Interview

Gregor Demblin von tech2people: „Exoskelette werden Rollstühle ersetzen“

Gregor Demblin von tech2people. © tech2people
Gregor Demblin von tech2people. © tech2people

Gregor Demblin ist der ­Gründer von tech2people, das vor Jahren als Startup durchstartete und sich nun als Europas größtes ­ambulantes Zentrum für Robotik-gestützte ­Physiotherapie etablieren will. Behandelt werden Menschen, die einen Schlaganfall durchlebt haben sowie Personen mit einer Querschnittslähmung oder Multipler Sklerose.

„Es war ein unglaubliches Erlebnis, besonders da ich bis dahin fast 25 Jahre nur sitzend oder liegend verbracht habe“, erzählt Gregor Demblin im Interview mit Trending Topics. Der Sozialunternehmer, der seit einem Badeunfall selbst querschnittgelähmt ist, machte vor mehr als zwei Jahrzehnten seine erste Erfahrung mit einem Exoskelett. Er verrät, was ihn dazu motiviert hat, aus dem Startup ein ganzes Zentrum zu machen und liefert ebenso detailierte Einblicke in die Vorteile der Robotik-Therapie. Die soll sich laufend weiterentwickeln. Im Gespräch erzählt Demblin, wie er sich die Zukunft der Physiotherapie sowie Rehabilitationswelt vorstellt und welche Rolle Startups und seine neue App „Abilitate“ hierbei spielen könnten.

Warum haben Sie tech2people gegründet?

Gregor Demblin: Die Grundidee kam mir, als ich im Juli 2017 zum ersten Mal eine Therapie mit einem Exoskelett in Deutschland ausprobieren durfte und somit wieder für eine Weile aufrecht gehen konnte. Es war ein unglaubliches Erlebnis, besonders da ich bis dahin fast 25 Jahre nur sitzend oder liegend verbracht habe. Es ist unbeschreiblich, sich wieder daran erinnern zu können, wie groß man eigentlich ist und wie die Welt von oben aussieht. Während meiner ersten Schritte dachte ich sofort daran, dass es dieses Angebot auch unbedingt in Österreich geben muss.

Können Sie uns mehr über den tatsächlichen Gründungsablauf verraten?

Das Startup gegründet haben meine Kolleg:innen und ich im Dezember 2018. Am Anfang ging es hauptsächlich darum, das erste Gerät anzuschaffen. Ein Gerät alleine kostet um die 150.000 Euro. Dazu braucht es auch geschulte Therapeut:innen. Das alles war klarerweise unfassbar kostenspielig. Mit den ersten Therapien angefangen haben wir dann in einer Privatklinik und hatten danach verschiedene Standorte, darunter das Krankenhaus Göttlicher Heiland oder das Orthopädische Spital Speising – da haben wir dann schon unsere eigene Station gehabt.

Das heißt, Sie haben zuvor schon als Startup mit eigenen Geräten in Krankenhäusern Patient:innen betreuen können. Warum dann der Bau des Therapiezentrums?

Genau, wir haben uns dort eingemietet. Ich möchte zu der Frage einen sehr wichtigen Punkt betonen: Seit meinem Unfall habe ich viel Zeit in Krankenhäusern verbringen müssen, dabei hasse ich Krankenhäuser. Ich glaube, den meisten Menschen geht es so. Ein Krankenhaus ist einfach kein Ort des Wohlfühlens, sondern eher ein Ort, den man so schnell wie möglich verlassen möchte. So unfassbar schöne Erfahrungen, wie das Aufstehen und ein erster Spaziergang mit einem Exoskelett, sollten nicht mit dem Geruch eines Krankenhauses in Verbindung gebracht werden. Genau aus diesem Grund kam mir die Idee, direkt ein eigenes Zentrum für unsere Therapiemöglichkeiten zu errichten. Das Zentrum in der Seestadt soll sich im Vergleich zu Spitälern daher auch wie ein Wellness- oder Fitnesscenter anfühlen. Die Gegend ist ruhig, das Zentraum verfügt über viele lichtdurchflutete Räume und die Aussicht ist wunderschön.

Wie kann man sich eine Therapieeinheit vorstellen und was sind dabei die Vorteile?

Was unser Zentrum einzigartig macht, ist natürlich der Fokus auf robotische Geräte und Therapien. Das bietet drei entscheidene Vorteile: Erstens ermöglicht Robotik die Simulation von Bewegungsabläufen, die in manuellen Therapien nicht umsetzbar wären. Beispielsweise kann ich damit komplexe Bewegungen wie Gehen simulieren, was für mich persönlich auf herkömmliche Weise definitiv nicht möglich wäre. Selbst mit drei Therapeut:innen wäre es unmöglich, mich zum Gehen zu bringen.

Auch das Greifen oder andere komplexe Bewegungen funktionieren derzeit am besten mit Exoskeletten. Zweitens ist in der Neurotherapie die Möglichkeit zur Erreichung extrem hoher Wiederholungszahlen entscheidend. Während man in einer klassischen Gangtherapie mit zwei Therapeut:innen wahrscheinlich zwischen 50 und 100 Schritten pro Stunde schaffen würde, sind es in einer Therapie mit einem Exoskelett zwischen 1500 und 2000 Schritte. Die Regeneration des Nervensystems hängt maßgeblich von der Anzahl der Wiederholungen ab, wodurch die robotische Therapie äußerst effizient wird. Drittens ermöglicht die Robotik einen sehr hohen Trainingseffekt, da die Geräte bis zu 500 Mal pro Sekunde messen, wie viel Kraft Patient:innen aufbringen können und wie viel Restfunktion vorhanden ist.

Warum braucht es zusätzliche ambulante Therapieoptionen in Österreich?

In der stationären Versorgung sind wir in Österreich nach wie vor sehr gut aufgestellt. Bei Unfällen mit Querschnittlähmung oder Schlaganfällen erfolgt zunächst die Versorgung in Krankenhäusern oder Rehazentren. Allerdings besteht ein Problem darin, dass die Patient:innen wegen der Kosten nur so lange im Therapiezentrum bleiben, bis sie aus therapeutischer Sicht ‚ausbehandelt‘ sind oder keine Fortschritte mehr erzielen. Ein:e typische:r Schlaganfallpatient:in verbringt etwa zwei Monate stationär, allerdings kann das Gehirn noch ein Jahr lang Funktionen neu erlernen und übernehmen. Gleiches gilt für Querschnittlähmungen.

Hier kommen die ambulanten Optionen ins Spiel?

Nach dem stationären Aufenthalt haben wir die Versorgungslücke, die wir schließen möchten. Das ist besonders wichtig für Langzeitpatient:innen oder Menschen mit dauerhaften Behinderungen, die einen Großteil bei uns ausmachen. Ein Beispiel bin ich selbst. Ich könnte nicht ständig stationär im Krankenhaus aufgenommen werden, nur um einmal pro Woche mit einem Exoskelett zu gehen. Viele unserer Patient:innen, die von ambulanten Therapien profitieren, haben Multiple Sklerose und können so ihre Verläufe stabilisieren. Diese Menschen werden nicht stationär im Krankenhaus aufgenommen.

Gibt es derzeit Pläne, neue Geräte hinzuzufügen?

Ja, wir haben derzeit 20 verschiedene Technologien im Einsatz, darunter auch drei Exoskelette. Wenn es um die Auswahl neuer Geräte geht, verfügen wir über ein hochspezialisiertes Team von Physiotherapeut:innen, die für verschiedene Geräte geschult sind. Nur wenige Zentren haben auch im stationären Bereich Therapeut:innen, die mit unterschiedlichen robotischen Geräten vertraut sind. Sie, als auch unser ärztlicher Leiter, Dr. Lackner, der ebenfalls technologieaffin ist, prüfen, ob ein neues Gerät Fähigkeiten bietet, die unsere aktuellen Geräte nicht haben.

Welche langfristigen Ziele hat tech2people?

Erstens möchten wir die Verbreitung von Hightech-Geräten in der Neurotherapie fördern und idealerweise mehrere Zentren errichten, um eine umfassendere Versorgung in Österreich sicherzustellen. Ein zweiter Punkt betrifft unsere App ‚Abilitate‘, die in unserem Therapiezentrum im Einsatz ist und die Messung und Dokumentation von Therapieergebnissen ermöglicht. Wir hoffen, dass die App künftig weltweit Physiotherapeut:innen dabei unterstützt, ihre Therapiedokumentation mit den individuellen Therapiezielen der Patient:innen zu verbinden und somit Fortschritte deutlicher und nachvollziehbarer zu messen. Langfristig möchten wir, dass die Software sogar Vorhersagen treffen kann. Das würde die Physiotherapie auf ein höheres Niveau bringen.

Ein drittes Ziel ist es, verstärkt mit Startups und Entwickler:innen zusammenzuarbeiten. Wir sind nämlich eines der wenigen Zentren weltweit, bei denen Patient:innen neue Technologien testen dürfen.

Mein letztes persönliches langfristiges Ziel ist es, dass immense technologische Fortschritte in unserem Bereich Wirklichkeit werden. So bin ich davon überzeugt, dass Exoskelette in der Zukunft Rollstühle ersetzen werden und Menschen mit Behinderungen noch mobiler werden als jetzt.

Was sind auf diesem Weg Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen?

Bei der Implementierung neuer Technologien treten so gut wie immr Herausforderungen auf. Meiner Meinung nach besteht die größte davon darin, dass die Technologie einen möglichst unkomplizierten Mehrwert bieten muss, besonders für Menschen, die sich bisher nicht mit Technologie in der Physiotherapie auseinandergesetzt haben. Es ist also von entscheidender Bedeutung, dass es so wenig Einstiegshürden wie möglich gibt, sei es in Bezug auf die Software oder die Hardware wie die Geräte. Es braucht aber auch ausreichend Offenheit für Neues.

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