19 Millionen Euro von der EIB: Reactive Technologies misst, wie stabil Europas Stromnetze wirklich sind
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Ein Stromnetz ist ein Kraftwerk, das nie schlafen darf, und immer weniger Netzbetreiber:innen wissen in Echtzeit, wie viel Reserve es noch hat. Genau diese Lücke will Reactive Technologies schließen. Die Europäische Investitionsbank (EIB) stellt dem Grid-Tech-Unternehmen mit Sitz in London und Forschungszentrum im finnischen Oulu nun 19 Millionen Euro Venture Debt zur Verfügung, wie die EIB mitteilt. Bis zu 7 Millionen Euro fließen in die Forschung in Oulu, 12 Millionen in den Ausbau in der EU.
Trägheit als Frühwarnsystem
Das Produkt von Reactive Technologies heißt GridVerix und misst in Echtzeit, wie viel Trägheit ein Stromnetz hat. Gemeint ist die kinetische Energie, die in den rotierenden Generatoren klassischer Kraftwerke steckt und die das Netz bei plötzlichen Störungen abfedert. Je mehr Wind- und Solarstrom ins Netz fließt, desto weniger dieser rotierenden Masse gibt es, und desto anfälliger wird das System für Frequenzschwankungen. Zusätzlich erfasst die Plattform die Spannungsstabilität in einzelnen Netzabschnitten.
Bisher schätzen Netzbetreiber diese Werte meist mit Modellen. Reactive Technologies misst sie direkt, indem es das Netz mit winzigen Impulsen anregt und die Reaktion auswertet. Der Nutzen laut EIB:
- Schwachstellen erkennen: Betreiber sehen, wo das Netz anfällig ist, bevor etwas passiert.
- Mehr Erneuerbare anschließen: Wer die tatsächliche Reserve kennt, kann mehr Wind und Solar einspeisen, ohne die Sicherheit zu gefährden.
- Weniger Abregelung: Erneuerbare müssen seltener gedrosselt werden, was Kosten für Verbraucher:innen senkt.
- Großverbraucher integrieren: Auch neue Rechenzentren lassen sich leichter einbinden.
„GridVerix kann Betreibern helfen, das System sicher zu halten, effizienter zu arbeiten und Kosten zu senken“, sagt CEO und Mitgründer Marc Borrett. Das Unternehmen wurde 2010 von Borrett und Heikki Huomo gegründet und ist neben Europa auch in den USA, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Australien aktiv.
Teil der TechEU-Offensive
Die Finanzierung läuft über das Programm InvestEU und zählt zur TechEU-Initiative, mit der die EIB-Gruppe strategische Technologien in Europa fördern will. Auf Seiten der EIB verantwortet Vizepräsident Karl Nehammer, der frühere österreichische Bundeskanzler, die Transaktion. Venture Debt bedeutet, dass Reactive Technologies das Geld als Kredit erhält und keine Anteile abgibt, ein Modell, das die EIB zunehmend für Deep-Tech-Firmen einsetzt.
Das Thema ist aktuell: Der Stromausfall auf der Iberischen Halbinsel im Frühjahr 2025 hat gezeigt, wie verwundbar Netze mit hohem Erneuerbaren-Anteil bei fehlender Trägheit sind. Und wie wir kürzlich berichtet haben, kommt mit KI-Rechenzentren eine neue Klasse von Großverbraucher:innen dazu, für die es genau diese Netzdaten braucht. Im Grid-Monitoring konkurriert Reactive Technologies mit etablierten Anbietern wie Siemens Energy und Hitachi Energy sowie mit Startups, die ähnliche Messverfahren entwickeln.

