Russland

EU soll Mitgliedsstaaten auffordern, „unverzüglich“ Gas zu sparen

Gasflamme am Herd. © KWON JUNHO on Unsplash
© KWON JUNHO on Unsplash

Der 21. Juli, also der morgige Donnerstag, gilt schon länger als so etwas wie ein Schicksalstag für die weitere Energieversorgung in Europa. Denn da wird sich weisen, ob Diktator Putin nach der planmäßigen technischen Wartung der Gas-Pipeline Nordstream 1 den Gashahn wieder aufdreht – und wenn, wie weit. Putin drohte bereits damit, Gaslieferungen weiter abzusenken, sollte Russland eine in Kanada reparierte Turbine nicht zurück bekommen.

Die Gaslieferungen, von denen vor allem Österreich und Deutschland, aber auch andere EU-Länder abhängig sind, hängen also weiterhin am seidenen Faden. Deswegen soll bereits heute, Mittwoch, die EU-Kommission in Brüssel offiziell Alarm schlagen und soll bald freiwillige Ziele für die Länder zur Verringerung des Gasverbrauchs vorlegen. Die Länder sollten „unverzüglich“ Gas sparen. Der Financial Times, die bereits einen Entwurf einsehen konnte, zufolge sollen diese Gasspar-Ziele „im Falle schwerwiegender Versorgungsunterbrechungen verbindlich gemacht „werden können.

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„Ein gemeinsames Handeln zum jetzigen Zeitpunkt ist weniger störend und kostspielig, erleichtert die Solidarität und vermeidet die Notwendigkeit ungeplanter und unkoordinierter Maßnahmen zu einem späteren Zeitpunkt in einer möglichen Krisensituation, wenn die Gasreserven zur Neige gehen“, heißt es in dem Dokument, das der FT vorliegt.

Die russischen Gaslieferungen sind schon länger oberstes Thema. In Deutschland wurde bereits die Gas-Alarmstufe ausgerufen, in Österreich noch nicht. Der Chef der Internationalen Energie Agentur (IEA) hat bereits „Alarmstufe Rot“ ausgerufen und sagte, dass „erhebliche zusätzliche Kürzungen“ erforderlich, um „Europa auf einen harten Winter vorzubereiten“.

Wenn Russland kein Gas mehr liefert, drohen etwa 70.000 Arbeitslose

Energiespargipfel gefordert

Die Umweltschutzorganisation WWF Österreich fordert von Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) wegen der zu erwartenden Hiobsbotschaften aus Brüssel und Moskau einen Energiespar-Gipfel im Kanzleramt einzuberufen. „Es genügt nicht, auf weitere Gas-Lieferungen zu hoffen – wir brauchen jetzt verbindliche Maßnahmen, um den Energieverbrauch zu senken und uns damit auch für den nächsten Winter zu rüsten“, so Hanna Simons vom WWF.

Welche Folgen ein Gas-Stopp aus Russland hätte, ist Gegenstand vieler Berechnungen. Laut Agenda Austria drohen etwa 70.000 Arbeitslose, sollte kein Gas mehr geliefert werden. Dann ist auch die Frage, wie viel aus anderen Quellen ersetzt werden könnte. Die OMV kommunizierte zuletzt, dass man für das kommende Gasjahr (1. Oktober 2022 bis 30. September 2023) zusätzliche Transportkapazitäten nach Österreich im Ausmaß von 40 TWh gesichert hätte, Das entspricht beinahe der Hälfte des österreichischen Jahresbedarfes. Geplant ist, zum einen selbst produziertes Gas aus Norwegen und zum anderen zugekauftes Flüssiggas auf diesen Wegen zu importieren.

Doch Kritiker:innen meinen, dass auch das nicht reiche. Denn das Gas müsse erst mal ins Land kommen, und die 40 TWh entsprechen eben nur der Hälfte des Jahresbedarfs. „Es ist noch nicht genug Gas für alle für den nächsten Winter da“, sagte der ehemalige Vorstand der E-Control, Walter Boltz, in der ZiB 2.

Potenzielle Einsparmöglichkeiten

Bedeutet also: Energiesparen ist angesagt. Dazu legt der WWF eine Studie vor, die besagt, dass Energieeinsparungen um 45 Prozent des aktuellen Endenergieverbrauchs möglich ist, und zwar von 301 auf 167 TWh. Dabei wären Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum einkalkuliert, es würden sämtliche Energie- und Mobilitätsbedürfnisse bedient werden „und der Wohlstand aufgrund von geringeren Kosten und besseren Umweltbedingungen steigt“, heißt es.

Hier die Maßnahmen und ihr Sparpotenzial:

  • Geschwindigkeitsbeschränkungen auf Freilandstraßen (80 km/h) und Autobahnen (110 km/h) sparen allein im ersten Jahr 1.744 GWh ein.
  • Zehn Prozent des Pendelverkehrs vom Motorisierten Individualverkehr (MIV) auf den Öffentlichen Verkehr (ÖV) verlagern, spart im ersten Jahr 919 GWh ein.
  • Die Gebäudesanierungsrate von 1,5 auf 3,0 Prozent zu erhöhen und gleichzeitig die Sanierungsqualität auf 35 kWh/m².a zu verbessern, spart im ersten Jahr 778 GWh ein
  • Zusätzliche fünf Prozent-Punkte der Badezimmer- und Küchenarmaturen auf Wasserspararmaturen auf- oder umzurüsten, spart im ersten Jahr 156 GWh ein.
  • Zusätzliche zehn Prozent-Punkte an energieeffizienter Weißware (Kühlschränke, Waschmaschinen usw.), spart im ersten Jahr 115 GWh ein.
  • Ein Prozent der Zweit- und Drittautos mit eCarsharing-Angeboten abzudecken, spart im ersten Jahr 53 GWh ein.

Die vorgeschlagenen Maßnahmen für Betriebe:

  • Zusätzliche zehn Prozent-Punkte der betrieblich genutzten PKW auf batterieelektrische Fahrzeuge umzustellen, spart im ersten Jahr 825 GWh ein.
  • Die Gebäudesanierungsrate von 1,5 auf 3,0 Prozent zu erhöhen und gleichzeitig die Sanierungsqualität auf 45 kWh/m².a zu verbessern, spart im ersten Jahr 407 GWh ein.
  • Zusätzliche fünf Prozent-Punkte der Elektro-Standmotoren mit einer Drehzahlregelung nachzurüsten, spart im ersten Jahr 337 GWh ein.
  • Zusätzlich zehn Prozent-Punkte der leichten Nutzfahrzeuge auf batterieelektrische Fahrzeuge zu modernisieren, spart im ersten Jahr 322 GWh ein.
  • Ein Effizienz-Check bei 20 Prozent der betrieblichen Druckluft-, Pumpen- und Lüftungsanlagen, spart im ersten Jahr 192 GWh ein.
  • Zusätzliche fünf Prozent-Punkte der Prozesswärme in Dienstleistungsgebäuden (z. B. Schwimmbäder oder Wäschereien) nutzbar zu machen, spart im ersten Jahr 15 GWh ein.

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