Reise

Startup-Nation Israel: Österreich sucht EnergyTech, AI und CyberSecurity

Straßenszene in Tel Aviv. © Chen Mizrach auf Unsplash
Straßenszene in Tel Aviv. © Chen Mizrach auf Unsplash

In Israel lesen sich Negativschlagzeilen so: 2022 wurden bloß 15,5 Milliarden Dollar in heimische Tech-Firmen und Startups investiert, also fast die Hälfte weniger als im Jahr 2021 (28 Mrd. Dollar). Oder: 2022 sind Hightech-Exits, einschließlich Fusionen und Übernahmen (M&A) sowie Börsengänge, gegenüber 2021 um 80 Prozent auf bloß 16,9 Mrd. Dollar eingebrochen, berechnete die Unternehmensberatung PwC Israel. Und trotz der Poly-Krise und des Finanzierungseinbruchs wurden in Israel 2022 mehr als 20 neue Unicorns geschaffen, mittlerweile gibt es 90 dieser Milliarden-Scale-ups hier  – in Österreich gibt es insgesamt gerade mal drei.

Vergleicht man das mit den Zahlen auch großer europäischer Tech- und Startup-Märkte, dann ist klar; Das Jammern findet auf hohem Niveau statt. Auch wenn das Krisenjahr 2022 starke Rückgänge brachte, in Israels Startup- und Tech-Sektor werden weiterhin die Milliarden bewegt. Kein Wunder, sind Tel Aviv und Jerusalem Tech-Zentren deswegen auch 2023 Anziehungspunkt für europäische Besucher:innen, um Innovationsluft zu schnuppern. Israel atmet Tech: 10% der arbeitenden Bevölkerung arbeitet in der Tech-Industrie, 15% des BIP kommt aus dem Sektor.

Tel Aviv: Mit der „80 Prozent-Kultur“ zum weltbekannten Startup-Hub

Österreichische Wirtschaftsdelegation in Israel

Seit Sonntag, ist eine österreichische Wirtschaftsdelegation rund um WKÖ-Präsident Harald Mahrer und Florian Tursky (ÖVP), Staatssekretär für Digitalisierung, in Israel unterwegs – begleitet von Verbund-CEO Michael Strugl, zahlreichen Unternehmer:innen auch aus der Startup-Branche sowie zahlreichen Medienvertreter:innen. Ziel ist, neue Konzepte und Geschäftsmodelle in den Bereichen Cyber Security, EnergyTech und AI aus erster Hand kennen zu lernen und die Zusammenarbeit mit der “Startup-Nation” in diesen Bereichen zu stärken. Israel zählt zwar nur etwa 9,3 Millionen Einwohner:innen und ist damit etwas größer als Österreich, aber kann laut IVC Data and Insights etwa 9.500 aktive Startups vorweisen.

„Israel ist besonders im Bereich der Technik, sei es in der Cybersicherheit, bei Energietechnologien oder auch im Einsatz von Künstlicher Intelligenz ein absoluter Innovationstreiber, von dem wir viel lernen können”, so Tursky. “Österreich kann von engeren Wirtschaftsbeziehungen mit Israel in doppelter Weise profitieren: als Absatzmarkt für heimische Spitzentechnologie und vom israelischen Know-how der Forschungs- und Startup-Landschaft. Vor allem in den Bereichen Umwelttechnik, Abfallwirtschaft oder Energiewirtschaft sind die Erfahrung und Innovationskraft österreichischer Betriebe stark nachgefragt“, so Mahrer.

Israel hat sich in Europa und den USA den Ruf einer Startup-Nation aus mehreren Gründen erarbeitet. Unzählige Investor:innen, Corporate-CEOs, Gründer:innen und Politiker:innen sind in den letzten Jahren in das kleine, historisch umkämpfte Land im Nahen Osten gepilgert, um sich vom Durchhaltevermögen, der Geschäftstüchtigkeit und der Innovationskraft inspirieren zu lassen. Beeindruckend alleine ist die Liste der Exits der vergangenen Jahre, auf die die Israelis natürlich sehr stolz sind:

Startup/Company Käufer Kaufsumme Jahr
Mobileye Intel 15,3 Mrd. Dollar 2017
Mellanox Nvidia 6,9 Mrd. Dollar 2019
NDS Cisco 5 Mrd. Dollar 2012
Chromatics Lucent 4,8 Mrd. Dollar 2000
Mercury HP 4,5 Mrd. Dollar 2006
Playtika chin. Konsortium 4,4 Mrd. Dollar 2016
Orbotech KLA Tencor 3,4 Mrd. Dollar 2018
Galileo Marvell 2,7 Mrd. Dollar 2000
Imperva Thomas Bravo 2,1 Mrd. Dollar 2018
Habana Labs Intel 2 Mrd. Dollar 2019
ForeScout Advent 1,9 Mrd Dollar 2020
Mazor Robotics Medtronic 1,6 Mrd. Dollar 2018
M-Systems SanDisk 1,5 Mrd. Dollar 2006
Waze Google 1,1 Mrd. Dollar 2013
Trusteer IBM 1 Mrd. Dollar 2013
Viber Rakuten 900 Mio. Dollar 2014
Granulate Intel 650 Mio. Dollar 2022
MyHeritage Francisco Partners 600 Mio. Dollar 2021
Anobit Apple 400-500 Mio. Dollar 2011
Siemplify Google 500 Mio. Dollar 2022
PrimeSense Apple 350 Mio. Dollar 2013
CloudEndure Amazon 250 Mio. Dollar 2019

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Dass es israelischen Unternehmer:innen am Fließband gelingt, solche Unternehmen zu bauen, hat eine Reihe von Gründen. Diese sind:

1. Militär als Talente-Schmiede

Die meisten Israelis, ob Mann oder Frau, müssen Militärdienst ableisten (mindestens drei Jahre für Männer, zwei für Frauen). In legendären und sehr begehrten Einheiten wie der „Unit 8200“ oder das „Talpiot-Programm“ der Israel Defense Forces (IDF) werden wichtige Stationen in der Laufbahn eines späteren Startup-Gründers. Junge Israelis arbeiten dort nicht nur neuesten Überwachungs- und Militärtechnologien (z.B. dem Lutabwehrsystem “Iron Dome”), sondern können in jungen Jahren bereits die Führung größerer Gruppen und die Verwaltung von großen Budgets erlernen – alles Dinge, die man später als Founder braucht. Israelis werden im Alter von 17 von der Armee getestet, dabei werden IQ, körperliche und mentale Stärke, Führungsqualitäten, Motivations-Level und Social Skills abgeprüft. Die besten und smartesten Talete kommen dann in die begehrten Eliteeinheiten, die längst als Karrieresprungbrett bekannt sind.

2. Starke Export-Orientierung

Israel selbst ist ein sehr kleiner Markt, und die Expansion an angrenzende Länder ist kaum denkbar – Israelis sehen sich von Feinden umgeben. Deswegen habe es Startups in der DNA, sofort für den US-Markt oder den europäischen Markt zu entwickeln. Mittlerweile sind auch längst die Chinesen im Land, um sich Zugang zu dem Gründer:innen und ihren Technologien zu verschaffen.

Israel: Wo die Tech-Riesen mit Milliarden Startup-Shopping machen

3. Viel Geld für R&D

Israel ist, gemessen am BIP, eines der Länder mit den weltweit größten Ausgaben für Forschung & Entwicklung (R&D). Der R&D-Anteil liegt jährlich bei mehr als 5 Prozent – und ist damit Weltspitze vor anderen Tech-starken Nationen wie Südkorea, Taiwan, USA oder Schweden. Israel ist seit 2022 auch Vollmitglied des riesigen “Horizon Europe”-Programm, also des Mega-Förderprogramms der EU für innovationstreibende Unternehmen und Startups. Derzeit ist das Land vor allem an Forschungskooperationen im Bereich Erneuerbarer Energie, Smart Mobility und Circular Economy interessiert, heißt es seitens des AußenwirtschaftsCenters der Wirtschaftskammer Österreich in Tel Aviv.

Dieses Geld machte sich in den vergangenen Jahren natürlich bemerkbar. Ausbildungseinrichtungen wie das Weizmann-Institut, die Hebräische Universität in Jerusalem, das Technion in Haifa oder die Ben-Gurion-Universität (BGU) haben viel Geld im Rücken, um gut ausgebildete Fachkräfte hervorzubringen. Mobileye, das 2017 um 15,3 Milliarden Dollar an Intel verkauft, etwa wurde von Amnon Shashua, einem Forscher an der Hebräischen Universität in Jerusalem, mitgegründet. Die Unis profitieren von den Tech-Exits: Über „Golden Shares“ sind sie im Gegenzug für ihre IP an den Tech-Unternehmen beteiligt – schaffen die einen Exit (Verkauf, IPO), dann fließt ordentlich Geld zurück an die Bildungs- und Forschungseinrichtungen.

Israel: The Secret Sauce of The Startup Nation

4. VC-Milliarden für Israel

Das kleine Land im Nahen Osten steht unter permanenter Beobachtung der wichtigsten Player im VC-Geschäft. Im Land waren 2021 etwa 200 israelische VC-Firmen, etwa 70 ausländische VCs und etwa 60 Corporate VCs tätig. Große Namen wie Bessemer Venture Partners, Insight Partners und Sequoia haben genauso Büros hier wie wichtige lokale Größen wie OurCrowd, Pitango, Vertex Ventures Israel, 83 North, JVP, Viola, oder Magma Venture Partners. Über diese Fonds fließen enorme Summen in den Tech-Sektor des kleinen Landes. Wie obe gezeigt, ist Israel eine Tech-Schmiede für die größten IT-Konzerne der Welt – Intel, Apple, Google, Cisco oder Nvidia – sie alle haben hier bereits (mehrmals) um sehr viel Geld zugekauft.

5. Die 80-Prozent-Kultur: Keine Angst vorm Scheitern

Der berühmte Satz “Better done than perfect” könnte in Tel Aviv, dem Herzen von Israels Startup-Szene, erfunden worden sein: Besser, eine Betaversion auf den Markt werfen, testen, ausbessern, pivoten, als ewig am optimalen Produkt zu feilen. In Israel spricht man gerne von der 80-Prozent-Kultur, die genau das auf den Punkt bringt. Deswegen braucht es oft und gerne auch viel großmundiges Marketing, um die Fehler zu kaschieren. Aber “Think Big” – das tut man nicht bloß an der West- oder Ostküste der USA, sondern auch im “Big Apple” des Mittelmeers.

6. Chuzpe & Sales-Talent

Israelische Unternehmer:innen haben das, was auch viele US-Gründer:innen haben und was Europäer:innen oft fehlt: keine Scheu, sich und ihre Produkte und Services bei jeder Gelegenheit zu vertreiben zu versuchen. Was zurückhaltende Miteleuropäer:innen oft als sehr offensiv, fast schon belästigend empfinden, ist in Israel Alltag. Aus einem Small Talk wird sehr oft und schnell der Versuch, Business zu machen – und zwar ohne verklausulierte Höflichkeit, sondern auf sehr direkte Art und Weise.

Tel Aviv: Mit der „80 Prozent-Kultur“ zum weltbekannten Startup-Hub

7. Tech-Riesen und Corporates im Land

Der nächste wichtige Faktor: In Israel sind rund 550 multinationale Konzerne aktiv. Intel etwa hat 10.000 Mitarbeiter im Land, andere IT-Riesen wie IBM, Amazon, Facebook, Google, Baidu, PayPal, Apple, oder Samsung sind zumindest mit Büro, oft mit R&D-Einrichtungen vertreten. Angehende Unternehmer oder Serial Entrepreneurs profitieren von der räumlichen Nähe zu den Weltmarktführern. Denn sie wissen meist sehr genau, was diese als Nächste tun und brauchen werden.

Gefahr von Rechts

Doch das Tech-Ökosystem von Israel ist in Gefahr. Die neue, teils ultrarechte Regierung unter Benjamin “Bibi” Netanjahu gilt Unternehmer:innen im Land als größte Bremse für die Fortentwicklung. Am Samstagabend haben mehr als 80.000 Israelis gegen die von Premier Netanjahu geplante Justizreform protestiert. Die Demonstrant:innen fürchten um die Unabhängigkeit der Richter und in Folge um die demokratische Identität des Landes. Auch Vertreter:innen der Tech- und Startup-Branche fürchten um veränderte Rahmenbedingungen. “Ohne Demokratie kein Markt”, meinen sie und fürchten erhebliche staatliche Eingriffe.

Nach dem Sieg seiner konservativen Likud-Partei bei der Parlamentswahl am 1. November 2022, hatte sich Netanjahu die Unterstützung zweier ultraorthodoxer und dreier ultrarechter Parteien gesichert. Am 29. Dezember wurde die Regierung angelobt, nun spitzen sich die Proteste vor allem im liberalen Tel Aviv zu.

Disclaimer: Trending Topics nimmt auf Einladung der WKO und des Staatssekretariats für Digitalisierung und Telekommunikation an der Reise teil.

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