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Investments in Europas Tech-Unternehmen gingen zurück, zwei Drittel weniger neue Unicorns

Europa. © Photo by Tom Grimbert on Unsplash
Europa. © Photo by Tom Grimbert on Unsplash

In der ersten Jahreshälfte 2022 übertrafen die Investments in Tech-Unternehmen in Europa den Vorjahres-Wert um vier Prozent. Das geht aus dem heute veröffentlichten State of European Tech-Report hervor. In der zweiten Jahreshälfte nahmen und nehmen die Investments allerdings deutlich ab und pendeln sich bei 85 Milliarden US-Dollar ein. Damit liegen sie deutlich unter dem Vorjahrs-Rekord (über 100 Milliarden US-Dollar). Damit sei 2022 „das zweitstärkste Finanzierungs-Jahr in der Geschichte des europäischen Tech-Ökosystems“. Dennoch sei es ein Jahr „wie kein zweites“.

„Ein Jahr der zwei Hälften“

Rekordverdächtiges Wachstum traf auf makroökonimischen und geoplitischen Gegenwind“, heißt es im Report. Zurück bleibe „ein Jahr der zwei Hälften“, wie eingangs beschrieben. Derzeit sei das makroökonomische Umfeld „das schwierigste seit der globalen Finanzkrise“. Dennoch übertreffen die diesjährigen Investments jene aus dem ersten Krisenjahr 2020 um das Doppelte (damals 38,8 Milliarden US-Dollar). 

Allerdings gibt es auch zahlreiche Kennzahlen, die aufzeigen, welche Herausforderungen auf die Branche zukommen. So ist dem Report zufolge der Wert börsennotierter und privat-gehaltener europäischer Tech-Unternehmen seit Beginn des Jahres um über 400 Milliarden US-Dollar gesunken, wodurch auch der Gesamtwert des Ökosystems von seinem Spitzenwert (3,1 Billionen US-Dollar) Ende 2021 auf nun 2,7 Billionen US-Dollar fiel. 2022 entstanden außerdem „nur“ 31 neue Einhörner, 2021 waren es noch 105 gewesen. Damals brachten mehr als 100 Mrd. Euro Europa 2021 fast 100 neue Unicorns – wir berichteten.

© Dealroom
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Ökosystem wird „reifer“

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den IPOs, das Fenster „ist geschlossen“: In Europa und den USA fanden dieses Jahr nur drei IPOs mit einer Marktkapitalisierung von über einer Milliarde US-Dollar statt (zwei davon in Europa). Zum Vergleich: 2021 lag dieser Wert bei 86. Sarah Guemouri, Principal bei Atomico und Co-Autorin des Reports: „Dieses Jahr trotzt den Erwartungen, wir müssen es jedoch aus einem anderen Blickwinkel betrachten, statt nur auf die vergangenen 24 Monate zu schauen. Die Finanzierungsrunden, an die wir uns im vergangenen Jahr gewöhnt haben, waren astronomisch hoch. Und 2022 übertrifft das Level von vor zwei Jahren noch immer deutlich. Während das europäische Ökosystem reifer wird, sehen wir natürlich Höhen und Tiefen. Allerdings beeinträchtigt die makroökonomische Situation jede Branche weltweit und sollte daher nicht den grundsätzlichen Fortschritt des Tech-Sektors verschleiern.”

Weniger US-Investor:innen

Parallel dazu gab es in der ersten Jahreshälfte allerdings 133 Finanzierungsrunden mit einem Volumen von mehr als 100 Mullionen US-Dollar – das sind mehr als 2019 und 2020 zusammen. In der zweiten Jahreshälfte wurden jedoch deutlich weniger dieser großen Finanzierungsrunden abgeschlossen (37). Und: US-Investor:innen ziehen sich mehr und mehr zurück,  die Beteiligung aktiver US-amerikanischer Investor:innen an diesen Runden sank um 22 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

© Dealroom
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82 Prozent der befragten Gründer:innen geben darüber hinaus an, dass es derzeit schwieriger ist, Kapital einzusammeln als noch vor zwölf Monaten. Letztlich führen die Schwierigkeiten auch zu Entlassungen: Bis dato entließen Unternehmen mit Hauptquartieren in Europa 14.000 Mitarbeiter:innen. Der Anteil an den Entlassungen im Tech-Ökosystem liegt damit rund um den Globus bei sieben Prozent.

Trends und Chancen für Europa

Tom Wehmeier, Partner und Head of Insights bei Atomico sowie Co-Autor des Reports: „Das Tech-Ökosystem, welches wir kennen, ist gerade einmal um die zwanzig Jahre alt – und in diesem Zeitraum ist es in einer unglaublichen Geschwindigkeit gereift. Der wahre Erfolg der Branche dreht sich um Talent, Innovationen und den langfristigen Aufbau von Unternehmen. Die wichtigen Bestandteile dieses Puzzles bleiben intakt, europäische Wagniskapital-Fonds verfügen über 44 Milliarden US-Dollar, um es bei der richtigen Gelegenheit zu investieren. An der grundsätzlichen Stärke unseres Ökosystems hat sich weit weniger geändert, als wir denken.”

Zudem deuten laut dem Report „mehrere der großen Trends auf Chancen für das europäische Tech-Ökosystem im kommenden Jahr hin“. Einerseits reife das Ökosystem schnell: 2022 beteiligten sich bis dato über 3.200 unterschiedliche Institutionen an mindestens einer Finanzierungsrunde in Europa, das Ökosystem könne sich über „eine große Bandbreite erfahrener, langfristig-orientierter und aktiver Investoren“ freuen. Talent bleibe dem Ökosystem erhalten und werde „innerhalb der Branche von einer Generation an Unternehmen an die nächste ‚umverteilt'“: 55 Prozent der Gründer*innen und 59 Prozent der Führungskräfte haben sogenannte „multi-generational Experience”.

Künftig dürfte es auch wieder mehr Kapital geben – sitzen doch europäische Venture- und Growth-Investoren auf 84 Milliarden US-Dollar „Dry Powder”. Die Studienmacher:innen erwarten, „dass sich das Rennen, Kapital schnellstmöglich in den Markt zu bringen, im Übergang zum Jahr 2023 verlangsamt“. Die vorhergehend genannten Zahlen würden jedoch auf liquides Kapital hindeuten – „auch wenn die Umstände 2023 schwierig bleiben“.

Europa als purpose-driven-Weltmeister

Hoch bleibt das Engagement für den Planeten: Europäische Investment-Levels für purpose-driven Companies (also Unternehmen, die ökologisch oder gesellschaftlich nachhaltige Lösungen entwickeln) werden die Rekord-Summen des Vorjahres übertreffen, heißt es von Atomico. Global betrachtet fließe inzwischen der Großteil aller Frühphasen-Investments für purpose-driven Tech-Unternehmen. In Europa gibt es mittlerweile 42 Einhörner, die als „purpose-driven” qualifiziert werden. Zum Vergleich: In Nordamerika und Asien nahmen die Investments in purpose-driven Companies im Vergleich zum Vorjahr um 50 Prozent, beziehungsweise um 65 Prozent ab.

Chris Grew, Partner, Technology Companies Group, Orrick: „Wir befinden uns in einer Phase unsicherer Märkte – und die Daten zeigen deutlich, dass sich Gründer*innen auf Effizienz, Nachhaltigkeit und Profitabilität statt auf ungezügeltes Wachstum fokussieren sollten. Dennoch ist der Investoren-Pool breiter denn je und die Rolle des Tech-Ökosystems innerhalb der europäischen Wirtschaft ist eine gänzlich andere als während des letzten Abschwungs. Vielmehr ist es entscheidend, um zu einer Lösung für die Klima-Krise und anderen gesellschaftlichen Herausforderungen beizutragen.”

Die Zahlen und Statistiken stammen aus dem jährlich veröffentlichten Report zur europäischen Tech- und Startup-Wirtschaft. Der Risikokapitalgeber Atomico analysierte für den State of European Tech quantitative Daten aus 41 europäischen Ländern sowie eine Umfrage unter tausenden Stakeholder:innen des europäischen Tech-Ökosystems. Hier gehts zum gesamten Report.

Mehr als 100 Mrd. Euro bringen Europa 2021 fast 100 neue Unicorns

 

 

 

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