Reportage

El Salvador: Auf der Suche nach dem Eldorado des Bitcoin

Bitcoin Beach. © Jakob Steinschaden
Bitcoin Beach. © Jakob Steinschaden

“Mit Bitcoin bezahlen? Ja klar, kannst du gerne machen.” Jose zeigt auf den QR-Code am Tresen und rechnet mir schnell aus, wie viele Satoshis ich ihm rüberschicken muss. Ich vergewissere mich noch einmal, ob Jose eh weiß, dass ich per Lightning Network zahlen will, starte meine Wallet, scanne den Code, genehmige die Transaktion. Dann gespanntes Schweigen. Wir starren beide auf unsere Displays und warten darauf, dass die etwa 5.400 Sats von A nach B wechseln.

Dann “Bing!” Jose hat seine Bitcoin, ich die Rechnung beglichen, und wir stoßen etwas erleichtert die Fäuste zusammen. Hat ja wirklich funktioniert! Ja genau, wir sind Teil derselben Bewegung, wir sind Bitcoiner. “Gracias Señor!”

Bitcoin Beach. © Jakob Steinschaden
Bitcoin Beach. © Jakob Steinschaden

Jose ist einer von immer mehr Salvadorianer:innen, die Bitcoin als Bezahlmittel einsetzen. El Salvadors Präsident hätte es gerne so – BTC statt Dollar, Bitcoin-Bonds, eine Bitcoin City, endlose Möglichkeiten. Das kleine mittelamerikanische Land, eingezwickt zwischen Guatemala, Honduras und Pazifik, das ist seit 2021 das neue El Dorado für Bitcoiners. Hierher pilgern sie alle, hier wird Geschichte geschrieben, hier wird die Zukunft des Geldes, eigentlich einer ganzen Gesellschaft geschrieben.

Der Ruf El Salvadors, verbreitet über Twitter, Krypto-Blogs und den Reiseberichten enthusiastischer Bitcoiners locken auch mich nach El Salvador. Das kleine Land hat eine der höchsten Kriminalitätsraten, doch die Gewalt der Jugendbanden (Maras) richtet sich selten gegen Ausländer und Touristen. Infrastruktur und mobiles Internet sind sehr gut ausgebaut, und gastfreundlich sind die Salvadorianer:innen sehr. Die dicken Pumpguns der Parkplatzwächter und die Schüsse, die im Westen des Landes durch die Nacht knallen, lassen aber nicht vergessen, dass El Salvador ein härteres Pflaster ist als andere Länder.

Wie fühlt es sich also an, das vermeintliche Bitcoin-Land, wo will es hin, und wer wird ihm folgen?

Unterwegs in El Salvador. © Jakob Steinschaden
Unterwegs in El Salvador. © Jakob Steinschaden

Abgesehen von ein paar Werbeplakaten am Flughafen für Bitcoin-Automaten dauert es ganz schön lange, bis wir im Bitcoin-Land endlich auf Bitcoin stoßen. Mietauto, Wasser, Essen, Unterkunft, das alles bezahlen wir mit dem guten alten Dollar. “Geht gerade nicht”, “Haben wir noch nicht”, “Will der Chef irgendwann mal einführen”, “Gibt es bei uns nicht” – nein, die Salvadorianer sind nicht verrückt nach Bitcoin. Im Schnitt verdienen die 6,5 Millionen Einwohner:innen etwa 280 Euro pro Monat, fast die Hälfte der Menschen lebt unter der Armutsgrenze. Viele können sich das Smartphone samt mobilem Internet, das man für BTC-Zahlungen bräuchte, gar nicht leisten. Sie wollen lieber Dollar, keine BTC, die schon morgen viel weniger als heute wert sein könnten. Bitcoin-Sparpläne – das ist etwas für für wenige im Land.

Die Salvadorianer & der Bitcoin

“Die Chivo App haben sich viele geholt. Na klar, jeder will die 30 Dollar bekommen”, sagt Jose über den Tresen seines Lokals. “Wer sagt schon nein zu 30 Dollar?” Chivo (“cool”), das ist die Smartphone-App, die sich mehr als die Hälfte der Salvadorianer geholt haben. Per Airdrop hat jeder Bürger 30 Dollar in BTC vom Staat bekommen – so soll der Bitcoin schnell Verbreitung finden. Doch dass die Private Keys bei der Regierung liegen und die App von Bugs geplagt wird, war nicht im Sinne der Erfindung. Nun soll das Unternehmen AlphaPoint aus den USA die Probleme in den Griff kriegen.

Die Einführung von Bitcoin wird versucht, als Gewinn zu verkaufen. Präsident Nayib Bukele verlautbarte kürzlich, dass das BIP im Jahr 2021 dank des Bitcoin-Gesetzes um zehn Prozent gewachsen sein, der Tourismus im 30 Prozent. Bitcoin hat El Salvador sicherlich bei vielen erst mal auf die Landkarte gesetzt, und in der zweiten Jahreshälfte sind viele Bitcoiner (übrigens auch auf Einladung der salvadorianischen Regierung) aus Neugierde in das kleine Land gekommen. Das aber nach dem Corona-Krisen-Jahr 2020 BIP und Tourismus wieder wachsen, das sagt Bukele nicht dazu. Und so stoßen wir bei unserer Reise schon mal auf Leute, für die wir die ersten Europäer seit zwei Jahren sind, die sie zu Gesicht bekommen.

Bitcoin Beach. © Jakob Steinschaden
Bitcoin Beach. © Jakob Steinschaden

Bitcoin Beach: Das Mini-Labor

Bitcoin ist schon länger Thema in El Salvador. Es ist nicht Präsident Bukele (Eigendefinition: “der coolste Diktator der Welt”), der die Kryptowährung ins Land brachte, sondern ein US-Amerikaner. Der US-Amerikaner Michael Peterson, der seit vielen Jahren an die Pazifikküste zum Surfen kommt, hat das Projekt “Bitcoin Beach” in dem kleinen Kaff El Zonte 2019 gestartet. Dort kann man bei einigen Shops, Restaurants und Hotel mit Bitcoin zahlen, und das System ist dort mittlerweile so bekannt, dass auch das Layer-2-Netzwerk Lightning Network und seine Vorzüge (schneller, günstiger usw.) bekannt sind. El Zonte ist als Bitcoin Beach eine der Pilgerstätten für Bitcoiners geworden. Allerdings: Wer nicht zum Surfen kommt, hat in kurzer Zeit alles gesehen, und wird die kleine Ortschaft mit den Mistkübeln, auf denen das große orange “B” gemalt wurde, bald wieder hinter sich lassen.

Bitcoin Beach. © Jakob Steinschaden
Bitcoin Beach. © Jakob Steinschaden

Das Projekt Bitcoin Beach, 2019 gestartet, ist eine Inspirationsquelle für Bukele gewesen, BTC als Zahlungsmittel einzuführen. Doch es gibt noch andere. Zentral ist Samson Mow, der ehemalige Chief Strategy Officer der Mining-Firma Blockstream. Er ist einer der wichtigsten Berater von Bukele und gilt als jener Kopf, der wesentlich die berühmt-berüchtigten Bitcoin-Anleihen El Salvadors (aka Volcano Bonds, siehe unten) mitgestaltet hat. Und er und der Gründer des Berliner Startups Fulmo, Jeff Gallas, hatten auch die Finger im Spiel, als Bukele der Weltöffentlichkeit seine Vision der “Bitcoin City” vorstellte. Die noch zu bauende Stadt soll per Geothermie nahe einem Vulkan gebaut werden, mitsamt CO2-freien Mining-Anlagen und natürlich satten Steuererleichterungen für internationale Krypto-Investor:innen. Leider gibt es auch Zweifel daran, ob der Vulkan namens Conchagua überhaupt noch aktiv ist, um seine Energie anzuzapfen (mehr dazu hier).

Das tat Ende 2021 aber der Euphorie unter Krypto-Enthusiasten keinen Abbruch, als sie von Bukele nach El Salvador eingeladen wurden. Nachdem die Reisegruppe (viele Blogger und Journalisten) ihr BTC-Zahlungen bei Starbucks, McDonald’s und Co. sowie mehrere Termine bei Politiker:innen hinter sich gebracht hatten, wurden sie von salvadorianischen Medien allesamt als Bitcoin-Investor:innen verkauft. Die österreichische Teilnehmerin der Reise, Anita Posch, distanzierte sich später davon, auch einer deutschen Journalistin wurde die Inszenierung rund um Bukele zu viel (hier zu sehen).

Präsident Bukele: Nicht cool, sondern ultrakonservativ

Nayib Bukele ist 40 Jahre alt, seit 2019 Präsident des mittelamerikanischen Landes. Davor war er Bürgermeister von San Salvador, außerhalb der Landesgrenzen kannte ihn kaum jemand. Seitdem er aber Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführt hat, kennt ihn die ganze Welt. Die meisten verbinden ihn mit Bitcoin, umgedreht aufgesetzten Baseball-Caps und HipHop, doch er kann auch anders. Anfang 2020 2020 ließ er das Militär ins Parlament marschieren, um die Abgeordneten zur zur Abstimmung einer schnellen Finanzierung der Sicherheitskräfte zu bewegen. Kritische Journalist:innen lässt die Regierung mittels der berüchtigten Pegasus-Spionagesoftware überwachen. Und ein totales Abtreibungsverbot stellt viele Frauen im Land vor die tragische Wahl, entweder lange ins Gefängnis zu wandern, oder heimlich gefährliche Abtreibungen machen zu lassen.

Bitcoin ist aber nur eine von vielen Großplänen, die Bukele wälzt. Er träumt von einem vereinigten Zentralamerika, so wie damals als San Salvador nach der Unabhängigkeit Spaniens für kurze Zeit Hauptstadt der República Federal de Centroamérica, die von ​​1823 bis 1840 Guatemala, Honduras, El Salvador, Nicaragua und Costa Rica vereinigte. In Guatemala und Nicaragua gibt es bereits inoffizielle Ableger von Bukeles Partei “Nuevas Ideas”.

El Salvadors Präsident Nayib Bukele. © presidencia.gob.sv
El Salvadors Präsident Nayib Bukele. © presidencia.gob.sv

Bitcoin währenddessen ist das Mittel, um sich vom US-Dollar loszusagen, der in El Salvador seit 2001 offizielle Landeswährung ist. Denn mit Washington steht Bukele immer mehr im Clinch. “Wir sind nicht eure Kolonie, euer Hinterhof oder euer Vorgarten”, richtete er kürzlich US-Präsident Biden und seiner Administration aus. Denn US-Senatoren warfen El Salvador vor, das Bitcoin-Gesetz würde “bösartige Akteure wie China und organisierte kriminelle Organisationen” begünstigen. Aber vielleicht geht es gar nicht um Bitcoin, sondern um geostrategische Überlegungen.

Im Nachbarland Guatemala, traditionell der engste Verbündete der USA in der Region, wird gemutmaßt, dass Bukele den Chinesen erlauben könnte, eine Militärstützpunkt einzurichten. China hat Bukele 2019 massive Investitionen zugesagt und baut etwa ein Stadion und eine Kläranlage; im Gegenzug verlegte Bukele die Botschaft von El Salvador von Taiwan nach Peking.

Ominöse Bitcoin-Anleihen

Die Anbandelung an China und die regionalen Machtspiele deuten darauf hin, dass Bukele El Salvador von den USA und dem Dollar loseisen will. Bedeutet auch, dass das Land sich Investoren anderswo suchen muss – und warum nicht auch unter Krypto-Afficionados auf der ganzen Welt?

Diesen bietet El Salvador mit den bereits erwähnten Volcano Bonds. Diese Bitcoin-Anleihen sollen dem kleinen Staat eine Milliarde Dollar bringen, die einerseits die ominöse Bitcoin City mitfinanzieren sollen, und andererseits in BTC investiert werden soll. Investor:innen werden 6,5 Prozent Rendite versprochen – man geht von weiteren Preissteigerungen von BTC aus, die dann an die Anleger:innen ausgeschüttet werden könnten. Investor:innen wird sogar die Staatsbürgerschaft als Goodie versprochen.

Doch sind salvadorianische Staatsanleihen eine gute Idee? Das kleine Land liegt im Korruptionswahrnehmungsindex auf Platz 115 von 180 Ländern. Fitch Ratings, eine der drei wichtigsten Ratingagenturen, hat die Schuldentilgungskapazität des Landes von zuvor B- auf CCC gesenkt – also auf Ramsch-Niveau.

Nun wird 2022 zeigen, ob der Bitcoin-Plan von Bukele aufgeht – oder eben auch nicht.

El Salvador. © Jakob Steinschaden
El Salvador. © Jakob Steinschaden
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