Der Anthropic-Schock lässt SaaS-Aktien weiter abstürzen
Wenn KI-Agenten Aufgaben erledigen und individualisierte Software erstellen – wozu braucht es dann noch Software as a Service? Diese Frage stellen sich nicht nur Unternehmen, sondern mittlerweile auch Aktionäre. Aktuell werden SaaS-Aktien an den Börsen hart abverkauft.
Denn die Veröffentlichung neuer KI-Funktionen durch das Unternehmen Anthropic vor kurzem unter dem Namen Claude Cowork hat zu erheblichen Turbulenzen an den Aktienmärkten geführt. Besonders betroffen waren Software- und Datendienstleister, deren Geschäftsmodelle durch die neuen Automatisierungsmöglichkeiten infrage gestellt werden.
Claude Cowork als Auslöser der Verkaufswelle
Anthropic positioniert sich aktuell als das Anti-OpenAI: Anstatt auf die breite Masse und Werbung zu setzen, wird der Chatbot Claude mehr und mehr zum Arbeitstool, mit dem man Code schreiben, aber auch vielfältige Arbeitsaufgaben erledigen können soll.
Anthropic erweiterte sein KI-Tool Claude Cowork um spezialisierte Funktionen für Marketing, Recht und Finanzen. Diese Plug-ins automatisieren komplexe Arbeitsabläufe, die bisher teure Spezialsoftware und umfangreiche Personalressourcen erforderten. Die Ankündigung führte zu einer Neubewertung zahlreicher Technologieunternehmen durch Investoren.
Besonders betroffene Sektoren
Juristische Datenbanken und Informationsdienste
Die stärksten Kursverluste erlitten Anbieter professioneller Datenbanken. Thomson Reuters, Betreiber der Rechtsdatenbank Westlaw, verzeichnete einen Kursrückgang von fast 18 Prozent. Der britische Konkurrent RELX (LexisNexis) büßte 14,4 Prozent an einem Tag ein, gefolgt von weiteren 1,3 Prozent am Folgetag. Der niederländische Anbieter Wolters Kluwer verlor rund 13 Prozent.
Analysten führen die Verluste darauf zurück, dass Anthropics Rechts-Plug-in Funktionen wie die Prüfung von Vertraulichkeitsvereinbarungen, Compliance-Checks und die Erstellung juristischer Briefings übernehmen kann. Dies stelle das traditionelle Lizenzmodell dieser Unternehmen grundsätzlich infrage.
Werbe- und Marketingagenturen
Auch große Werbekonzerne gerieten unter Druck. Publicis verlor über 9 Prozent an Wert, nachdem das Unternehmen angekündigt hatte, rund 900 Millionen Euro für KI-Akquisitionen bereitzustellen. Omnicom verzeichnete einen Rückgang von über 11 Prozent. Die britische WPP fiel um 11,8 Prozent, am Folgetag weitere 3,7 Prozent.
Analysten von Barclays stufen Werbeagenturen als besonders gefährdet ein, sollten KI-Agenten künftig Kampagnen autonom planen und umsetzen können.
Hier der Börsenkurs von Alphabet im Monatsverlauf im Vergleich zu SaaS-lastigen ETFs und führenden Software-Unternehmen:
- Global X Cloud Computing ETF (CLOU)
- First Trust Cloud Computing ETF (SKYY)
- WisdomTree Cloud Computing Fund (WCLD)
- Adobe
- Salesforce
- Intuit
- Workday
- SAP
- Palantir
- Oracle
- AppLovin
- ServiceNow

Chipsektor ebenfalls unter Druck
Parallel zu den Software-Verlusten gerieten auch Halbleiterhersteller in Bedrängnis. AMD verzeichnete mit einem Minus von 17,3 Prozent den stärksten Tagesverlust seit 2017, obwohl das Unternehmen solide Quartalszahlen vorgelegt hatte. Analysten von Jefferies erklärten, die Erwartungen seien im Vorfeld zu hoch gewesen.
Qualcomm fiel nach Börsenschluss um etwa 9 Prozent, nachdem das Unternehmen einen schwächeren Umsatzausblick gegeben hatte. CEO Cristiano Amon führte dies auf branchenweite Engpässe bei Speicherchips zurück. Nvidia, der führende Anbieter von KI-Chips, verlor 3,4 Prozent.
Globale Auswirkungen
Die Verkaufswelle erfasste auch asiatische Märkte. In Australien fiel Xero deutlich, in China verlor die in Hongkong notierte Kingsoft Corporation, und in Indien gerieten die IT-Dienstleister Infosys und Tata Consultancy Services unter Druck.
Bitcoin, oft als Indikator für Risikobereitschaft betrachtet, fiel bereits wie berichtet auf 70.000 Dollar. Damit liegt BTC nunmehr 45 Prozent unter seinem Allzeithoch im Oktober 2025 bei 126.000 Dollar (mehr dazu hier). Der Vergleich zum DeepSeek-Schock von 2025 drängt sich förmlich auf.
Hintergrund und Ausblick
Die Marktreaktion spiegelt eine grundlegende Unsicherheit über die Auswirkungen generativer KI auf etablierte Geschäftsmodelle wider. Während KI-Technologie zunächst als Wachstumstreiber für Softwareunternehmen galt, sehen Investoren nun das Risiko, dass diese Technologie bestehende Anbieter obsolet machen könnte.
Das traditionelle Software-as-a-Service-Modell (SaaS), bei dem Lizenzgebühren pro Nutzer erhoben werden, gerät unter Druck, wenn KI-Tools es ermöglichen, mit deutlich weniger Personal die gleichen Aufgaben zu erledigen. Anthropic selbst bereitet Berichten zufolge eine neue Finanzierungsrunde bei einer Bewertung von über 350 Milliarden Dollar vor, was die unterschiedliche Bewertung von KI-Entwicklern gegenüber traditionellen Software-Anbietern unterstreicht (mehr dazu hier).
Ob die Kursverluste eine dauerhafte Neubewertung oder eine vorübergehende Überreaktion darstellen, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Entscheidend wird sein, inwieweit etablierte Unternehmen eigene KI-Lösungen entwickeln und in ihre Produkte integrieren können.

