Ziemlich beste Feinde: Wir analysieren den Fight Elon Musk vs. Sam Altman
Ab 27. April 2026 stehen sich der reichste Mann der Welt und das wertvollste KI-Startup vor Gericht gegenüber. Elon Musk fordert von OpenAI und CEO Sam Altman Schadensersatz in Höhe von bis zu 134 Milliarden Dollar. Der Vorwurf: Betrug durch Aufgabe der ursprünglichen gemeinnützigen Mission. Was als altruistisches Forschungsprojekt begann, entwickelte sich zu einem der wertvollsten Tech-Unternehmen der Welt (geplanter Börsengang mit über 1 Billion Dollar Bewertung).
Hier sind die zehn entscheidenden Knackpunkte im Rechtsstreit – analysiert von den AI Talk Hosts Jakob Steinschaden (Trending Topics, newsrooms) und Clemens Wasner (enliteAI, AI Austria).
1. Die angebliche Täuschung: Vom Non-Profit zum Milliarden-Business
Der Kernvorwurf von Musks Klage lautet, dass OpenAI systematisch von seiner gemeinnützigen Mission abgewichen ist, sobald Musk das Unternehmen verlassen hatte. Die Klageschrift argumentiert, dass man 2015 gemeinsam angetreten sei, um Googles drohende KI-Monopolstellung zu verhindern und künstliche Intelligenz der gesamten Menschheit zugänglich zu machen. Diese altruistische Gründungsmission habe OpenAI von allen anderen Organisationen unterschieden.
Doch nach Musks Ausstieg 2018 sei die Transformation zu einem gewinnorientierten Unternehmen eingeleitet worden. 2019 wurde eine For-Profit-Tochtergesellschaft gegründet, die zwar noch unter Kontrolle des Non-Profits stand, aber den Grundstein für die spätere kommerzielle Ausrichtung legte. Musk sieht darin ein klassisches Beispiel für das Vorgaukeln falscher Tatsachen: Man habe Spenden unter dem Vorwand eines gemeinnützigen Zwecks eingesammelt, nur um später die Struktur so umzubauen, dass frühe Unterstützer leer ausgehen, während neue Investoren profitieren.
2. Greg Brockmans verräterisches Tagebuch
Ein besonders brisantes Beweisstück in Musks Klage sind die persönlichen Tagebucheinträge von Greg Brockman, dem langjährigen CTO von OpenAI. Brockman, der zuvor Engineering Lead bei Stripe war und deutlich weniger als Musk in OpenAI investiert hatte, führte offenbar detaillierte Aufzeichnungen über interne Überlegungen. In diesen Notizen findet sich eine bemerkenswert offene Passage über die Pläne zur Kommerzialisierung:
„Our plan: it would be nice to be making the billions. We’ve been thinking that maybe we should just flip to a for profit. Making the money for us sounds great and all.“
Diese Aussage steht in krassem Widerspruch zu den öffentlichen Verlautbarungen von OpenAI, die noch 2024 von „The Greater Good“ und dem Wohl der gesamten Menschheit sprachen. Die Tagebucheinträge legen nahe, dass die Transformation zum gewinnorientierten Unternehmen keine notwendige Anpassung an veränderte Umstände war, sondern von Anfang an als attraktive Option betrachtet wurde. Für Musks Anwälte ist dies ein klarer Beleg dafür, dass die Non-Profit-Struktur möglicherweise nie ernst gemeint war.
3. Das Eingeständnis moralischer Fragwürdigkeit
Noch aufschlussreicher ist ein weiterer Eintrag in Brockmans Tagebuch, der zeigt, dass sich die Führung von OpenAI der ethischen Problematik ihrer geplanten Umstrukturierung durchaus bewusst war. Brockman schrieb:
„It’d be wrong to steal the non-profit from Musk, to convert to a b-corp without him. That’d be pretty morally bankrupt.“
Dieser Eintrag ist deshalb so bedeutsam, weil er belegt, dass die Verantwortlichen intern genau wussten, dass eine Umwandlung in eine gewinnorientierte Struktur ohne Musk moralisch fragwürdig wäre. Interessanterweise ist genau dieser Schritt dann 2024 versucht worden: OpenAI kündigte die Umwandlung in eine Public Benefit Company an, bei der die Non-Profit-Stiftung zunächst komplett leer ausgehen sollte. Erst massiver öffentlicher Druck führte dazu, dass der Non-Profit-Arm doch noch etwa 30 Prozent Anteile am For-Profit-Unternehmen erhielt. Die Tatsache, dass dieser Move jahrelang in internen Dokumenten diskutiert wurde, spricht laut Musk dafür, dass die Umstrukturierung von langer Hand geplant war.
4. Die Microsoft-Verhandlungen direkt nach Musks Abgang
Ein weiterer zentraler Vorwurf betrifft das Timing von Sam Altmans Gesprächen mit Microsoft. Laut Klageschrift wandte sich Altman bereits wenige Wochen nach Musks Ausstieg 2018 an Microsoft, um über ein neues „commercial venture“ zu sprechen. Dies ist insofern problematisch, als Musk zuvor wiederholt gesagt worden sein soll, dass OpenAI niemals kommerziell werden würde.
Die Chronologie legt nahe, dass Altman möglicherweise nur auf Musks Abgang wartete, um die kommerzielle Transformation einzuleiten. Microsoft investierte in den folgenden Jahren insgesamt etwa 13 Milliarden Dollar in OpenAI und erhielt dafür weitreichende Rechte an der Technologie. Für Musk ist dies der Beweis, dass man ihm gegenüber die wahren Absichten verschleiert hatte: Hätte er gewusst, dass OpenAI kurz nach seinem Ausstieg zu einem kommerziellen Unternehmen werden würde, hätte er seine Anteile niemals aufgegeben.
5. Musks Mars-Ambitionen als verstecktes Motiv
OpenAI kontert in seiner Verteidigungsschrift mit einem interessanten Gegenvorwurf: Musk habe OpenAI von Anfang an nur als Finanzierungsvehikel für seine Mars-Kolonisierungspläne betrachtet. Laut internen Dokumenten, die OpenAI vorgelegt hat, forderte Musk im September 2017 die absolute Kontrolle über ein mögliches For-Profit-Unternehmen. Seine Begründung: Er benötige das Geld für sein Ziel, eine sich selbst erhaltende Stadt auf dem Mars zu errichten, wofür er etwa 80 Milliarden Dollar veranschlagte. Die anderen Gründer lehnten dies ab, weil sie nicht wollten, dass OpenAI zu einem Tochterunternehmen von Musks Mars-Projekt wird. OpenAI argumentiert, dass Musk selbst derjenige war, der OpenAI kommerzialisieren wollte, allerdings unter seiner alleinigen Kontrolle. Als dies scheiterte, habe er das Projekt verlassen und versuche nun nachträglich, sich seinen Anteil zu sichern.
6. Der gescheiterte Tesla-Merger-Plan
Ein weiterer Streitpunkt betrifft Musks Plan, OpenAI in Tesla zu integrieren. Laut OpenAIs Darstellung wollte Musk die KI-Technologie nutzen, um Teslas Ambitionen im Bereich autonomes Fahren und Robotik voranzutreiben. Die Vision: OpenAI würde das „Gehirn“ nicht nur für selbstfahrende Autos liefern, sondern auch für Teslas Roboter-Projekt Optimus. Sam Altman und die anderen Gründer lehnten diesen Plan ab, weil sie OpenAI als eigenständiges Unternehmen erhalten wollten, nicht als Zulieferer für Tesla. Diese Weigerung könnte ein entscheidender Grund für Musks Ausstieg gewesen sein. OpenAI wirft Musk vor, dass er nun versuche, durch die Klage das zu erreichen, was ihm damals verwehrt wurde: Kontrolle über die KI-Technologie für seine eigenen kommerziellen Zwecke, insbesondere für sein konkurrierendes KI-Startup xAI.
7. Musks Null-Prozent-Prognose
OpenAI stützt seine Verteidigung auch auf E-Mails, die Musk 2018 verschickte, kurz nachdem er OpenAI verlassen hatte. In diesen Nachrichten äußerte er sich äußerst skeptisch über die Erfolgsaussichten des Unternehmens. Wörtlich schrieb er, die Erfolgswahrscheinlichkeit von OpenAI liege bei null Prozent, nicht einmal bei einem Prozent. Er würde zwar wünschen, dass das Projekt erfolgreich werde, glaube aber nicht daran.
Diese Aussagen sind deshalb relevant, weil sie Musks heutige Position untergraben: Wie kann jemand, der öffentlich erklärt hat, nicht an den Erfolg zu glauben und deshalb nicht weiter investieren zu wollen, Jahre später behaupten, er sei um seinen rechtmäßigen Anteil betrogen worden? OpenAI argumentiert, dass Musk freiwillig ausgestiegen sei, weil er das Projekt für aussichtslos hielt. Erst als OpenAI mit ChatGPT zum wertvollsten KI-Startup der Welt wurde, habe er seine Meinung geändert und versuche nun, nachträglich Ansprüche geltend zu machen.
8. Die vierte Torpedierung: Systematisches Ausbremsen?
OpenAI wirft Musk vor, dass die aktuelle Klage bereits der vierte Versuch sei, das Unternehmen zu torpedieren. Die Klage wurde zunächst in Kalifornien eingereicht, dann zurückgezogen und im August 2024 auf Bundesebene erneut eingereicht. OpenAI sieht darin ein Muster: Musk wolle das Unternehmen systematisch ausbremsen, um sein eigenes KI-Startup xAI zu begünstigen. xAI konkurriert zwar nicht direkt mit OpenAI (xAI fokussiert auf Robotik und autonomes Fahren, OpenAI auf Sprachmodelle), aber beide Unternehmen buhlen um dieselben Talente, Rechenressourcen und Investoren. Der Zeitpunkt der Klage, kurz vor dem geplanten Börsengang von OpenAI, erscheint strategisch gewählt: Ein langwieriger Rechtsstreit könnte Investoren abschrecken und die Bewertung drücken. Gleichzeitig würde ein Erfolg der Klage Musk einen erheblichen Anteil an einem Unternehmen sichern, das er selbst für gescheitert erklärt hatte.
9. Die komplexe Governance-Struktur als Knackpunkt
Im Zentrum des rechtlichen Streits steht die ungewöhnliche Unternehmensstruktur von OpenAI. 2019 wurde eine For-Profit-Tochtergesellschaft gegründet, die unter Kontrolle des Non-Profits stand. 2023 kam es zum „Blip“, als Sam Altman für drei Tage gefeuert wurde, weil das Aufsichtsgremium (hauptsächlich mit Non-Profit-Vertretern besetzt) ihm Täuschung vorwarf. Ende 2024 kündigte OpenAI an, eine Public Benefit Company zu werden, wobei der Non-Profit-Arm zunächst leer ausgehen sollte.
Nach öffentlichem Druck wurde die Struktur 2025 so angepasst, dass die Non-Profit-Stiftung etwa 30 Prozent am For-Profit-Unternehmen hält. Die rechtliche Frage lautet: Kann ein Unternehmen, das als gemeinnützige Organisation Spenden eingesammelt hat, einfach in eine gewinnorientierte Struktur umgewandelt werden, ohne dass frühe Unterstützer angemessen entschädigt werden? In den USA ist dies grundsätzlich nicht zulässig, weshalb Musks Klage durchaus Erfolgsaussichten hat.
10. Der Image-Schaden und die Zukunft von OpenAI
Unabhängig vom Ausgang des Prozesses hat der Rechtsstreit bereits erheblichen Schaden angerichtet. OpenAI hat in der KI-Community massiv an Vertrauen verloren. Während das Unternehmen früher als Vorreiter für verantwortungsvolle KI-Entwicklung galt, arbeiten die meisten ernsthaften Forscher in diesem Bereich heute bei Anthropic oder Google DeepMind. OpenAI fokussiert sich fast ausschließlich auf kommerzielle Anwendungen, während echte Grundlagenforschung (etwa in Drug Discovery oder Alignment Research) anderswo stattfindet.
Prediction Markets in den USA geben Musk eine 60-prozentige Chance, den Prozess zu gewinnen, wobei die tatsächliche Schadensersatzsumme weit unter den geforderten 134 Milliarden Dollar liegen dürfte. Beobachter vergleichen OpenAIs Entwicklung mit Meta nach dem Cambridge-Analytica-Skandal: ein rasanter Reputationsverlust, von dem sich das Unternehmen möglicherweise nie vollständig erholen wird. Die großen Gewinner des Streits sind vermutlich Google, Anthropic und andere Wettbewerber, die in Ruhe Marktanteile gewinnen können, während sich OpenAI und Musk vor Gericht zerfleischen.

