Kommentar

Mensch, lasst doch endlich mal die Startups ran!

In Stein verewigter Facepalm. © Canva Pro
In Stein verewigter Facepalm. © Canva Pro

Es gibt eine Geschichte, die wiederholt sich mit (un)schöner Regelmäßigkeit in diesem Lande: Eine große Organisation setzt voll auf Digitalisierung, engagiert eine Agentur, launcht einen neuen Service – und dann kommt der Shitstorm, weil die Sache dann 1. doch nicht so toll funktioniert wie gedacht und 2. sich viele über die hohen Kosten des nicht wirklich toll funktionierenden Services wundern.

So nun wieder Geschehen mit Start ins Business-Jahr 2024. Das Arbeitsmarktservice (AMS) nahm 2023 etwa 300.000 Euro in die Hand, um gemeinsam mit Bundesrechenzentrum (BRZ) und der Agentur goodguys den AMS Berufsinformat an den Start zu bringen. Es ist ein Chatbot, der via APIs GPT3.5 Turbo von OpenAI anzapft, damit man ihn Dinge zu Berufswahl, Jobvoraussetzungen usw. fragen kann. Die offensichtlichste Anwendung funktioniert aber nicht – der Chatbot kann die Frage: „Zeig mir offene Stellen in Branche X in Region Y“ nicht beantworten, sondern verweist auf die Job-Boards des AMS.

Wie auch immer, es dauerte nicht lange, da rauschte auch schon eine Welle der Kritik durch Social Media. Die Antworten hätten eine Gender-Bias, und technisch sei der Berufsinformat auch nicht sonderlich ausgereift (mehr dazu hier). Der Jobplattform-Betreiber Jobiqo merkte an, dass man einen ähnlichen Service mit „deutlich geringerem finanziellen und zeitlichen Aufwand“ erstellt hätte (Anm.: Das Custom GPT „Berufsberater Austria“ ist nur mit ChatGPT-Plus-Abo zugänglich).

Auch Nicolas Vorsteher, Gründer und Investor von chatlyn, einem Startup für Chat-Kommunikatio ärgerte sich auch schon über die Vorgehensweise. „Neben den Custom GPTs von OpenAI gibt es da draußen zig Tools (teilweise sogar gratis) mit zig tausenden Kunden, die das in Sekunden besser hinbekommen, sog. OpenAI Wrapper. Man hätte nur einmal „AI Chatbot“ googeln müssen oder noch besser ChatGPT die Frage stellen sollen.“ Auch sei der technische Partner mit bisherigen Tourismusprojekten nicht passend.

AI Concierge als Grundlage

Bei goodguys handelt es sich um eine 2021 gegründete Agentur, die sich KI auf die Fahnen geschrieben hat. Sie hat ihren „AI Concierge„, der als technische Grundlage für den AMS Berufsinformat dient, bisher etwa in Kooperation mit der Österreich Werbung im Tourismus-Portal Austria.info oder in die Webseiten von Zürich Tourismus und Basel Tourismus integrieren. Allerdings ist auch anzumerken, dass goodguys auch den Chatbot der Stadt Villach betreibt, und ein längerer Aufenthalt auf der Webseite der Agentur zeigt auch, dass sie sich nicht erst bloß seit dem ChatGPT-Hype mit LLMs beschäftigt, sondern schon seit mehreren Jahren.

Nun aber fühlen sich Startups wieder einmal benachteiligt, immerhin sehen sie sich als Tech-Speerspitze des Landes. Es ist nicht das erste Mal, das so etwas passiert. Wir erinnern uns etwa an folgende Beispiele:

  • Kaufhaus Österreich: Das gefloppte E-Commerce-Projekt von Ex-Ministerin Margarete Schramböck (ÖVP) kostete mehr als eine Million Euro, während eine Reihe von Startups und Entwickler:innen ähnliche Shop-Verzeichnisse lancierten (die sich aber auch nicht wirklich durchsetzten). Mit dem KHÖ wurden 2021 BRZ und die LFZR GmbH mit der Umsetzung beauftragt die die Subauftragnehmer Accenture GmbH, Digitalberatung GmbH und hpc DUAL Österreich anheuerten
  • Österreich testet: Die Online-Plattform zum Anmelden für COVID-Tests kostete mehr als eine halbe Million Euro, auch sie wurde scharf kritisiert. Es traten Devs auf den Plan, die das Ganze schneller und günstiger umgesetzen hätten wollen bzw. meinten, das zu schaffen
  • Stopp Corona App: Die wenig genutzte App mit Image-Problemen wurde vom Roten Kreuz mit Unterstützung von Accenture Österreich umgesetzt, während ein Startup-Kollektiv unter dem Namen NOVID 20 eine ähnliche App für Georgien entwickelte

Immer wieder in der jüngeren Geschichte sehen sich Startups also ausgeschlossen von den Projekten, die von großen Organisationen und öffentlichen Stellen wie dem AMS gemacht werden – und die dann meist von Agenturen umgesetzt werden. Wie gut oder schlecht diese das machen, müssen andere beurteilen.

„Berufsinfomat“: Jobiqo baut AMS AI-Assistent um wenige Euro nach

Ausschreibungen müssen zu Innovations-Challenges werden

Jedenfalls aber wäre es mal toll, wenn solche Projekte mal wirklich öffentlich ausgeschrieben werden und zwar so, dass es auch Startups, die nicht bereits über etablierte Kommunikations- und Sales-Kanäle verfügen, es mitbekommen und sich bewerben können. Aus solchen Ausschreibungen sollten eigentlich Challenges werden, in denen man sich mit Prototypen bewirbt, in denen es Alpha/Closed-Beta-Testphasen für die interessierte Öffentlichkeit gibt, und in denen hochkarätig besetzte Fach-Jurys über den Gewinner und damit die Budget-Vergabe entscheiden. Da könnten die Agenturen genauso mitmachen wie die Startups, ganz nach dem Motto – möge der Bessere gewinnen!

Tech-Challenges würden die Produkte und Services verbessern, es wäre ein deutlich transparenterer und nachvollziehbarer Prozess, die Teilnehmer:innen würden sich von den Mitbewerbern challengen und auch inspirieren lassen können – und am Ende müssten sich die Organisationen und ihre Chefs nicht für Fehlfunktionen rechtfertigen, mit denen sich kurz nach dem Release überrascht werden.

Für Startups, die sich für öffentliche Ausschreibungen interessieren: Die Innovations-förderne Beschaffung (IÖB) von Wirtschafts- und Klimaschutzministerium hat zahlreiche Informationen dazu.

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