Der Fall Steinberger und die Open Source Frage
Der Wechsel des österreichischen Entwicklers Peter Steinberger zu OpenAI hat eine intensive Debatte über Europas Wettbewerbsfähigkeit im KI-Bereich ausgelöst. Steinberger, Schöpfer des viralen Open-Source-Projekts OpenClaw, entschied sich nach Angeboten von Meta und OpenAI für letzteres Unternehmen. Der Deal wirft grundsätzliche Fragen auf: über die Zukunft von Open-Source-Projekten, über Europas Fähigkeit, Tech-Talente zu halten, und über die Strategien der großen KI-Konzerne im Wettbewerb um Entwickler und Technologien.
Jakob Steinschaden, Mitgründer von newsrooms und Trending Topics, und Clemens Wasner, CEO von EnliteAI und Vorsitzender von AI Austria, sprechen heute über den Wechsel von OpenClaw-Schöpfer Peter Steinberger zu OpenAI im Podcast:
Der OpenClaw-Erfolg: Mehr als nur Code
OpenClaw erreichte innerhalb kürzester Zeit 180.000 GitHub-Stars und entwickelte sich damit schneller als nahezu jedes andere Open-Source-Projekt zuvor. Das Besondere: Es handelt sich nicht um ein eigenes KI-Modell, sondern um eine Plattform, an die verschiedene Large Language Models angedockt werden können. Die eigentliche Innovation lag jedoch weniger im Code selbst als im Community-Building.
Steinberger schaffte es, eine globale Entwickler-Community aufzubauen, die aktiv zum Projekt beitrug. Die Verbreitung war international: Die meisten Installationen erfolgten prozentual gesehen in China, was die globale Reichweite unterstreicht. Bei der ClawCon in Wien wurde Steinberger gefeiert wie kaum ein anderer Entrepreneur in der österreichischen Startup-Szene zuvor.
Die Entscheidung: OpenAI statt Meta
Steinberger hatte zwei wesentliche Angebote vorliegen: eines von Meta-Chef Mark Zuckerberg persönlich und eines von OpenAI. Zunächst deutete vieles auf Meta hin. Zuckerberg testete OpenClaw persönlich und gab Feedback via WhatsApp. Doch letztlich fiel die Wahl auf OpenAI, obwohl Steinberger selbst angab, nicht das monetär bessere Angebot angenommen zu haben.
Über die genaue Summe wird spekuliert. Branchenkenner gehen von einem neunstelligen Betrag aus, möglicherweise 100 Millionen Dollar oder mehr, hauptsächlich in Form von Aktienoptionen. Bei einer angestrebten Bewertung von OpenAI von über 800 Milliarden Dollar und einem möglichen Börsengang könnte Steinberger theoretisch zum ersten KI-Self-Made-Milliardär werden. Meta soll sogar mehr geboten haben, einzelne KI-Forscher erhielten dort Angebote von bis zu 1,5 Milliarden Dollar.
Die Entscheidung für OpenAI basierte auf mehreren Faktoren: Zugang zu beispiellosen Compute-Ressourcen, die Möglichkeit, an KI-Agenten für die breite Masse zu arbeiten, und die strategische Positionierung im Wettbewerb der großen Tech-Konzerne.
Was Europa verliert (und gewinnt)
Steinbergers Begründung für den Wechsel in die USA war deutlich. In einem LinkedIn-Post schrieb er:
„In der USA sind die meisten Menschen enthusiastisch. In Europa werde ich beschimpft, Leute schreien REGULIERUNG und VERANTWORTUNG. Und wenn ich wirklich hier eine Firma baue, dann kann ich mich mit Themen wie Investitionsschutzgesetz, Mitarbeiterbeteiligung und lähmenden Arbeitsregulierungen abkämpfen. Bei OAI arbeiten die meisten Leute 6-7 Tage die Woche und werden dementsprechend bezahlt. Bei uns ist das illegal.“
Der Fall ist kein Einzelfall. Weitere österreichische KI-Talente wie Eric Steinberger und Sebastian De Ro (Magic, eine halbe Milliarde Dollar Funding), die Koska-Brüder (SF-Tensor) und Mojmir Horvath sind ebenfalls ins Silicon Valley gewechselt oder stehen kurz davor. Die Gründe sind strukturell:
- Größerer Markt und mehr potenzielle Kunden in den USA
- Einfacherer Zugang zu Kapital und höhere Bewertungen
- Weniger regulatorische Hürden, insbesondere bei KI-Technologien
- Konzentrierte Tech-Community und Netzwerkeffekte im Silicon Valley
- Verfügbarkeit von Compute-Ressourcen bei den großen Playern
Österreich hat starke Open-Source-Community
Allerdings zeigt der Fall auch eine andere Seite: Europa, insbesondere Österreich, hat eine starke Open-Source-Community hervorgebracht. Entwickler wie Armin Ronacher (Rust, über 40.000 GitHub-Stars, arbeitete bei Sentry), Max Stoiber (React, JavaScript, Director of Engineering bei Shopify, jetzt bei OpenAI) oder Bugs haben international bedeutende Projekte geschaffen. Diese Erfolge erhalten jedoch deutlich weniger mediale Aufmerksamkeit als klassische Startup-Exits oder Funding-Runden.
Ein ähnlicher Fall ereignete sich in Deutschland: Han Xiao gründete Jina AI, einen Open-Source-Konkurrenten zu Elasticsearch, der innerhalb von 12 Monaten 20 Millionen Dollar und nach 36 Monaten 40 Millionen Dollar einsammelte. Auch er ging letztlich in die USA und verkaufte das Unternehmen an Elastic. Seine Kritik: Europa redet viel über Open-Source-Förderung, liefert aber weder Compute, noch spezielle Förderschienen, noch rechtlichen Schutz.
Die Open-Source-Frage: Bedrohung oder Chance?
OpenClaw soll in eine Stiftung überführt werden, die von OpenAI finanziell unterstützt wird. Das Projekt soll Open Source bleiben. Doch die Frage ist: Wie entwickelt sich ein Open-Source-Projekt, wenn sein Hauptentwickler bei einem kommerziellen Konkurrenten arbeitet?
Aus Sicht von OpenAI und Meta ist Open Source paradoxerweise sowohl Chance als auch Bedrohung. Beide Unternehmen wollen KI-Agenten als kostenpflichtige Services anbieten (20 bis 100 Dollar pro Monat). Ein frei verfügbares Open-Source-Projekt wie OpenClaw könnte diese Geschäftsmodelle untergraben. Gleichzeitig haben beide Firmen historisch von Open Source profitiert:
- Meta trug massiv zu React, PHP und PyTorch bei und positionierte Llama lange als offenes Modell
- OpenAI nutzt den „Open“-Begriff im Namen, obwohl die meisten Produkte Closed Source sind
Die Übernahme von Steinberger kann auch als defensive Strategie gesehen werden: Man sichert sich ein potenziell disruptives Projekt und dessen Community, bevor es zur ernsthaften Konkurrenz wird. Ein Branchenkenner aus dem Silicon Valley bezeichnete den Deal als „vergleichsweise günstige Werbung für OpenAI“, um nach einem schwierigen Jahr 2025 wieder positiv wahrgenommen zu werden.
Interessant ist auch, wer nicht mitgeboten hat: Google und Anthropic, die beiden großen Gewinner des Jahres 2025 im KI-Bereich, zeigten kein offensichtliches Interesse. Anthropic schickte Steinberger sogar ein Anwaltsschreiben wegen der Namensähnlichkeit zu „Claude“. OpenAI und Meta hingegen, die 2025 Rückschläge erlitten (OpenAI verlor Marktanteile an Google und Anthropic, Meta hatte Probleme mit Llama 4 und verlor KI-Chef Yann LeCun), waren aggressiver.
Ausblick: Zwischen Closed und Open
Der Fall Steinberger ist ein Lehrstück über die Spannungen im modernen Tech-Ökosystem. Einerseits zeigt er, dass Europa weiterhin herausragende Talente und innovative Open-Source-Projekte hervorbringt. Andererseits verdeutlicht er die strukturellen Nachteile: fehlendes Kapital für ambitionierte Projekte, regulatorische Hürden und eine teils skeptische öffentliche Diskussion über neue Technologien.
Die Frage, ob offene Standards und Protokolle in der heutigen Zeit überhaupt noch entstehen können, wenn erfolgreiche Projekte so schnell von großen Konzernen absorbiert werden, bleibt offen. Historisch basierten das Web und viele Grundlagentechnologien auf offenen Standards. Doch im Consumer-Bereich dominieren zunehmend „Walled Gardens“.
Für OpenClaw selbst wird entscheidend sein, ob die Community das Projekt eigenständig weiterentwickeln kann, während Steinberger den Großteil seiner Zeit für OpenAI arbeitet. Die großen Tech-Konzerne werden Milliarden in KI-Agenten investieren. Ob ein Open-Source-Projekt da mithalten kann, ist eine der spannendsten Fragen der kommenden Monate.
Steinbergers Wechsel ist weder rein positiv noch rein negativ zu bewerten. Er ist vielmehr ein Symptom für die aktuellen Machtverhältnisse in der Tech-Industrie: Talent und Innovation entstehen global, die Ressourcen und Märkte konzentrieren sich jedoch weiterhin in den USA und bei wenigen dominanten Playern.

