenigen Tagen: Eine russische Fregatte feuerte in den Gewässern vor Gedser Leuchtraketen auf einen dänischen Militärhubschrauber ab.
Bisher hätten die hybriden Attacken vor allem darauf abgezielt, Angst zu verbreiten und die öffentliche Unterstützung für die Ukraine-Hilfe zu schwächen. Inzwischen versuche Russland zunehmend direkt, Lieferungen an die Ukraine zu verhindern, etwa durch Sabotage an Rüstungsfirmen oder am Bahntransport von Militärgerät. Der FE rechnet damit, dass solche Angriffe häufiger werden und schwerere Folgen haben. Denkbar seien Cyberangriffe, die kritische gesellschaftliche Funktionen lahmlegen, sowie Sabotageakte mit hohem Risiko für Todesopfer.
Warum ausgerechnet jetzt
Die Argumentation des dänischen Geheimdienstes dreht sich um ein Zeitfenster. Russland stehe so stark unter Druck wie zu keinem anderen Zeitpunkt des Krieges gegen die Ukraine. Ukrainische Langstreckenangriffe richteten immer größere Schäden tief im russischen Hinterland an, die russische Armee erleide schwere Verluste für minimale Geländegewinne. Die Wirtschaft stehe wegen der Militärausgaben, der internationalen Sanktionen und der ukrainischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur am Rand einer schweren Krise.
Ein größerer Durchbruch in der Ukraine sei für Russland in den nächsten sechs Monaten nicht in Sicht. Zugleich sei es höchst unwahrscheinlich, dass Präsident Wladimir Putin bei seinen grundlegenden Kriegszielen Kompromisse eingeht.
Hinzu kommt der Blick auf Europa: Moskau gehe davon aus, dass der Kontinent schrittweise eigenständige militärische Fähigkeiten aufbaut, die bis 2030 eine wachsende Bedrohung für Russland darstellen würden. Die kommenden Jahre seien aus russischer Sicht daher eine Gelegenheit, in der Putin zu dem Schluss kommen könnte, dass sich das Risiko lohnt, die europäische Sicherheitsordnung drastisch zu verändern. Es sei wahrscheinlich, dass er versuchen werde, den aktuellen Verlauf zu ändern.
Wie ein begrenzter Angriff aussehen könnte
Einen begrenzten militärischen Angriff bezeichnet der FE als Verzweiflungstat. Er könnte auch dann erfolgen, wenn der Krieg in der Ukraine weiterläuft und Russland noch gar nicht über die Fähigkeiten für einen regionalen Krieg verfügt. Ziel wäre, europäische Ressourcen von der Ukraine-Unterstützung abzuziehen und die NATO zu spalten, falls sich das Bündnis nicht auf eine gemeinsame Antwort einigen kann.
Der Geheimdienst skizziert mehrere Szenarien:
- Gezielte Schläge: Vereinzelte Angriffe mit Langstreckenwaffen auf Infrastruktur, die für die Ukraine-Hilfe wichtig ist. Russland könnte anschließend behaupten, die Waffen seien nur wegen ukrainischer Störsender auf NATO-Gebiet gelandet.
- Operation unter falscher Flagge: Russland könnte ukrainische Drohnen einsetzen, um ein NATO-Land anzugreifen.
- Truppen ohne Hoheitszeichen: Eine begrenzte Zahl von Soldat:innen, möglicherweise ohne nationale Abzeichen, könnte in NATO-Staaten mit Grenze zu Russland vorrücken. Davor würde Russland aber wahrscheinlich reguläre Truppen an der Grenze zusammenziehen, um auf eine NATO-Reaktion vorbereitet zu sein. Ein solcher Aufmarsch würde mehrere Monate dauern und ließe sich kaum verbergen.
Invasion weiterhin unwahrscheinlich
Für eine vollständige Invasion eines oder mehrerer NATO-Länder sieht der FE nach wie vor keine Anzeichen. Selbst wenn Russland sich dazu entschließen sollte, bräuchte es für Vorbereitung und Truppenaufbau vermutlich mindestens sechs Monate. Ausschließen lasse sich ein solcher Schritt dennoch nicht.
Entscheidend ist laut dem Bericht Moskaus Einschätzung der Reaktion des Westens. Russland werde militärisch wahrscheinlich nur dann angreifen, wenn es davon ausgeht, damit keine kollektive militärische Antwort der NATO und somit keinen Krieg auszulösen. Wo genau diese Schwelle liegt, sei für Russland aber vermutlich selbst unklar. Daraus ergebe sich ein Risiko: Moskau könnte zu dem Schluss kommen, dass die NATO-Staaten nicht gemeinsam reagieren, besonders dann, wenn es annimmt, dass die USA die europäischen Verbündeten in einem Krieg gegen Russland nicht unterstützen können oder wollen.
Was andere Geheimdienste sagen
Mit seiner Warnung steht Dänemark nicht allein da, die Einschätzungen in Europa gehen aber auseinander. Wie der Guardian vor wenigen Tagen berichtete, rechnet der Chef des tschechischen Inlandsgeheimdienstes BIS, Michal Koudelka, mit begrenzten Vorstößen, Provokationen unter falscher Flagge oder massiven Einflusskampagnen „innerhalb von Monaten, nicht Jahren“. Schwedens Militärgeheimdienstchef Thomas Nilsson sieht in dem vereitelten Drohnenangriff auf Leipzig/Halle einen „Gamechanger“. Zurückhaltender äußerte sich Normunds Mežviets, Leiter des lettischen Staatssicherheitsdienstes: Er sehe keine Anzeichen für einen unmittelbar bevorstehenden Angriff, auch wenn Russland sich auf ein offensiveres Vorgehen vorbereite. Der estnische Auslandsnachrichtendienst war Anfang des Jahres zu dem Schluss gekommen, dass Russland 2026 keinen Angriff auf Estland oder die NATO plane, das Land aber weiter massiv aufrüste.
Frühere Zeitpläne bleiben gültig
Die neue Analyse ergänzt eine Einschätzung, die der FE im Februar 2025 veröffentlicht hatte. Damals skizzierte der Dienst, wann Russland für verschiedene Kriegsformen bereit sein könnte, unter der Voraussetzung, dass der Ukraine-Krieg endet oder einfriert, Russland militärisch schneller aufrüstet als der Westen und Moskau nicht mit US-Unterstützung für Europa rechnet:
- Etwa sechs Monate: Russland wäre fähig zu einem lokalen Krieg gegen ein Nachbarland.
- Etwa zwei Jahre: Russland wäre eine glaubwürdige Bedrohung für NATO-Staaten und bereit für einen regionalen Krieg im Ostseeraum.
- Etwa fünf Jahre: Russland wäre bereit für einen großangelegten Krieg auf dem europäischen Kontinent.
Diese Zeitrahmen bleiben laut FE bestehen. Die aktualisierte Bewertung betrifft dagegen die unmittelbare Zukunft: Russlands Bereitschaft und Fähigkeit, in den kommenden Monaten gegen den Westen zu eskalieren, sei es durch häufigere und schwerere hybride Angriffe oder durch begrenzte militärische Schläge gegen NATO-Staaten an der russischen Grenze.

