Die ehrliche Startup-Prognose 2026: 9 Trends von DeepTech über AI bis Robotics
Die goldenen Jahre des Easy Money sind vorbei. Was bleibt, ist ein europäisches Startup-Ökosystem im Realitätscheck – härter, fokussierter und ehrlicher als je zuvor. Als Investor beim OÖ HightechFonds beobachte ich gemeinsam mit meinem Co-Geschäftsführer Christian Matzinger täglich, wie sich die Spielregeln fundamental verändert haben und stetig verändern. Hier sind meine neun wichtigsten Thesen für 2026 – ohne Beschönigung, dafür mit Blick auf das, was wirklich zählt.
1. Finanzierung: Das neue Normal ist härter, aber auch ehrlicher
Die Hype-Jahre 2021/22 werden so nie wieder kommen. Die Party ist vorbei (was man an den Investment-Zahlen 2025 in Österreich leider gut sehen kann, mehr dazu hier), und das ist gut so. Was wir 2026 sehen, ist eine Stabilisierung auf einem Niveau, das zwar deutlich unter den Exzessen der Pandemie-Jahre liegt, aber endlich wieder auf fundamentalen Bewertungen basiert.
Die Zeiten, in denen ein Pitch Deck und ein charismatischer Founder für eine Series A reichten, sind Geschichte. Heute zählen Unit Economics, echte Traktion und (Überraschung!) ein profitabler Wachstumspfad. Diese Normalisierung tut dem Ökosystem gut. Die Spreu trennt sich vom Weizen, und wir Investoren konzentrieren uns wieder auf das Wesentliche: nachhaltige Geschäftsmodelle statt Wachstum um jeden Preis.
2. DeepTech: Aus Forschung wird endlich Business
Oberösterreich hat eine große Tradition als Industriestandort mit starken Unternehmen. Und die brauchen Nachwuchs. Was wir jetzt erleben, ist die digitale Renaissance dieser DNA. Deep Tech boomt, weil die Zeit reif ist: KI-Modelle brauchen Hardware, Quantencomputing verlässt die Labore, neue Materialien revolutionieren die Produktion. Endlich fließt Kapital nicht mehr nur in die x-te Softwarelösung, sondern in echte technologische Durchbrüche. Dazu passen auch die vielfältigen Bestrebungen, mehr Spin-offs zu generieren – sie tragen 2026 hoffentlich mehr Früchte als bisher.
Der Trend ist klar: Im Jahr 2025 flossen 36 % der europäischen Risikokapitalinvestitionen in Deep-Tech-Unternehmen, gegenüber nur 19 % im Jahr 2021. Auch für 2026 gehen wir davon aus, dass sich der Trend verstärken wird.
Die langen Entwicklungszyklen schrecken niemanden mehr ab – im Gegenteil, sie werden als natürliche Markteintrittsbarriere geschätzt. Hier spielt Europa seine Stärken aus: exzellente Forschung, ingenieurtechnisches Know-how, geduldiges Kapital. Beispiel hierfür ist unser Portfolio-Unternehmen ecop: Die Rotations-Wärmepupe für die Industrie wird von Gründer Bernhard Adler seit 2011 entwickelt – und 2026 ist das Jahr, in dem das Scale-up nun europaweit seine Technologie ausrollt, die Energie für Betriebe CO2-neutraler und langfristig günstiger machen kann.
3. Female Founders: Bessere Chancen für Funding
Wir haben ein massives Problem mit der Anzahl weiblicher Gründer in Europa, wie Zahlen immer wieder zeigen – da gibt es nichts zu beschönigen. Die Quote ist erschreckend niedrig. Aber hier ist meine ehrliche Beobachtung aus der Praxis: Wenn wir weibliche Founder im Deal Flow haben, haben diese tendenziell keine schlechteren, ich würde sogar sagen eher bessere Chancen auf ein Funding als ihre männlichen Kollegen.
Das Phänomen ist real: Investoren suchen regelrecht nach mehr weiblichen Foundern. Die Nachfrage ist da, das Angebot fehlt. Das ist kein Grund zur Selbstzufriedenheit – im Gegenteil. Es zeigt, dass wir das Problem viel früher anpacken müssen: in der Bildung, in der Unternehmenskultur, bei Role Models, bei der Vereinbarkeit von Familie und Gründertum. Die Investorenseite ist 2026 nicht mehr das Haupthindernis. Die Barrieren liegen woanders, und genau dort müssen wir ansetzen. Solange wir strukturell zu wenige Frauen ermutigen oder befähigen, überhaupt den Schritt ins Gründertum zu wagen, wird sich an den Zahlen nichts ändern – egal wie aufgeschlossen die Investoren sind.
4. Defence Tech: Vom Tabu zum Must-Have
Sagen wir es offen: Noch vor drei Jahren hätte kaum ein europäischer VC öffentlich über Defence Tech gesprochen. Heute ist es das am schnellsten wachsende Segment. Der russische Angriffskrieg, geopolitische Spannungen und die Erkenntnis, dass Freiheit verteidigt werden muss, haben das Narrativ komplett gedreht. Drohnen, Cybersecurity, Satellitentechnologie, autonome Systeme – das sind keine Nischenthemen mehr, sondern strategische Prioritäten. Investoren pumpen Milliarden in den Sektor, und plötzlich ist es nicht nur gesellschaftlich akzeptiert, sondern geradezu patriotisch, in Defence Tech zu investieren.
5. AI: Der Application Layer ist das neue Boom-Segment
Die Foundation Models sind gebaut – von OpenAI, Anthropic, Google. Diesen Vorsprung wird man in Europa wohl nicht mehr einholen können. Trotzdem hat Europa bei KI nicht verloren. Denn das Rennen um die nächste Ebene hat begonnen. 2026 geht es nicht mehr darum, wer das beste Large Language Model trainiert, sondern wer die smartesten Anwendungen auf KI aufsetzt und ins echte Leben, zu den Kunden (B2C oder B2B) bringt.
Gutes Beispiel für Erfolg auf Anwendungsebene ist unser Portfolio-Startup DaphOS. Sie bauen ein KI-Betriebssystem für Krankenhäuser, eine „Glaskugel für Gesundheitseinrichtungen“, wie die Gründer sagen. Der Einsatz bei der oberösterreichischen Gesundheitsholding (OÖG), der Kärntner Landeskrankenanstalten-Betriebsgesellschaft (KABEG) und der Dachverband der Wiener Sozialeinrichtungen beweist, dass KI Praxis werden kann – und in dem Ton wird es 2026 weitergehen.
DaphOS: „Wir bauen eine Glaskugel für Gesundheitseinrichtungen“
6. Robotik: Der industrielle Durchbruch kommt
Jahrelang war Robotik das „next big thing“, das nie kam. Doch 2026 wird anders. Die Konvergenz aus besserer KI, günstigerer Hardware und dem hohen Bedarf an Automatisierung (Stichwort: Fachkräftemangel) bringt den Durchbruch. Wir sehen Roboter in der Logistik, in der Pflege, in der Produktion – nicht als Prototypen, sondern im Einsatz.
Die Investitionszyklen verkürzen sich, die Use Cases werden konkreter, die Akzeptanz steigt. Hier hat Europa eine echte Chance, global zu führen. Wir haben die Ingenieurskultur, die Industriepartner und – nicht zu unterschätzen – den regulatorischen Rahmen, der Sicherheit und Innovation in Balance bringt. Während die Welt über Roboter wie jene von Boston Dynamics, die bald in südkoreanischen Autowerken zum Einsatz kommen werden, staunt, sollten wir das Augenmerk auf europäische Player richten. Neura Robotics aus Deutschland oder Generative Bionics aus Italien zeigen das Potenzial auf, ebenso wie unser Portfolio-Unternehmen silana: Das Startup baut einen Näh-Roboter, der es schaffen kann, On-Demand-Produktion von Kleidung wieder zurück nach Europa zu holen (mehr dazu hier).
silana: „Wir können die Kosten pro Kleidungsstück günstiger als in Asien machen“
7. Climate Tech: Am Scheideweg zwischen Hype und Realität
Seien wir ehrlich: Der Wind ist rauer geworden. Während Europa überproportional viel in Climate Tech investiert – die Zahlen des „State of European Tech Report 2025“ zeigen das deutlich -, ist der globale Enthusiasmus abgekühlt. Die zweite Trump-Ära hat voll zugeschlagen, und zwar so hart, dass die EU etwa auch bei Lieferkettengesetzen zurück ruderte.
Climate Tech funktioniert weiterhin, keine Frage. Aber die easy wins sind gemacht. Jetzt geht es um harte industrielle Transformation, lange Entwicklungszyklen, komplexe Regulierung. Das ist nichts für Schnellschuss-Investoren. Europas selbst ernannte Führungsrolle im Climate Tech steht 2026 am Scheideweg: Entweder wir schaffen den Sprung von der Subventionsblase zur echten Marktreife – oder wir verlieren an Relevanz. Ich bin vorsichtig optimistisch, aber die Naivität der frühen Jahre ist vorbei.
8. Brain Drain vs. Brain Gain: Die Wahrheit liegt in der Mitte
Die Debatte ist polarisierend – und deshalb oft unehrlich. Ja, KI-Forscher werden mit obszönen Gehaltspaketen in die USA gelockt. Ja, mehr Startups gehen nach Amerika als umgekehrt zu uns kommen. Das ist Fakt, und der Grund ist simpel: Die USA haben zehnmal mehr Venture Capital. Punkt. Aber: Immer öfter hören wir von Foundern – Beispiele sind etwa fonio.ai oder Emmi AI -, die bewusst sagen: „Wir könnten in die USA, aber wir bauen von Österreich aus.“
Warum? Lebensqualität. Soziale Sicherheit. Kulturelle Nähe. Exzellente Talente. Und letztlich ein riesiger Markt. Das ist kein Marketing-Geschwätz, das sind echte Standortfaktoren. Der Brain Drain existiert, aber er ist kein Naturgesetz. Wir müssen nur aufhören, uns ständig kleinzureden, und endlich selbstbewusst auftreten.
9. EU Inc: Wichtig, aber nicht alles
Die Debatte um die EU Inc (eine einheitliche europäische Rechtsform für Startups, mehr dazu hier) ist richtig und wichtig. Und es ist toll zu sehen, dass der Österreicher Andreas Klinger federführend in Brüssel tätig ist, dass die EU Inc im Sinne von Gründern Realität wird.
Aber seien wir realistisch: Kein Startup scheitert oder reüssiert, weil es eine EU Inc gibt oder nicht. US-Investoren investieren heute problemlos in eine österreichische GmbH – es geht letztlich um Team und Geschäftsmodell und nicht darum, in welchem rechtlichen Gefäß das Startup steckt.
Die EU Inc wird die Dinge vereinfachen, ja. Aber sie wird das Ökosystem nicht revolutionieren. Was viel dringender ist: die Besteuerung von VSOPs (Virtual Stock Option Plans) angleichen! Solange Mitarbeiter-Beteiligungen steuerlich bestraft werden, werden wir im War for Talent weiter verlieren. Die EU Inc ist ein Symbol, VSOP-Reform ist Substanz. Wir brauchen beides – Einzelmaßnahmen reichen nicht.
Über den Autor: Thomas Meneder ist Investor, Unternehmer und Managing Director des OÖ HightechFonds und sitzt in zahlreichen Startups und Scale-ups im Advisory Board.