Die AI Tiger kommen: Wie Chinas Open Source-Startups Börsen und Benchmarks erobern
Die Hongkonger Börse erlebt zu Jahresbeginn 2026 einen beispiellosen Ansturm chinesischer Technologieunternehmen. Im Dezember 2025 debütierten bereits 25 Firmen an der HKEX – der geschäftigste Monat seit 2019. Nun drängen die großen Namen der chinesischen AI-Szene nach: MiniMax, Zhipu AI und eine Reihe weiterer Startups positionieren sich für Börsengänge, die zusammen mehrere Milliarden Dollar einbringen sollen. Die Wahl von Hongkong als Listing-Plattform erfolgt nicht zufällig: US-Börsen bleiben wegen politischer Spannungen verschlossen, während Shanghai für unprofitable Tech-Firmen oft zu restriktiv agiert. Gleichzeitig explodieren die Kosten für Rechenzentren und High-End-Chips, was die Startups zum Kapitalmarkt treibt.
Mit MiniMax, Zhipu AI (GLM-Modelle; international als Z.ai unterwegs), Moonshot AI (Kimi-Modelle) und natürlich DeepSeek hat China eine Reihe von sehr fähigen KI-Startups hervorgebracht. Wie Benchmarks zeigen, dominieren sie mittlerweile die Ranglisten von Open Source-Modellen und haben es 2025 geschafft, große westliche Namen wie OpenAI, Meta oder Mistral AI in die Schranken zu weisen:

Wie stark chinesische KI-Startup sein können, zeigt Manus: Aus Singapur heraus operierend, schaffte des das auf AI Agents spezialisierte Unternehmen, 100 Mio. Dollar ARR aufzubauen, und letztendlich den Verkauf an Meta um etwa 2 Milliarden Dollar (Trending Topics berichtete).
MiniMax und Zhipu AI eröffnen den IPO-Reigen
Das Shanghaier Unternehmen MiniMax macht den Anfang und strebt einen Handelsstart am 9. Januar 2026 an. Die Firma bietet 25,4 Millionen Aktien zu einem Preis zwischen 19,40 und 21,20 Dollar an, was ein Emissionsvolumen von rund 540 Millionen Dollar ergibt. Besonders bemerkenswert: Alibaba und die Abu Dhabi Investment Authority fungieren als Ankerinvestoren, flankiert von IDG Capital, Perseverance Asset Management und Südkoreas Mirae Asset. Diese Konstellation signalisiert internationales Vertrauen, auch wenn MiniMax 2024 lediglich 30,5 Millionen Dollar Umsatz erzielte – ein Bruchteil der prognostizierten 13 Milliarden Dollar, die OpenAI für 2025 anpeilt. Die Bewertungsfrage bleibt heikel: Investoren müssen abwägen, ob sie an langfristiges Wachstum glauben oder die kurzfristige Rentabilitätslücke scheuen.
Fast zeitgleich mit MiniMax geht Zhipu AI am 8. Januar 2026 an die Börse. Das Unternehmen, das international als Z.ai auftritt und enge Verbindungen zur Tsinghua-Universität pflegt, hat seine Aktien zu 116,20 Hongkong-Dollar angesetzt und strebt Einnahmen von 4,35 Milliarden Hongkong-Dollar an – umgerechnet etwa 560 Millionen US-Dollar. Nach dem Listing rechnet Zhipu mit einer Marktkapitalisierung von rund 51 Milliarden Hongkong-Dollar. Die Firma hat in acht Finanzierungsrunden bereits 8,3 Milliarden Yuan eingesammelt, gestützt von Tech-Giganten wie Meituan, Alibaba, Tencent und Xiaomi. Analysten erwarten, dass das Retail-Tranche-Bookbuilding mehr als 400.000 Privatanleger in Hongkong anziehen könnte, warnen aber vor überzogenen Erwartungen an die Ersttagsperformance.
Moonshot setzt auf Unabhängigkeit statt Börsengang
Während MiniMax und Zhipu den Gang aufs Parkett wagen, schlägt Moonshot AI einen anderen Weg ein. Das Pekinger Unternehmen, bekannt für seinen Kimi-Chatbot, hat Anfang kürzlich eine Series-C-Runde über 500 Millionen Dollar abgeschlossen. IDG Capital führte die Finanzierung mit 150 Millionen Dollar an, Alibaba und Tencent beteiligten sich ebenfalls. Die neue Bewertung liegt bei 4,3 Milliarden Dollar, und Moonshot verfügt nun über Barreserven von mehr als 10 Milliarden Yuan – umgerechnet 1,4 Milliarden Dollar. Gründer Yang Zhilin machte in einem internen Schreiben deutlich, dass sein Unternehmen auf absehbare Zeit keinen Börsengang plane. Mit diesem Finanzpolster kann Moonshot die Marktentwicklung beobachten, ohne sich dem Druck vierteljährlicher Ergebnisberichte auszusetzen. Das Kimi-K2-Modell hat in mehreren Benchmarks OpenAIs GPT-5 und Anthropics Claude Sonnet 4.5 übertroffen, was das Selbstbewusstsein der Firma stärkt.
Die unterschiedlichen Strategien offenbaren die Spaltung im chinesischen AI-Sektor: Auf der einen Seite stehen Firmen wie Z.ai und MiniMax, die dringend frisches Kapital für den Ausbau ihrer Infrastruktur benötigen und bereit sind, die Volatilität öffentlicher Märkte in Kauf zu nehmen. Auf der anderen Seite agieren gut kapitalisierte Player wie Moonshot, Baichuan und 01.AI, die abwarten können.
Alle kämpfen mit denselben Herausforderungen: US-Exportbeschränkungen für Nvidia-Chips verteuern die Beschaffung von Rechenleistung, während der Wettbewerb im sogenannten Kampf der hundert Modelle die Margen drückt. Gleichzeitig hat DeepSeek mit effizienten Open-Source-Modellen demonstriert, dass intelligente Programmierung teils wichtiger ist als schiere Rechenpower – ein Umstand, der die Bewertungslogik der Investoren auf den Kopf stellt.
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob Hongkong tatsächlich zur primären Fundraising-Plattform für Chinas Tech-Sektor aufsteigt. Die Stadt hat 2025 bereits den höchsten IPO-Erlös seit vier Jahren verzeichnet und positioniert sich als weltweit führender Börsenplatz. Doch die Liquidität wird auf die Probe gestellt: Beobachter warnen, dass der Markt zwar Emissionen im Milliarden-Bereich verkraften kann, bei Mega-Deals über 10 Milliarden Hongkong-Dollar aber an Grenzen stoßen könnte. Für Chinas AI-Startups geht es um mehr als Kapital – es geht um den Nachweis, dass sie auch ohne Zugang zu US-Märkten und US-Chips international wettbewerbsfähig bleiben können. Der Januar 2026 wird als Wendepunkt in die Geschichte eingehen, an dem sich entscheidet, ob die neuen AI-Tiger wirklich springen können.


