SaaS-pocalypse Now – mit Clemens Wasner & Jakob Steinschaden
Mitte Jänner 2026 hat Anthropic mit dem Launch von Claude Cowork eine Schockwelle durch die Software-as-a-Service-Branche geschickt. Innerhalb weniger Tage brachen die Aktienkurse etablierter SaaS-Unternehmen um bis zu 30 Prozent ein. Was als technologische Innovation begann, entwickelte sich zu einem Wendepunkt für eine gesamte Industrie.
Dieser Wendepunkt wird mittlerweile „SaaSpocalypse“ genannt – möglicherweise der Anfang vom Ende von Software-as-a-Service-Modellen, die die Tech-Welt derzeit prägen. Im neuen AI Talk widmen sich Jakob Steinschaden, Mitgründer von newsrooms und Trending Topics, und Clemens Wasner, CEO von EnliteAI und Vorsitzender von AI Austria, diesem Thema im Detail.
Der Auslöser: Claude Cowork als KI-Arbeitsassistent
Claude Cowork ist ein agentisches System, das direkt in die Desktop-Anwendung von Anthropic integriert ist. Anders als bisherige KI-Tools beschränkt sich Cowork nicht auf Textgenerierung, sondern kann eigenständig Aufgaben in verschiedenen Programmen ausführen. Das System erstellt Excel-Tabellen, bearbeitet PowerPoint-Präsentationen, verwaltet E-Mails und greift auf Cloud-Speicher zu.
Die technische Grundlage bildet das Claude Opus 4.6 Modell, das in unabhängigen Tests auf Arena.ai mittlerweile Platz 1 belegt und damit selbst Googles lange führendes Gemini 2.5 Pro übertrifft. Nutzer zahlen etwa 22 Euro monatlich für den Zugang zu Cowork, deutlich weniger als für spezialisierte SaaS-Lösungen.

Dramatische Börsenreaktionen
In der Woche nach dem Launch von Cowork erlebten zahlreiche börsennotierte SaaS-Unternehmen massive Kursverluste:
- Adobe, Salesforce, Intuit und Workday verloren deutlich zweistellige Prozent an Börsenwert
- Cloud-Computing-ETFs wie der GlobalX Cloud Computing ETF und der First Trust Cloud Computing ETF verzeichneten ähnliche Einbrüche
- SAP, Oracle, Palantir und ServiceNow waren ebenfalls betroffen
- Im Gegensatz dazu stiegen die Kurse von Hyperscalern wie Google
Analysten führten die Marktreaktion direkt auf die Veröffentlichung von Cowork zurück. Die Geschwindigkeit der Entwicklung überraschte selbst Branchenkenner: Nur drei Wochen nach dem Launch diskutierte die Fachwelt bereits über die grundsätzliche Zukunftsfähigkeit traditioneller SaaS-Geschäftsmodelle.

Der dritte KI-Schock
Die Markterschütterung reiht sich in eine Serie disruptiver KI-Ereignisse ein. Nach dem Launch von ChatGPT Ende 2022, der vor allem B2C-Geschäftsmodelle unter Druck setzte (etwa das Bildungsunternehmen Chegg mit über 90 Prozent Kursverlust), und dem DeepSeek-Release Anfang 2025, der die Open-Source-KI-Entwicklung beschleunigte, stellt Cowork nun den ersten großen B2B-Schock dar.
Der entscheidende Unterschied: Während frühere Disruptions-Wellen Zeit zur Anpassung ließen, realisieren Unternehmensverantwortliche bei Cowork sofort die Konsequenzen. Jeder, der das Tool ausprobiert, erkennt das Potenzial zur Automatisierung von Wissensarbeit.
Warum SaaS-Unternehmen unter Druck geraten
Die Bedrohung für etablierte Software-Anbieter ist mehrschichtig:
Wegfall spezialisierter Tools
Systeme wie Adobe-Produkte wurden für menschliche Experten entwickelt. In einer Zukunft, in der KI-Agenten diese Tools bedienen oder Aufgaben direkt per Code lösen, entfällt der Bedarf an komplexen Benutzeroberflächen. Stock-Image-Dienste werden durch KI-Bildgenerierung ersetzt, Videoschnittprogramme durch automatisierte Code-Lösungen.
Automatisierung von Workflows
Tools wie Zapier, die verschiedene Anwendungen miteinander verbinden, verlieren an Bedeutung. Was bisher über API-Integrationen lief (etwa das automatische Anlegen einer Rechnung, wenn im CRM ein Deal abgeschlossen wird), erledigen KI-Agenten künftig eigenständig.
Plattform-Abhängigkeit
SaaS-Anbieter stehen vor der Frage, ob sie eigenständige Anwendungen bleiben oder zu Plugins in den Ökosystemen von Anthropic oder OpenAI werden. Während die Reichweite von ChatGPT mit 900 Millionen Nutzern verlockend ist, bedeutet die Integration auch den Verlust direkter Kundenbeziehungen.
Neue Geschäftsmodelle und Überlebensstrategien
Branchenexperten identifizieren zwei zentrale Kategorien für zukunftsfähige SaaS-Unternehmen:
System of Records
Unternehmen, die als dauerhafte Datenspeicher fungieren (CRM-Systeme, Buchhaltungssoftware, ERP-Lösungen), haben bessere Überlebenschancen. Große Konzerne werden ihre etablierten Systeme wie Salesforce oder ServiceNow nicht vollständig ersetzen, auch wenn das Wachstum stagnieren könnte.
Datenanbieter mit KI-Integration
Besonders erfolgreich sind Unternehmen, die proprietäre Daten mit KI-Analysen kombinieren. Statt Rohdaten für 200 Dollar monatlich anzubieten, verkaufen sie KI-gestützte Insights für 2.000 Dollar. Ein Beispiel aus Österreich: Der Lackhersteller Gebrüder Dorfner nutzt seinen über 100-jährigen Datenschatz zu Spezialbeschichtungen, um Kunden weltweit KI-basierte Beratung zu lokalen Anforderungen anzubieten.
Usage-basierte Preismodelle
Der Trend geht weg von fixen Abonnements hin zu nutzungsabhängiger Abrechnung. Statt „Software as a Service“ etabliert sich „Service as a Software“, bei dem Kunden für Ergebnisse statt für Zugang zahlen.
Implikationen für Startups und Investoren
Für die Venture-Capital-Branche bedeutet die Entwicklung eine grundlegende Neubewertung. Branchenbeobachter schätzen, dass für etwa 50 Prozent der aktuellen SaaS-Startups die ursprünglichen Wachstumsprognosen nicht mehr zutreffen. Potenzielle Neukunden werden Aufgaben zunehmend selbst mit KI-Tools lösen, statt spezialisierte Software zu kaufen.
Die Konsequenz: Ein verstärkter Druck in Richtung Mergers & Acquisitions. Investoren werden Portfoliounternehmen zum Verkauf drängen, wenn Follow-on-Finanzierungen unrealistisch werden. Experten erwarten eine Konsolidierungswelle ähnlich der Private-Equity-Bewegung der 1980er-Jahre.
Ausblick: Parallelen zur Coding-Revolution
Die Entwicklung im Bereich Wissensarbeit könnte der Disruption im Coding-Sektor folgen. Dort galt Claude Code im Frühjahr 2024 noch als interessantes Experiment, bevor es ab Sommer massiv an Bedeutung gewann. Mit den aktuellen Releases von Opus 4.5 und 4.6 sowie OpenAIs Codex 5.3 hat sich Coding grundlegend verändert.
Für Cowork wird eine ähnliche Entwicklungskurve erwartet. OpenAI arbeitet bereits an vergleichbaren Lösungen, die voraussichtlich bis Ostern 2026 verfügbar sein werden. Das Skills-System von Anthropic, das die Funktionalität durch spezialisierte Systemprompts erweitert, entwickelt sich rasant weiter.
Prognosen aus dem Silicon Valley gehen davon aus, dass künftig 80 Prozent der Software nur noch von agentischen Systemen gesteuert wird, während nur 20 Prozent direkt von Menschen bedient werden. Dieser Paradigmenwechsel stellt nicht nur einzelne Unternehmen, sondern eine gesamte Industrie vor existenzielle Fragen.
Ob die Bezeichnung „SaaSPocalypse“ gerechtfertigt ist oder die Reaktion überzogen, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Fest steht: Die Geschwindigkeit der Veränderung lässt etablierten Anbietern wenig Zeit zur Anpassung. Wer nicht über einzigartige Daten, tiefe Domain-Expertise oder eine Position als unverzichtbarer Datenspeicher verfügt, muss sein Geschäftsmodell grundlegend überdenken.

