Atomkraft für die KI: Mini-Reaktoren, Weltraum-Rechenzentren & Micro-Slop | AI Talk 61
Wer glaubt, dass Graphic Processing Units, kurz GPUs, das Maß aller Dinge bei KI sind, der irrt. Denn tatsächlich sind es die Megawatt oder bald Gigawatt an Strom, den immer leistungsfähigerer KI-Modelle benötigen, um die Nachfolger von GPT-5, Gemini 3 oder Grok 5 zu trainieren. Tech-Konzerne wie Meta, Microsoft, Amazon und Google setzen zunehmend auf Atomkraft – ein in der DACH Region höchst kontroverses Thema.
Tatsache ist aber: Der Energiebedarf für das Training künstlicher Intelligenz wächst exponentiell. Was zunächst wie eine technische Randnotiz klingt, entwickelt sich zu einer der zentralen Herausforderungen der KI-Entwicklung. In Episode 61 ihres Podcasts „AI Talk“ diskutieren Jakob Steinschaden, Mitgründer von newsrooms und Trending Topics, und Clemens Wasner, CEO von EnliteAI und Vorsitzender von AI Austria, über die Dimension dieser Entwicklung und ihre Auswirkungen.
Exponentielles Wachstum des Energiebedarfs
Die Zahlen sind beeindruckend: Während GPT-3 noch mit unter 10 Megawatt Trainingsleistung auskam, benötigte GPT-4 bereits 20 Megawatt. Mit Grok 3 wurde erstmals die 100-Megawatt-Schwelle überschritten. „Wir bewegen uns jetzt schon darauf zu, dass Modelle 500 Megawatt brauchen und bald einen Gigawatt“, erklärt Wasner. Besonders problematisch: „Der Leistungshunger verdoppelt sich im Schnitt alle sechs Monate.“

Steinschaden präzisiert die Herausforderung: „Die Limitierung ist jetzt nicht mehr die Chips, sondern der Strom, den man da reinstecken muss.“ Die eigentliche Komplexität liegt jedoch tiefer. Wasner ergänzt: „Damit ich diese Energie bereitstellen kann, muss ich sie einerseits erzeugen. Andererseits brauche ich eine Netzinfrastruktur, die mir es überhaupt erlaubt, diese Leistungen zu transportieren.“
Ein weiteres Problem: Mit aktueller Technologie ist es nicht möglich, das Training auf mehrere kleinere Rechenzentren zu verteilen. „Die einzige Möglichkeit, die ich habe, um jetzt wirklich immer größere Modelle zu trainieren, ist, dass ich diese Megawatt- oder Gigawatt-Äquivalente in einer Art von Rechenzentren schaffe“, so Wasner.
Tech-Giganten investieren Milliarden in Atomenergie
Die Reaktion der großen Tech-Konzerne ist eindeutig: massive Investitionen in Atomkraft. Meta kündigte jüngst an, bis 2035 eine Leistung von 6,6 Gigawatt mit Hilfe von Atomenergie-Startups in den USA aufbauen zu wollen. „Das deutet schon sehr stark darauf hin, dass Meta den Plan hat, so richtig große Large Language Models zu rechnen“, kommentiert Steinschaden.
Meta kooperiert dabei mit den Unternehmen TerraPower, an dem Microsoft-Gründer Bill Gates beteiligt ist, und dem börsennotierten Startup Oklo. Das Ziel: „Small Modular Reactors, also banal gesagt Mini-Atomkraftwerke, in der Nähe von ihren Rechenzentren“ zu errichten.
Auch die anderen Hyperscaler sind aktiv. Hier die Investments der Hyperscaler in Atomenergie:
| Hyperscaler | Partner & Projekte | Leistung / Volumen | Zeitplan & Status |
| Meta | 1. Vistra Corp: Uprates (Leistungserhöhung) in AKW Perry & Beaver Valley. 2. TerraPower: SMR-Entwicklung (Natrium). 3. Oklo: „Nuclear Campus“ in Ohio. |
~6,6 GW(Gesamtpaket bis 2035) | 2026: Start Strombezug (Vistra) 2030: Ziel für Oklo 2032: Ziel für TerraPower |
| Microsoft | 1. Constellation Energy: Reaktivierung von Three Mile Island (Unit 1). 2. Helion Energy: Kaufvertrag für Fusionsenergie (Wette auf die Zukunft). |
835 MW(TMI Unit 1)+ Fusion | 2028: Wiederinbetriebnahme TMI („Crane Clean Energy Center“). 2028: Helion-Ziel (sehr optimistisch). |
| Amazon (AWS) | 1. Talen Energy: Rechenzentrum direkt am AKW Susquehanna („Behind-the-Meter“). 2. X-energy: 500 Mio. $ Investment für SMR-Bau (Xe-100) in Washington/Virginia. 3. Dominion Energy: SMR-Studien. |
~960 MW(Susquehanna Campus)+ 5 GW SMR-Ziel (langfristig) | Laufend: Bezug in Susquehanna (aber regulatorisch gedeckelt). 2030+: Erste X-energy SMRs. |
| Kairos Power: Rahmenvertrag über eine ganze Flotte von salzgekühlten SMRs, statt Einzelprojekten. | 500 MW(6–7 kleine Reaktoren) | 2030: Erster Reaktor am Netz.Bis 2035: Vollständige Flotte aktiv. |
Steinschaden fasst zusammen: „Da sieht man schon eigentlich auf einen Blick, dass da einfach ziemlich fett investiert wird in Atomenergie.“ Die Zeitpläne sind allerdings langfristig angelegt – die meisten Projekte sollen ab 2030 starten.
Rechenzentren im Weltraum als Vision
Der Bedarf wächst so schnell, dass selbst Atomkraft möglicherweise nicht ausreicht. Wasner verwies auf Daten von Epoch.ai: Das größte aktuell im Bau befindliche Rechenzentrum von Anthropic und Amazon in New Carlisle wird auf 1,1 Gigawatt skaliert – „jedes davon braucht mindestens ein AKW.“
Eine radikale Lösung rückt näher: GPU-Farmen im Weltraum. „Das war vor zwei Jahren noch eine abgespacte Idee“, so Wasner. „Mittlerweile wird das von Sundar Pichai, dem Google CEO, in jedem einzelnen Interview erwähnt.“ Auch Y-Combinator investiere in mehrere Startups mit diesem Fokus. Wasners Prognose: „Stand heute kommt es so sicher wie das Amen im Gebet, dass wir in den nächsten fünf Jahren die ersten GPU-Farmen im Weltraum haben werden.“
Steinschaden ergänzte: SpaceX plant 2026 den Börsengang mit einer Bewertung von 1,5 Billionen Dollar. „Eine ganz wichtige Passage im Storytelling ist: SpaceX soll als einziges Unternehmen imstande sein, diese Rechenzentren im All aufbauen zu können.“
Europa: Zwischen Ablehnung und Innovation
In Europa, besonders in Österreich und Deutschland, stößt das Thema Atomkraft auf massive Ablehnung. Der Grund liegt in der Geschichte: Die Tschernobyl-Katastrophe von 1986 traf Österreich besonders hart. Steinschaden zeigte eine Karte: „In Mitteleuropa ist ein dunkelroter Fleck auf Österreich drauf. Man hat monatelang als Kinder nicht vor die Haustür gehen dürfen, kein Joghurt und keine Milch trinken sollen, und so weiter.“
Diese historische Erfahrung prägt die Haltung bis heute: „Dass in einem Land wie Österreich die Bevölkerung sehr Anti-Atomkraft ist, ob KI hin oder her, ist aus dieser Karte heraus sehr nachvollziehbar“, so Steinschaden. Deutschland hat 2023 seine letzten drei Atomreaktoren abgeschaltet und setzt nun auf Fusionsenergie als Alternative.
Dennoch gibt es europäische Innovation: Das österreichische Unternehmen Emerald Horizon arbeitet an Small Modular Reactors auf Thorium-Basis und plant eine Finanzierungsrunde über 200 Millionen Euro bei einer Bewertung von knapp 800 Millionen Euro. Steinschaden: „Die sagen, das kann man machen, das kann man in Serie bringen. Die wollen diese Module quasi vom Fließband laufen lassen.“
Die größte Hürde sei aber nicht die Technologie, sondern die Zulassung. „Die rechnen auf keinen Fall damit, dass sie in Österreich eine Zulassung bekommen, aber die denken halt international – Südostasien, USA, Afrika“, erklärte Steinschaden. Ab 2030 könnten diese Reaktoren KI-Rechenzentren mit Energie versorgen.
Thorium als sichere Alternative?
Wasner erläuterte die Vorteile von Thorium-Reaktoren: „Eine Atombombe könnte ich nicht bauen mit den Abfallstoffen von einem Thoriumreaktor.“ Zudem seien sie so konstruiert, dass bei einem Störfall keine radioaktive Wolke entstehe: „Die werden kalt und es gibt keinen Ausstoß. Es funktioniert komplett anders als bei Tschernobyl.“
China und Indien setzen bereits massiv auf Thorium-Forschung. Im Westen wurde die Technologie historisch vernachlässigt, weil das Augenmerk auf waffenfähigem Material lag. Wasner sieht darin großes Potenzial: „Das ist natürlich massiv zukunftsfähig, vor allem wenn man sich die geopolitische Situation vor Augen hält.“
Generationenkonflikt beim Atomthema
Steinschaden beobachtet einen Wandel in der öffentlichen Wahrnehmung: „In der jüngeren Generation, und das sind Menschen, die Tschernobyl nicht live miterlebt haben, sind Atomenergie gegenüber eigentlich ziemlich aufgeschlossen.“ Er verwies auf ein Interview mit Eric Steinberger von Magic: „Der war der Atomenergie recht zugetan und hat schon vor Jahren antizipiert, dass es mit KI einen enormen Energiebedarf geben wird.“
Wasner kommentierte nüchtern: „Alles kommt in Wellen.“ Die Industrie jedenfalls hat ihre Entscheidung getroffen – mit weitreichenden Konsequenzen für die globale Energieinfrastruktur.

