Microsoft will Erfolg von Anthropic nachmachen, integriert Cowork in seinen Copilot
Die Abkehr von OpenAI und Zuwendung zu Anthropic seitens Microsoft geht weiter: Denn der Software-Riese, weiter Großinvestor von OpenAI, hat mit Copilot Cowork einen Schritt in Richtung autonomer KI-Arbeitsassistenz angekündigt. Die neue Funktion, die in Zusammenarbeit mit Anthropic entwickelt wurde, soll nicht nur Fragen beantworten oder Texte erstellen, sondern eigenständig Aufgaben erledigen, Workflows ausführen und komplexe Arbeitsprozesse koordinieren.
Cowork ist jene Anthropic-Software, die Anfang des Jahres Schockwellen durch die Software-Industrie jagte und auch dafür sorgte, dass der Microsoft-Aktienkurs in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Von der Konversation zur Aktion
Charles Lamanna, President of Business Applications & Agents bei Microsoft, beschreibt Copilot Cowork als grundlegenden Paradigmenwechsel: „Copilot Cowork ist dafür gebaut, Aktionen auszuführen, nicht nur zu chatten.“ Die Plattform ermögliche es Nutzern, Aufgaben zu delegieren, während das System automatisch auf E-Mails, Meetings, Nachrichten, Dateien und Daten zugreift. Cowork nutzt dabei Signale aus Outlook, Teams, Excel und dem gesamten Microsoft 365-Ökosystem.
Wenn Nutzer eine Aufgabe an Cowork übergeben, erstellt das System einen Plan und arbeitet diesen im Hintergrund ab. Dabei gibt es klare Checkpoints, an denen Nutzer den Fortschritt überprüfen, Änderungen vornehmen oder die Ausführung pausieren können. Cowork fragt nach, wenn Klärungsbedarf besteht, und zeigt empfohlene Aktionen an, bevor diese umgesetzt werden. Als Beispiele werden etwa Termin-Management im Kalender, Meeting-Vorbereitung mittels Erstellung von Präsentationen, Recherche oder Wettbewerbsanalyse angeführt.
Enterprise-Sicherheit und Multi-Modell-Strategie
Copilot Cowork läuft innerhalb der Sicherheits- und Governance-Grenzen von Microsoft 365. Identität, Berechtigungen und Compliance-Richtlinien gelten standardmäßig, und Aktionen sowie Outputs sind nachvollziehbar. Cowork läuft in einer geschützten, sandboxed Cloud-Umgebung, sodass Aufgaben sicher fortgesetzt werden können, während Nutzer zwischen Geräten wechseln.
Besonders soll sein, dass Microsoft einen Multi-Modell-Ansatz folgt. So soll bei Cowork nicht ausschließlich Claude von ANthropic zum Einsatz kommen, vielmehr soll das System das jeweils für die Aufgabe beste KI-Modell aussuchen können – also etwa auch jene von OpenAI. Copilot Cowork wird derzeit mit einer begrenzten Anzahl von Kunden in der Research Preview getestet und wird im Rahmen des Frontier-Programms Ende März 2026 breiter verfügbar sein.
Hintergrund: Wie Claude Cowork die Software-Branche erschütterte
Die Ankündigung von Microsoft folgt auf ein seismisches Ereignis in der Software-Industrie. Anfang Januar 2026 stellte Anthropic Claude Cowork vor, ein KI-Tool, das nicht nur schreiben oder programmieren kann, sondern ganz allgemein mühsame Computer-Arbeit übernehmen soll: von Datenanalyse über das Aufsetzen rechtlicher Dokumente bis zur Meeting-Vorbereitung.
Selbst Microsoft, lange Zeit das wertvollste Unternehmen der Welt, verzeichnete Anfang 2026 einen Rückgang beim Aktienkurs. Die gesamte Software-Aristokratie geriet in Turbulenzen: Oracle, Adobe, Salesforce, ServiceNow, DocuSign, Workday und SAP befanden sich im freien Fall. Deutschlands wertvollstes Unternehmen SAP büßte im Vergleich zu seinen Höchstständen vor einem Jahr mehr als ein Drittel seines Wertes ein.
Die Logik hinter den Kursverlusten erschließt sich aus der Struktur des klassischen Software-as-a-Service-Modells. Jahrelang basierten die Erlöse auf nutzerabhängigen Lizenzen: Mehr Mitarbeiter bedeuteten mehr Arbeitsplätze und damit mehr Umsatz. Dieses System funktionierte perfekt, bis KI-Systeme begannen, menschliche Arbeit zu ersetzen oder zumindest massiv zu verdichten.
Wenn autonome KI-Agenten künftig Aufgaben übernehmen, die früher ganze Unternehmensabteilungen erforderten, stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit dutzender Salesforce- oder Workday-Lizenzen. Falls KI Verträge prüft, formuliert und abschließt, sinkt der Bedarf an DocuSign-Abonnements. Und wenn generative Bild- und Designmodelle in Sekunden liefern, wofür Teams von Grafikdesignern benötigt wurden, reduziert sich die Anzahl benötigter Adobe-Lizenzen.
Von SaaS zu Service as a Software
Die Branche steht vor einem fundamentalen Wandel. Ein neues Schlagwort hat sich etabliert: Service as a Software. Tätigkeiten, die traditionell von Menschen als Dienstleistung erbracht wurden, werden durch KI-Software automatisiert und „verpackt“. Statt einen Buchhalter, Übersetzer oder Kundenservice-Mitarbeiter zu beauftragen, nutzt man einen KI-Agenten, der diese Dienstleistung selbstständig ausführt.
Der Fokus liegt nicht mehr auf dem Tool, sondern auf dem Ergebnis. Man kauft das Resultat einer Arbeit, nicht ein Werkzeug. Diese Verschiebung könnte die gesamte Erlöslogik der Branche verändern. Analysten von Mizuho Securities konstatieren, dass viele institutionelle Investoren derzeit keinen Grund sehen, Software-Aktien zu halten, unabhängig von Bewertungsniveau oder vorherigen Kursverlusten.
Ausblick: Transformation statt Disruption
Die Wahrheit dürfte zwischen den Extremen liegen. Der Software-Sektor durchläuft möglicherweise seine größte Transformationsphase seit der Cloud-Revolution. KI wird Software wohl nicht unmittelbar ersetzen, sondern voraussichtlich neu definieren. Die großen Anbieter verfügen über umfangreiche Datensätze, tiefe Kundenbeziehungen und kritische Infrastruktur.
Unternehmen wie Microsoft, SAP oder Salesforce erzielen zudem ausreichend hohe Umsätze außerhalb ihres klassischen Software-Geschäfts. Mit der Integration von Claude Cowork in Microsoft 365 Copilot zeigt Microsoft, dass die etablierten Player nicht tatenlos zusehen, sondern aktiv die KI-Revolution mitgestalten wollen.
