2021 Reloaded: Europas Tech-Unicorns setzen auf SPACs für schnelle Börsengänge
Lucid. Grab. Vertiv. DraftKings. Lilium. SoFi. Nikola. Fisker. Und ja, auch die Trump Media & Technology Group zählt zu dieser Kategorie: Börsengänge über eine so genannte Special Purpose Acquisition Company (SPAC), die als Börsenmantel ein Privatunternehmen schluckt, mit Kapital ausstattet und so schnell an die Börse bringt. Was 2021 seinen Höhepunkt mit etwa 600 SPAC-Börsengängen erreichte und durch die US-Zinswende 2022 wieder erlosch, erlebt Anfang 2026 ein Revival. Diesmal sind es europäische Tech-Unicorns, die auf diesem Weg an die Börse wollen.
Nach einer Phase der Skepsis erleben SPACs ein Comeback in Europa. Gleich drei europäische Tech-Scale-ups haben in den vergangenen Wochen ihren Börsengang über Mantelgesellschaften angekündigt: das deutsch-finnische Quantencomputing-Unternehmen IQM, der französische Quanten-Konkurrent Pasqal und das schwedische Logistik-Scale-up Einride. Diese Entwicklung wirft die Frage auf, ob SPACs eine attraktive Alternative zum traditionellen Börsengang darstellen oder ob die Risiken überwiegen.
Was ist ein SPAC?
Eine Special Purpose Acquisition Company ist eine börsennotierte Mantelgesellschaft ohne operatives Geschäft, die ausschließlich zur Kapitalbeschaffung gegründet wird. Durch die Fusion mit einem operativen Unternehmen ermöglicht sie diesem den Zugang zum öffentlichen Kapitalmarkt. Diese Methode bietet eine schnellere und flexiblere Alternative zum traditionellen IPO, unterliegt allerdings auch weniger strengen Regulierungen. SPAC-Deals waren besonders zwischen 2020 und 2022 etwa bei Elektrofahrzeug-Startups beliebt, endeten jedoch häufig mit erheblichen Verlusten für Investoren.
Drei aktuelle Beispiele aus Europa
IQM Quantum Computers: Finnlands Quanten-Pionier
Das in Espoo ansässige Quantencomputing-Unternehmen IQM wird als erstes europäisches Unternehmen seiner Branche an die Börse gehen. Das Unternehmen hat 21 Systeme an 13 Kunden verkauft und verfügt über eine eigene Chip-Fabrik sowie ein Quantenrechenzentrum.
- Mantelunternehmen: Real Asset Acquisition Corp. (RAAQ)
- Börsenplatz: Eine der beiden führenden US-Börsen (NYSE oder Nasdaq), zusätzlich erwogenes Dual-Listing an der Börse Helsinki
- Bewertung: 1,8 Milliarden US-Dollar (Pre-Money)
- Kapital: Über 450 Millionen US-Dollar Liquidität nach Abschluss (175 Millionen aus RAAQ-Treuhandkonto, 134 Millionen aus PIPE-Finanzierung, 24 Millionen aus Optionsscheinen, 172 Millionen bestehende Liquidität)
Pasqal: Frankreichs Quanten-Einhorn
Das 2019 gegründete Pariser Unternehmen entwickelt Quantencomputer auf Basis neutraler Atome und hat bereits sieben Systeme ausgeliefert. Pasqal wurde von Alain Aspect mitbegründet, der 2022 den Nobelpreis für Physik erhielt. Das Unternehmen beschäftigt über 275 Mitarbeiter und betreibt Produktionsstätten in Frankreich und Kanada, nun folgt der SPAC-Börsengang.
- Mantelunternehmen: Bleichroeder Acquisition Corp. II
- Börsenplatz: Nasdaq, zusätzlich vorbereitende Arbeiten für Notierung an der Euronext
- Bewertung: 2 Milliarden US-Dollar (Pre-Money), prognostizierte Marktkapitalisierung von 2,6 Milliarden US-Dollar
- Kapital: Nahezu 700 Millionen US-Dollar frisches Kapital (289 Millionen aus Treuhandkonto, 200 Millionen aus Wandelanleihe, 158 Millionen bestehende Bilanz, 200 Millionen aus Eigenkapitalfinanzierung)
Einride: Schwedens autonome Logistik-Plattform
Das 2016 gegründete schwedische Unternehmen entwickelt digitale, elektrische und autonome Frachtlösungen. Im Unterschied zu gescheiterten SPAC-Deals anderer Elektrofahrzeug-Startups produziert Einride keine eigenen Fahrzeuge, sondern bezieht elektrische Lkw von etablierten Partnern wie PACCAR, Kenworth und Peterbilt und konzentriert sich auf die Software- und Betriebsplattform. Hier die Grundfakten zum SPAC-Börsengang:
- Mantelunternehmen: Legato Merger Corp. III
- Börsenplatz: New York Stock Exchange (NYSE) unter dem Tickersymbol „ENRD“
- Bewertung: 1,35 Milliarden US-Dollar (reduziert von ursprünglich 1,8 Milliarden US-Dollar)
- Kapital: Etwa 333 Millionen US-Dollar Bruttoerlöse (113 Millionen aus PIPE-Finanzierung, 220 Millionen aus Treuhandvermögen, plus bereits angekündigte Crossover-Finanzierung von 100 Millionen US-Dollar)
Vorteile von SPACs
Der Weg über eine SPAC-Fusion bietet mehrere Vorteile gegenüber einem traditionellen Börsengang. Der Prozess ist in der Regel schneller und weniger komplex als ein IPO, da die Mantelgesellschaft bereits börsennotiert ist. Unternehmen können die Bewertung direkt mit dem SPAC-Sponsor aushandeln, anstatt sie vom Markt bestimmen zu lassen. Zudem ermöglichen SPACs mehr Flexibilität bei Zukunftsprognosen, die bei traditionellen IPOs strengeren Beschränkungen unterliegen. Die Kombination aus SPAC-Treuhandkonto und zusätzlichen PIPE-Finanzierungen kann erhebliches Kapital einbringen.
Nachteile und Risiken
Trotz der Vorteile bergen SPACs erhebliche Risiken. Die weniger strengen Regulierungen können zu überhöhten Bewertungen führen, die sich am öffentlichen Markt nicht halten lassen. SPAC-Sponsoren erhalten typischerweise 20 Prozent der Anteile als Vergütung, was zu einer erheblichen Verwässerung für andere Aktionäre führt. Investoren haben zudem das Recht, ihre Anteile vor Abschluss der Fusion zurückzugeben, was die tatsächlich verfügbare Liquidität reduzieren kann. Die Erfolgsgeschichte von SPACs ist gemischt, insbesondere im Technologie- und Elektrofahrzeugsektor.
Erfolgreiche und gescheiterte SPAC-Deals
Die Bilanz von SPAC-Fusionen fällt unterschiedlich aus. Zu den erfolgreicheren Beispielen zählt das US-amerikanische Quantencomputing-Unternehmen IonQ, das 2021 über eine SPAC an die Börse ging und sich seitdem am Markt behaupten konnte (bisher +224%). Auch andere Quantencomputing-Firmen wie Rigetti Computing, Infleqtion und Zapata Computing wählten diesen Weg, allerdings mit unterschiedlichem Erfolg.
Deutlich negativer verliefen viele SPAC-Deals im Elektrofahrzeugsektor. In Europa endeten jüngere Transaktionen wie die des Gesundheitstechnologie-Unternehmens Babylon oder des Flugtaxi-Entwicklers Lilium aus dem Jahr 2021 mit der Insolvenz einst vielversprechender Firmen. Viele Elektrofahrzeug-Startups, die zwischen 2020 und 2022 über SPACs an die Börse gingen, verzeichneten erhebliche Kursverluste und enttäuschten die Erwartungen ihrer Investoren.
Die aktuellen SPAC-Ankündigungen von IQM, Pasqal und Einride zeigen, dass diese Finanzierungsform trotz der gemischten Erfolgsbilanz weiterhin attraktiv für europäische Tech-Unternehmen ist. Ob diese neue Welle erfolgreicher sein wird als ihre Vorgänger, wird sich in den kommenden Monaten und Jahren zeigen. Entscheidend wird sein, ob die Unternehmen ihre Geschäftsmodelle kommerzialisieren und die hohen Bewertungen rechtfertigen können.

