Hintergrund

Trend Weltraumtourismus: Grazer Forschende befürchten Klima-Gefährdung

Richard Branson bei seinem Flug ©Virgin Galactic
Richard Branson bei seinem Flug ©Virgin Galactic

Es ist schon paradox. Während einige Menschen für das Klima auf Flugreisen verzichten, dem Genuss von tierischen Produkten versagen oder sich gegen ein leibliches Kind entscheiden, fliegen andere Menschen Richtung Weltall. In dem sich seit einiger Zeit anbahnenden Weltraumtourismus sehen zahlreiche Menschen Grund zur Sorge. Lag die Anzahl der jährlichen Flüge 2018 bei 100 Stück, wird von den Kritiker:innen nun ein exponentieller Anstieg der Zahl durch die Kommerzialisierung der Raumfahrt befürchtet.

So kündigte der britische Unternehmer Richard Branson an, ab 2022 mit touristischen Ausflügen in das All beginnen zu wollen. Dieser hat mit seinem Flug am 11.07.2021 in der VSS Unity seines Unternehmens Virgin Galactic das Rennen um den ersten Milliardär-Ausflug Richtung Weltall mit Jeff Bezos und Elon Musk  für sich entschieden. Auch Jeff Bezos, dessen Flug am 20.07.2021 folgte, kündigte noch zwei weitere Flüge für 2021 an. Wie es dann im nächsten Jahr weiter gehen soll, werde man dann sehen, allerdings sei das Interesse an den Flugtickets sehr hoch, gab der Amazon-Chef auf einer anschließenden Pressekonferenz bekannt.

Wasserdampf als potenzielle Gefahr

„Wenn nur ein Flug pro Jahr durchgeführt werden würde, könnte man den Weltraumtourismus vielleicht vernachlässigen, aber nicht, wenn es sich zu einem gängigen Geschäftsmodell entwickelt. Ich betrachte das sehr kritisch, angesichts der Weltlage in der wir uns befinden“, kommentiert die Leiterin des Wegener Centers für Klima und Globalen Wandel der Universität Graz und Professorin für Klimaanalyse, Andrea Steiner, den aktuellen Trend. Die genauen Auswirkungen auf das Klima durch die Flüge lassen sich dabei bisher allerdings kaum benennen, so Steiner: „Bisher fehlt es leider an umfassenden Studien, was es wirklich bedeuten wird, wenn es zu einem Weltraumtourismus kommt.“

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Einige Gefahren lassen sich aber schon heute benennen. Das betrifft zum einen den ausgestoßenen Wasserdampf. So flog der Amazon-Gründer Jeff Bezos den eigenen Angaben nach mit einem Treibstoff aus Flüssigwasserstoff und Flüssigsauerstoff. Damit sei sein Flug umweltfreundlicher gewesen als der von Branson, so Bezos. Bestätigen kann Steiner die Aussage nicht unbedingt. Das liegt zum einen an der Herstellung des dafür benötigten Wasserstoffes: „CO2 wird bei diesem Treibstoff ja nicht ausgestoßen, aber der Energieaufwand zur Herstellung von Wasserstoff ist sehr hoch. Allein da werden bereits sehr hohe CO2-Emissionen verursacht.“ Klimaneutral wäre die Herstellung nur, wenn dieser mithilfe erneuerbarer Energien erzeugt worden wäre.

„Auch gibt es die Beobachtung, dass es durch den ausgestoßenen Wasserdampf zu einer verstärkten Wolkenbildung in großen Höhen kommt“, so Steiner.  Das befürchtet auch Franz Prettenthaler. Er ist der Direktor des Zentrums für Klima, Energie und Gesellschaft LIFE des Joanneum Research. „In einer entsprechenden Höhe, wo es nicht mehr ausregnen kann, wie beispielsweise  in der  Mesosphäre ab einer Höhe von 50 Kilometern, führt es zu einer Wolkenbildung, wo es nicht mehr hingehört. Das heißt, es kommt zu einer Multiplikation von Wasserdampf.“ Da Wasserdampf genauso wie CO2 eine Wärmestrahlung zurück in das Weltall verhindert, könnte das die Erderwärmung und das Abschmelzen der Polkappen noch verstärken, befürchtet der Grazer Klimaforscher. 

Ausgestoßene Rußpartikel könnten Stratosphäre weiter erwärmen

In der Wahl eines eher konventionellen Treibstoffes, welcher auf der Basis von Kohlenstoff und Lachgas besteht, sehen beide Forschenden allerdings ebenfalls keine Lösung. Im Gegenteil, bei diesem bereitet insbesondere der Ausstoß von Ruß- und Aluminiumoxid-Teilchen den Grazer Klimaforschenden Sorge. „Berechnungen zufolge wurden bei den 100 Starts 2018 etwa 225 Tonnen Ruß in die Stratosphäre abgegeben. Im Gegensatz zu den niedrigeren Schichten der Atmosphäre können diese da nicht mehr ausregnen. So können die Rußpartikel bis zu zehn Jahre in der Atmosphäre verbleiben“, so Prettenthaler.

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Auch die Leiterin des Wegener Centers sieht in den Rußpartikeln eine potenzielle Beeinträchtigung des Klimas. Steiner: „Die Rußpartikel, welche in die Atmosphäre gelangen, sind sehr kleine dunkle Partikel, welche Sonnenlicht absorbieren und in der Stratosphäre eine erwärmende Wirkung haben. Zusätzlich werden Aluminiumoxid-Teilchen ausgestoßen, welche wiederum heller sind und Sonnenlicht reflektieren.“ Diese könnten lokal eine abkühlende Wirkung haben, vollständig bewiesen ist das allerdings nicht. Im Gegenteil – wie Steiner mit Bezug auf eine aktuelle Studie anführt – können Ruß- und Aluminiumoxidpartikel die Erdoberfläche zwar abkühlen, indem sie den solaren Fluss aus dem Weltraum absorbieren bzw. in den Weltraum zurück reflektieren, allerdings führt das zu einer Erwärmung der unteren Stratosphäre. Hinzu kommt ein wahrscheinlicher Ozonverlust, so Steiner: „Es ist schwierig, den mengenmäßigen Impakt der derzeitigen Auswirkungen auf die Ozonschicht mit einer Zahl anzugeben, Schätzungen liegen bei 0,1%, aber prinzipiell ist eine weitere Schädigung der Ozonschicht jedenfalls problematisch.“

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Forschungsprogramme und rechtliche Vorgaben notwenig

Dass sich der Trend zum Weltraumtourismus noch verhindern lässt, glauben beide Forschende eher nicht. Daher brauche es wissenschaftliche Modelle zu den zu erwartenden Auswirkungen und rechtliche Vorgaben für die Betreibenden eines solches Tourismus. Für die Leiterin des Wegener Centers für Klima und Globalen Wandel steht außer Frage, dass es Forschungsprogramme braucht, um Auswirkungen vollständig zu untersuchen und dass internationale verpflichtende Regelungen zu Raketenemissionen und Treibhausgasbudgetierung installiert werden müssen. Das unterstreicht auch der Direktor des Zentrums für Klima, Energie und Gesellschaft LIFE des Joanneum Research: „Es braucht eine verbindliche, klare Klimafolgenabschätzung der Unternehmen. Es geht ja nicht um den einzelnen Flug, sondern um die Kommerzialisierung“, so Prettenthaler,“ Grundsätzlich brauchen wir schon heute im Tourismus eine neue Prioritätensetzung. Bevor wir ein neues Problem im Tourismus schaffen, sollten wir zunächst das bestehende lösen.“

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