Gastbeitrag

Von Wachstumseuphorie zu Kapitaldisziplin: Europas Startups in der nächsten Reifephase

Costanza Carissimo von Cathay Innovation. © Cathay Innovation
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Startup Interviewer: Gib uns dein erstes AI Interview Startup Interviewer: Gib uns dein erstes AI Interview

Costanza Carissimo ist Investment Director bei Cathay Innovation und beschäftigt sich mit technologiegetriebenen Geschäftsmodellen in den Bereichen KI, Klima, Gesundheit und Fintech. Sie beobachtet den Wandel im europäischen Venture Capital hin zu mehr Kapital-Effizienz und langfristiger Nachhaltigkeit.

Über Jahre folgte das europäische Startup-Ökosystem einem klaren Credo: Geschwindigkeit schlägt Profitabilität. Wer schnell skalierte, setzte sich durch. Das galt selbst, wenn das Geschäftsmodell noch keinen belastbaren wirtschaftlichen Unterbau hatte. Dieses Paradigma hat sich seit 2022 grundlegend verschoben. Steigende Zinsen, anhaltend angespannte Kapitalmärkte und geopolitische Unsicherheiten haben die Spielregeln neu definiert. Heute zählt, wer Kapitaleffizienz, Resilienz und einen glaubwürdigen Weg zur Profitabilität vorweisen kann. Für Investor:innen in Europa sind diese Faktoren längst zum New Normal geworden.

Konsolidierungsdruck, KI und neue Benchmarks

Das veränderte Marktumfeld hat ganze Sektoren unter Druck gesetzt. Geschäftsmodelle aus Bereichen wie B2B-Lebensmittelmarktplätze, Embedded Finance oder CO₂-Bilanzierung, die vor wenigen Jahren noch als besonders attraktiv galten, stehen heute vor strukturellen Herausforderungen. Während einige Unternehmen erfolgreich auf Profitabilität umgesteuert haben, geraten andere ins Straucheln. Eine Phase der Konsolidierung ist in vielen Segmenten kaum noch zu vermeiden.

Parallel dazu hat Künstliche Intelligenz die Erwartungen an Skalierung neu kalibriert. Unternehmen auf der Anwendungsebene wie Lovable oder Replit erzielen mit kleinen Teams und in kurzer Zeit Umsätze im zweistelligen Millionenbereich. Diese Dynamik setzt neue Benchmarks. Gleichzeitig stehen KI-Unternehmen auf der Grundlagenebene vor erheblichen Investitionshürden: Datenbeschaffung, Modelltraining und Infrastruktur sind kapitalintensiv und erfordern langfristige Finanzierungsperspektiven.

Neben etablierten Modellen entstehen neue Strukturen – etwa KI-native Geschäftsmodelle oder KI-gestützte Buy-and-Build-Strategien. Hier übernehmen Venture-Investor:innen klassische, häufig dienstleistungsorientierte Unternehmen, konsolidieren sie und steigern Effizienz sowie Margen durch konsequente Automatisierung. Ob diese Ansätze langfristig in großem Maßstab funktionieren und venture-typische Renditen liefern können, bleibt jedoch offen.

Skalierung in Europa braucht mehr als Venture Capital

Trotz anhaltender Aufmerksamkeit für KI zeigen sich erste Anzeichen einer Marktnormalisierung. Gerade deshalb rückt Kapitaleffizienz in den Mittelpunkt – nicht nur als Kostenkontrolle, sondern als strategischer Hebel für nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit.

In diesem Umfeld aus selektiver Konsolidierung, wachsender technologischer Komplexität und steigendem Kapitaldruck stellt sich für Europa eine zentrale Frage: Wie lassen sich Innovationen in regulierten und kapitalintensiven Sektoren skalieren, wenn klassisches Venture Capital allein nicht mehr ausreicht? Während horizontale KI-Anwendungen mit produktgetriebenem Wachstum vergleichsweise schnell Traktion erreichen, benötigen Bereiche wie Gesundheitswesen, Finanzsysteme, Lieferketten oder industrielle Fertigung andere Skalierungsmechanismen.

Partnerschaften als strategischer Skalierungsfaktor

Ein entscheidender Hebel liegt daher in der Zusammenarbeit zwischen Startups und etablierten Unternehmen. Gerade in Europa stehen viele Konzerne unter Druck, technologische Innovation schneller umzusetzen und neue Geschäftsmodelle zu erschließen. Kooperationen mit jungen Technologieunternehmen bieten hier klare Vorteile: Startups bringen Geschwindigkeit, technologische Tiefe und neue Denkansätze ein, während Großunternehmen Marktpräsenz, regulatorische Erfahrung und globale Skalierungsinfrastruktur bereitstellen.

Ein Beispiel dafür ist die Zusammenarbeit zwischen Owkin und Sanofi. Die Partnerschaft zeigt, wie KI-getriebene Innovation im Gesundheitswesen durch den Zugang zu klinischen Daten, globalen Forschungsnetzwerken und regulatorischem Know-how beschleunigt werden kann. Für europäische Technologieunternehmen sind solche Kooperationen oft der Schlüssel, um nicht nur lokal erfolgreich zu sein, sondern international wettbewerbsfähige Lösungen zu entwickeln.

Europas strukturelle Vorteile gezielt nutzen

Ähnliche Muster lassen sich auch in anderen Branchen beobachten. Dies gilt etwa für Northvolt und BMW in der Batterietechnologie. Aber auch in Bereichen wie der industriellen Fertigung oder der CO₂-Entfernung. Das Zusammenspiel aus Forschung, industrieller Anwendung und langfristigem Kapital schafft Modelle, die technologische Tiefe mit regulatorischer und operativer Skalierbarkeit verbinden. Diese Ansätze sind nicht nur ökonomisch relevant. Sie adressieren zentrale gesellschaftliche Herausforderungen wie Versorgungssicherheit, Dekarbonisierung oder Gesundheitsversorgung.

Darüber hinaus profitiert Europa von seiner engen Verzahnung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Viele der führenden Technologieunternehmen des Kontinents sind aus universitärer oder industrieller Forschung hervorgegangen – darunter BioNTech aus der Universitätsmedizin Mainz oder Exscientia aus der University of Oxford. Diese Nähe begünstigt Geschäftsmodelle, die weniger auf kurzfristige Skalierung, sondern auf Substanz, Validierung und Langlebigkeit ausgerichtet sind.

Regionale Stärken als Antwort auf globale KI-Dynamiken

Festzuhalten ist, dass sich KI-Innovation branchenabhängig unterschiedlich entwickeln wird. Beispielsweise sind die Marktstrukturen im Gesundheitswesen stark regional geprägt, was europäische Lösungen begünstigt. Auch im Finanzsektor ist die Digitalisierung außerhalb der USA häufig weiter fortgeschritten, wodurch europäische Anbieter Lösungen für mehrere Märkte entwickeln können.

Noch weitgehend offen ist das Feld der physischen KI – von Industrieautomation über Simulationen bis hin zu Robotik. Gleichzeitig steckt in der nächsten Generation von KI-Agenten enormes Potenzial für Unternehmen. 2026 wird sich das Kapital daher auf Bereiche konzentrieren, in denen KI direkt die industrielle Produktivität oder die Unternehmensleistung steigert. Dazu gehören physische KI-Systeme, die reale Prozesse umgestalten können, und fortschrittliche agentenbasierte KI, die komplexe Arbeitsabläufe automatisiert.

Während die Zusammenarbeit zwischen Startups und Unternehmen in all diesen Bereichen entscheidend sein wird, ist daher die Stärke Europas hinsichtlich industrieller Exzellenz, einschließlich des starken deutschen Mittelstands, und Robotik-Know-how eine enorme Chance, die es zu nutzen gilt.

Europas Venture-Markt: Neujustierung statt Rückzug

Der europäische Venture-Markt befindet sich damit nicht im Abschwung, sondern in einer Phase der Reifung. Wachstum bleibt zentral, folgt jedoch neuen Regeln. Kapitaleffizienz, technologische Tiefe und belastbare Partnerschaften ersetzen kurzfristige Skalierungslogiken. Im Zusammenspiel aus KI-getriebener Innovation, selektiver Konsolidierung und enger Zusammenarbeit zwischen Startups, Industrie und Forschung entsteht ein Modell, das auf langfristige Wertschöpfung ausgelegt ist.

Europas Stärke liegt dabei nicht im Kopieren des Silicon Valley. Sie liegt in der Fähigkeit des Kontinents unter komplexen Rahmenbedingungen robuste, international wettbewerbsfähige Technologien hervorzubringen. Nicht Geschwindigkeit, sondern Substanz lautet das zentrale Differenzierungsmerkmal.

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