Vom Mülleimer zur Kreislaufwirtschaft – Abfallmanagement neu gedacht
Das Wiener Startup Wastics hat sich zum Ziel gesetzt, Unternehmen dabei zu helfen, ihre Abfälle transparent zu managen und Recyclingpotenziale zu erkennen. Im Gespräch mit dem Climate Lab erklärt Co-Founder Stefan Schott, wie die digitale Lösung die Kreislaufwirtschaft vorantreibt und warum dokumentiertes Abfallmanagement für eine nachhaltige Zukunft wichtig ist.
Was macht Wastics genau?
Stefan Schott: Wir stellen eine digitale Plattform bereit, die Unternehmen dabei hilft, ihren Müll besser zu managen, zu recyceln und zu entsorgen. Besser bedeutet kostengünstiger, effizienter und auf eine Art und Weise, dass der Abfall dort endet, wo er am besten verwertet werden kann und die geringsten Umweltauswirkungen verursacht.
Wie spart ein Unternehmen mit Wastics CO2 und Ressourcen?
Abfall verursacht nicht direkt Emissionen, aber die Art seiner Verwertung spielt eine wichtige Rolle. Wenn Abfall deponiert oder verbrannt wird, entstehen Emissionen, und mir entgehen potenzielle Sekundärrohstoffe. Beim Recycling ersetze ich primäre Rohstoffe, deren Extraktion und Transport mit erheblichen Umweltauswirkungen verbunden sind.
Unser Ansatz: Wir schaffen digitale Transparenz und eine Datenbasis. Oft wissen Unternehmen gar nicht, was mit ihren Abfällen passiert, wie viel anfällt und welche Möglichkeiten es gibt. Diese Transparenz macht Verbesserungen erst möglich und hilft, mehr Abfälle in höherwertige Recyclingverfahren zu lenken.
Gibt es dafür ein Beispiel?
Ein Beispiel dafür sind etwa Kunststofffolien. Diese werden meist noch in der Verbrennung entsorgt, können aber rohstofflich verwertet werden.
Welches Projekt oder welche Zusammenarbeit hatte bisher den größten Impact?
Da wir erst seit kurzer Zeit am Markt aktiv sind, gibt es naturgemäß noch keinen wirklich messbaren Impact. Echte Veränderungen im Kreislaufverhalten entstehen meist erst nach ein bis zwei Jahren. Wir können aber klar sehen: Dort, wo Unternehmen mit uns arbeiten, entsteht sofort Transparenz, bessere Datenqualität und erstmals ein strukturiertes Verständnis über ihre Stoffströme. Und das ist oft der Startpunkt für echten Impact.
Ein Beispiel, wie sich diese neu geschaffene Transparenz äußert: Bei einem unserer Industriekunden zeigte sich, dass ein Großteil der Kosten eigentlich durch Nebengebühren und Pauschalen entsteht und nicht durch die tatsächliche Verwertung der Abfälle. Das konnte als Basis für besser verhandelte Verträge genutzt werden.
Einem anderen Kunden wurde durch die neue Transparenz bewusst, dass seine Entsorger zu einigen der Abfälle keine Angabe zum Verwertungsverfahren machen. Daraufhin konnten sie konkret einfordern und darauf basierend entscheiden, ob sie bei der nächsten Vergabe über unsere Plattform an einen Partner mit höherwertigen Verfahren vergeben werden.
Ist Wastics nur für große Unternehmen?
Unsere Kernzielgruppe sind größere Unternehmen, aber wir haben auch kleinere Kunden, die einzelne Teile der Plattform nutzen. Ein Beispiel ist das digitale Abfallwirtschaftskonzept – ein Dokument, das jeder Betrieb mit mehr als 21 Mitarbeitenden erstellen muss. Wir unterstützen auch Unternehmen mit nur 25 oder 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dabei, dieses Dokument schnell, rechtssicher und vollständig zu erstellen. In Zusammenarbeit mit der Wirtschaftskammer Wien wird dieser Teil ab nächstem Jahr für alle Betriebe in Wien kostenlos nutzbar sein. Das ist sehr empfehlenswert, um den Ist-Stand zu erheben und Verbesserungen abzuleiten.
Unabhängig von der Unternehmensgröße haben wir gelernt: Es macht immer Sinn, genauer auf die Abfallwirtschaft zu schauen. Oft läuft das nebenbei und wird vernachlässigt, weil der Abfall ja abgeholt wird. Aber oft gibt es gutes Potenzial, das man einfach nicht im Blick hat.
Was sind die Vorteile für Unternehmen? Kann die Zusammenarbeit mit Wastics als USP genutzt werden?
Im gewissen Sinne schon. Unternehmen sparen Zeit in der Verwaltung, reduzieren Entsorgungskosten und gewinnen einen Wettbewerbsvorteil. In der Kommunikation können sie zeigen, dass sie aktiv ein Tool nutzen, das ihren Müll bestmöglich verwertet und dokumentiert.
Zudem wird Berichterstattung immer wichtiger. EU-Vorgaben verpflichten Unternehmen zunehmend, mehr Daten zu erfassen und zu bewerten. Dabei unterstützen wir natürlich auch.
Wie kam es zu der Idee? Was ist eure Geschichte?
Einer unserer Mitgründer, Markus, arbeitet seit seinem 15. Lebensjahr im Entsorgungsbetrieb seiner Familie in Oberösterreich. Er kennt die Probleme der Branche aus erster Hand und weiß genau, was besser laufen könnte.
Ich habe ihn während des Studiums kennengelernt. Ich habe nachhaltiges Ressourcenmanagement studiert, mit Fokus darauf, wie wir von der Abfallwirtschaft zur Kreislaufwirtschaft kommen. Wir haben sein praktisches Wissen mit meinen Studieninhalten kombiniert – und daraus entstand Wastics.
Wie hat die Climate Lab Community bei der Gründung und beim Wachstum geholfen?
Der Green Start Accelerator war 2022 enorm hilfreich, um unser Geschäftsmodell zu verfeinern und zu verstehen, wohin wir gehen sollen. Wir konnten wertvolle Kontakte knüpfen, und durch die Veranstaltungen des Climate Lab Netzwerks sprechen wir immer wieder mit neuen Stakeholdern, holen neue Perspektiven rein und lernen potenzielle Kooperationspartner und -partnerinnen und Kunden kennen.
Man kommt schneller zu den Menschen, die wirklich an Impact interessiert sind – nicht wie in einem normalen Unternehmensnetzwerk, wo man erst suchen muss, sondern direkt zu denen, die für Nachhaltigkeit und Umweltschutz zuständig sind.
Was sind eure nächsten Schritte?
Ende letzten Jahres haben wir mit den ersten Pilotkunden gestartet. Dieses Jahr haben wir Anpassungen vorgenommen und offiziell gelauncht. Wir haben weitere Kunden gewonnen, und die nächsten Schritte sind der Ausbau unserer Kundenbasis und die Expansion über Österreich hinaus.
Der nächste Schritt ist Deutschland – wir haben bereits erste Kunden mit Niederlassungen in beiden Ländern. Danach folgen weitere EU-Länder.
Welche Länder wären dann noch interessant?
Länder wie Polen oder die Slowakei bieten großes Potenzial. Wir evaluieren gerade, welche EU-Länder infrage kommen – dort, wo das Abfallaufkommen groß und das ausgeschöpfte Potenzial noch niedrig ist.
Gleichzeitig behalten wir auch Länder außerhalb der EU im Blick, zum Beispiel Indien. Dort ist das Potenzial riesig, und wir können dazu beitragen, die Situation transparenter zu machen. Gerade dort braucht es mehr Transparenz darüber, was mit Abfällen passiert, und neue Verwertungswege.
Wo seht ihr euch im Jahr 2030? Was ist eure Vision für die Zukunft?
Neben der Expansion in ganz Europa und darüber hinaus wollen wir 2030 Unternehmen nicht nur bei der Transparenz und Optimierung unterstützen, sondern aktiv dabei helfen, neue Kreisläufe zu schaffen und neue Technologien am Markt zu etablieren.
Wenn wir über die nächsten fünf Jahre Daten von verschiedensten Unternehmen und Branchen sammeln, entsteht ein digitales Bild davon, wo Technologie fehlt. Oft fehlen uns noch die Anlagen und Infrastruktur, um alles zu recyceln, selbst wenn wir es wollen.
Mit diesen Daten können wir Recyclinganlagen-Hersteller und Entsorgungsunternehmen versorgen und ihnen ermöglichen, genau dort Neues zu schaffen. Wir wollen Lücken in der Kreislaufwirtschaft sichtbar machen und dabei unterstützen, sie zu schließen.
Stefan Schott ist einer der Mitgründer und Geschäftsführer von Wastics und verantwortet vor allem Business Development, Produktmanagement und Kundenbeziehungen. Er ist überzeugt, dass die Kreislaufwirtschaft ein hervorragendes Konzept ist, um Wirtschaft neu zu verstehen, wofür es aber auch das nötige digitale Gerüst und die entsprechende Datentransparenz braucht. Neben Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft begeistert ihn das Thema Achtsamkeit, weshalb er nebenbei für Unternehmen und Organisationen Meditations- und Achtsamkeitstrainings anbietet.
