Hintergrund

Ethereum: „Königsmacher“ als Gefahr für Dezentralisierung und Zensurresistenz

Ethereum. © Unsplash
Ethereum. © Unsplash

Die zweit wichtigste Blockchain der Welt nach Bitcoin steht kurz vor einem Großereignis: Das derzeitige Ethereum-Mainnet wird voraussichtlich am 15. September mit dem Proof-of-Stake-System der Beacon Chain zusammengeführt. Das bedeutet einerseits, das der gewaltige Stromverbrauch von Ethereum durch den Wegfall des Mining um 99 Prozent sinken soll und andererseits, dass Mining durch Staking ersetzt wird. Mining-Unternehmen und eine Reihe von Exchanges haben sich bereits zusammen geschlossen, um einen Fork für Ethereum Proof of Work zu unterstützen.

Doch das Gros der Community – darunter auch der führende Mining-Pool Ethermine sowie die Stablecoin-Macher Tether (USDT) und Circle (USDC) – haben sich längst auf Proof of Stake eingestellt. Doch während die Blockchain energiesparender (und damit viel grüner) wird, gibt es nun auch Befürchtungen, dass PoS auf Kosten der Dezentralisierung geht.

Grundsätzlich gibt es das Skalierbarkeits-Trilemma bei Blockchains, das sich im Dreieck „Sicherheit“ – „Skalierbarkeit“ – „Dezentralisierung“ abspielt. Je stärker die Technologie in eine (oder mittig zwei) Ecken bewegt wird, umso weiter entfernt sie sich von der dritten Ecke. Da es bei Ethereum künftig viel stärker darum geht, skalierbarer und sicherer zu werden, fürchten nun immer mehr Beobachter:innen um die Dezentralisierung des Netzwerks.

Wir durchleuchten Ethereum & Proof of Stake

Denn zwar soll es dank Staking niederschwelliger werden, am Ethereum-Netzwerk teilnehmen zu können – dafür sorgen unterschiedliche Service-Provider (für „Staking as a Service“ und „Pooled Staking„) sowie natürlich die großen Exchanges und Broker (u.a. Binance, Coinbase, Bitpanda, Bitcoin Suisse), die alle ihre Staking-Angebote an den Start gebracht haben. Sie verwalten grundsätzlich die ETH-Token ihrer Nutzer:innen und betreiben die technische Infrastruktur für das Staking; im Gegenzug bekommen sie eine Gebühr bzw. werden an den Staking-Rewards beteiligt.

Zwar soll es mittlerweile fast 417.000 Validatoren geben, die am Staking-Netzwerk von Ethereum teilnehmen. Jedoch sind das nicht einzelne dezentralisierte Rechner, sondern viele dieser Validatoren werden in Pools zusammengefasst, bei Exchanges gebündelt oder als Managed Service von größeren Firmen betrieben.

„Social Slashing“ als Zensur gegen Bösewichte

„Der Validator hat einen Stake und arbeitet deswegen aktiv daran mit, eine Transaktion zu validieren. In der Proof-of-Work-Welt hat der Miner lediglich Elektrizität bereitgestellt, und das System hat die Validierung ohne seine aktive Teilnahme vorgenommen“, sagt etwa Prof. Dr. Philipp Sandner vom Frankfurt School Blockchain Center. Und diese aktive Validierung würde alles ändern. „Man kann jetzt genau sagen, wer eine Transaktion validiert hat – etwa Bitcoin Suisse oder Coinbase oder einer der anderen 10, 20 großen Staking-Apparate.“ Die theoretische Folge: Regulierungsbehörden haben künftig direkten Zugriff auf validierende Firmen und könnten sie sanktionieren, wenn sie etwa eine Transaktion einer Wallet auf einer Blacklist durchführen.

„Die großen Validatoren werden sich letztendlich den Regulierungen beugen. Sie werden bestimmte Transaktionen auslassen und nur saubere Transaktionen durchführen – also von Wallets, die nicht auf einer Blacklist stehen“, so Sandner weiter. Die weitere theoretische Folge: Während Unternehmen wie Coinbase nur mehr „Compliant Blocks“ schreiben, könnten sich andere Validatoren entwickeln, die auch mal kritische Transaktionen von Wallets auf der Blacklist durchführen. „Das könnte zur Folge haben, dass der Staat die Zentralisierung erhöht, bis es ein Permissioned System würde.“

Ein konkretes Beispiel gibt es bereits dafür: So hat das US-Finanzministerium in Folge des Tornado-Cash-Hacks etwa 40 Krypto-Adressen mit ETH und USDC auf die Sanktionsliste gesetzt. Der Ethereum-Miner Ethermine, hinter dem das österreichische Unternehmen Bitfly steckt, hat sich dazu entschlossen, Transaktionen dieser Adressen nicht durchzuführen – was in einer Zensur-Debatte rund um „Social Slashing“ mündete.

„Social Shlashing“ ist dabei ein neuer Sanktionsmechanismus für Fehlverhalten von Validatoren, die künftig vom Netzwerk ausgeschlossen werden können. Im schlimmsten Falle könnten die gestakten ETH als Strafe weggenommen werden. Doch wer letztendlich entscheidet, wer bestraft wird, ist am Ende unklar.

Zentralisierte Player als Königsmacher

Die beiden Unternehmen Tether und Circle, die die beiden führenden Stablecoins USDT und USDC herausgeben, haben bereits angekündigt, Proof of Stake von Ethereum zu unterstützen. Ohne ihre Stablecoins läuft bei DeFi und NFTs kaum etwas – weswegen Sandner sie als „Königsmacher“ bezeichnet. Dadurch, dass die beiden Unternehmen zentralisiert die Stablecoins herausgeben, hätten Regulierungsbehörden erheblichen Einfluss auf sie – und könnten sie zwingen, bestimmte Forks von Ethereum zu unterstützen, in den kritische Transaktionen und Wallets nicht mehr zugelassen werden.

Technisch werden die Gatekeeper für Transaktionen „Builder“ oder Block Builder“ genannt – sie sammeln künftig Transaktionen, bevor sie durchgeführt werden, und es soll nur wenige von ihnen geben. Als wichtigster Builder gilt Flashbots – eine wichtige Software für DeFi-Transaktionen, mit der bereits ebenfalls schon mal Wallet-Transaktionen (in dem Fall vom US-Finanzministerium sanktionierten Twister Money) blockiert wurden.

Aber auch führende Ethereum-Wallet-Anbieter wie MetaMask, dass vom Krypto-Unicorn ConsenSys betrieben wird, gelten als künftige „Königsmacher“ in der PoS-Welt von Ethereum. MetaMask könnte die Transaktionen theoretisch immer über einige dezidierte Builder schicken und so die Zentralisierung verstärken. Das wird aber gegenüber Bloomberg noch dementiert.

„Wir werden auf keinen Fall alle Transaktionen von MetaMask an nur einen bestimmten Hersteller oder Lieferanten liefern“, sagte Taylor Monahan, World Product Lead bei MetaMask. „Der Wert von MetaMask ergibt sich daraus, dass wir ein Tor zu einem spannenden, lebendigen, vielfältigen und ehrlichen Ökosystem sind. Aus diesem Grund wird MetaMask immer versuchen, Entscheidungen zu treffen, die ein gesundes und dezentralisiertes Ethereum fördern.“

Aber auch der letzte Satz zeigt: Es ist am Ende die Entscheidung von einigen wenigen Manager:innen, ob sie ein dezentralisiertes Ethereum unterstützen – oder eben auch nicht.

Ethereum: Was Proof of Stake bringen wird – und was nicht

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