Neuer Weltklimarat-Report

IPCC : „Jetzt oder nie“ – Emissionen können und müssen bis 2030 halbiert werden

Laut IPCC ist es noch nicht zu spät, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Dafür müssen aber Erneuerbare Energien deutlich ausgebaut werden. © Pexels.
Laut IPCC ist es noch nicht zu spät, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Dafür müssen aber Erneuerbare Energien deutlich ausgebaut werden. © Pexels.

„Wir befinden uns an einem Scheideweg. Die Entscheidungen, die wir jetzt treffen, können eine lebenswerte Zukunft sichern. Wir haben die Instrumente und das Know-how, um die Erwärmung zu begrenzen“, so der IPCC-Vorsitzende Hoesung Lee im Rahmen der Präsentation des dritten und damit letzten Teilberichtes des sechsten Sachstandsberichts des UN-Weltklimarats. An diesem waren laut dem UN-Weltklimarat, oder im Englischen dem Intergouvernemental Panel on Climate Change, kurz IPCC, insgesamt 278 Forscher:innen aus 65 Ländern beteiligt.

Drastische Worte fand auch UN-Generalsekretär Antonio Guterres, der eine Videobotschaft für die Zuseher:innen parat hatte: „Dieser Bericht ist eine Litanei gebrochener Klimaversprechen, er ist ein Dokument der Schande. Einige Regierungen sagen das eine und tun das andere – einfach gesagt – sie lügen. Wir sind auf dem Weg in eine Klimakatastrophe.“ Dabei verteidigt er in der Nachricht auch die Rolle von Klimaaktivist:innen wie etwa Fridays for Future: „Klimaaktivisten werden manchmal als gefährliche Radikale dargestellt, aber die wirklich gefährlichen Radikalen sind die Länder, die die Produktion fossiler Brennstoffe steigern.“

 

IPCC: Globale Emissionen müssen ab 2025 sinken

Wie die Weltgemeinschaft nun noch die Klimakrise und die daraus resultierenden Folgen reduzieren kann, war das Thema des letzten Teilberichtes. Dabei wird doch noch ein kleiner Lichtstreifen am Horizont der Klimakrise deutlich. Aber auch, dass keine Zeit mehr zum Vertrödeln ist. „Wenn wir die globale Erwärmung auf 1,5 °C begrenzen wollen, heißt es jetzt oder nie“, so der Co-Vorsitzende der IPCC-Arbeitsgruppe III, Jim Skea. „Ohne sofortige und tief greifende Emissionssenkungen in allen Sektoren wird das unmöglich sein.“

Zwischen 2010 und 2019 waren die durchschnittlichen jährlichen global emittierten Treibhausgasemissionen so hoch wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit, so der IPCC, aber die Wachstumsrate hätte sich inzwischen verlangsamt. Das führen die Forschenden darauf zurück, dass allein seit 2010 die Kosten für Solar- und Windenergie sowie für Batterien um bis zu 85 Prozent gesunken seien, so die Angaben in dem Bericht. Zudem hätte eine wachsende Zahl von politischen Maßnahmen und Gesetzen die Energieeffizienz verbessert, die Abholzung von Wäldern verringert und den Einsatz erneuerbarer Energien beschleunigt.

 

Das reicht aber noch lange nicht, wie auch Inger Andersen vom UN Environment Programme während der Präsentation des Berichtes noch einmal ganz klar deutlich macht: „Wir können das nächste Jahrzehnt nicht mehr so weitermachen. Maßnahmen müssen dieses Jahr beginnen, nicht nächstes Jahr, diesen Monat, nicht nächsten Monat, heute, nicht morgen.“ Andersen gibt aber auch Hoffnung, denn die technischen Voraussetzungen, die Klimakrise abzuwenden, seien gut: „Wir haben das Wissen und die Technologie, um dies zu erreichen“, so ihre Meinung.

So zeigen die von den Forschenden bewerteten Szenarien, dass für das Erreichen des 1,5 Grad Celsius-Ziels die globalen Treibhausgasemissionen spätestens 2025 ihren Höhepunkt erreichen müssen. Bis 2030 müssen die Emissionen um 43 Prozent gesenkt werden, während der Methanausstoß um etwa ein Drittel reduziert werden muss.

„Fast unvermeidlich“ 1,5 Grad-Ziel nicht zu überschreiten

Selbst dann sei es fast unvermeidlich, diese Temperaturschwelle zu überschreiten. Ein Überschreiten dieser Schwelle, selbst temporär, wird schwerwiegende, teils unumkehrbare Folgen haben. Aber zumindest könnte die Temperaturschwelle bis zum Ende des Jahrhunderts wieder unterschritten werden, durch entsprechende Negativemissionen.

Die weltweite Temperatur werde sich stabilisieren, wenn das Gleichgewicht zwischen dem Ausstoß von schädlichem Kohlenstoff und der Wiederaufnahme von Kohlenstoff aus der Atmosphäre hergestellt werde, so der Weltklimarat. Für eine maximale Erderhitzung auf 1,5 Grad bedeutet dies, dass weltweit in den frühen 2050er-Jahren Netto-Null-Emissionen herrschen müssen, für zwei Grad müsste dies in den frühen 2070er-Jahren der Fall sein.

Welche Maßnahmen der IPCC gegen die Klimakrise empfiehlt

Auch um die vom Pariser Klimaabkommen gesetzte Obergrenze der Erderhitzung von zwei Grad noch zu erreichen, sei es dabei erforderlich, dass die globalen Treibhausgasemissionen spätestens 2025 ihren Höhepunkt erreichen und bis 2030 um ein Viertel reduziert werden, so die Forschenden.

Erhebliches ungenutztes Potenzial vorhanden

„Wir sind definitiv nicht auf dem Weg, um das 1,5 Grad-Ziel zu erreichen“, so Skea. Aber Klimaschutzmaßnahmen hätten die letzten Jahre zumindest zugenommen. Und – in allen Sektoren gibt es die Möglichkeit, die Emissionen bis 2030 mindestens zu halbieren. „Je länger wir mit Aktionen warten, desto schwieriger wird es, dass die Kehrtwende machbar wird“, ist sich Skea sicher.

Sehr viel Bedarf, aber auch Potenzial, sehen die Expert:innen dabei im Bereich Energie. So erfordere die Begrenzung der Erderhitzung einen grundlegenden Wandel im Energiesektor. Dabei muss der Fokus auf eine „erhebliche“ Verringerung des Verbrauchs fossiler Brennstoffe liegen, aber auch auf eine weit verbreitete Elektrifizierung, eine verbesserte Energieeffizienz und dem Einsatz alternativer Brennstoffe (wie Wasserstoff).

IPCC-Mitautorin Renate Christ zum Status Quo auf der Weltklimakonferenz

Einen großen Einfluss hat auch das Ermöglichen von nachhaltigeren Lebensstilen, durch Förderungen eines klimafreundlichen Konsums bei Energie und anderen Gütern und Dienstleistungen, wie beispielsweise kompaktere Bauweisen, mehr Fahrradwegen und mehr Anreizen für eine fleischärmere Ernährung. So können die Emissionen in den Sektoren des Endverbrauchs deutlich gesenkt werden. „Mit den richtigen politischen Maßnahmen, Infrastrukturen und Technologien, die eine Änderung unseres Lebensstils und Verhaltens ermöglichen, können die Treibhausgasemissionen bis 2050 um 40-70 Prozent gesenkt werden. Dies bietet ein erhebliches ungenutztes Potenzial“, so der Co-Vorsitzende der IPCC-Arbeitsgruppe III, Priyadarshi Shukla. „Die Erkenntnisse zeigen auch, dass diese Änderungen des Lebensstils unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden verbessern können“.

Städte laut IPCC mögliche Gamechanger in Klimakrise

Aber nicht nur auf dem Energie-Sektor legt der neuste IPCC-Teilbericht einen besonderen Fokus, sondern auch auf die Städte. Das war bereits im zweiten Teil des sechsten Sachstandsberichtes der Fall, da Städte sich besonders aufheizen und zudem ein immer größerer Teil der Weltbevölkerung in diesen leben wird. Bereits zuvor machten die Forschenden daher deutlich, dass es Anpassungen der Städte an die Klimakrise braucht, aber auch, dass es hier viele Möglichkeiten gibt.

In dem aktuellen Bericht machen die Forschenden nun noch einmal deutlich, dass Städte „erhebliche Möglichkeiten zur Emissionsreduzierung“ haben. So kann zum einen der Energieverbrauch deutlich gesenkt werden, beispielsweise durch kompaktere, begehbarere Städte. Zudem braucht es die Elektrifizierung des Verkehrs in Kombination mit emissionsarmen Energiequellen und eine verbesserte Kohlenstoffaufnahme und -speicherung durch die Natur.

„Wir sehen Beispiele für Null-Energie- oder Null-Kohlenstoff-Gebäude in fast allen Klimazonen“, sagte Skea. „Maßnahmen in diesem Jahrzehnt sind entscheidend, um das Minderungspotenzial von Gebäuden zu nutzen.

 

Große Herausforderungen sehen die Expert:innen in den nächsten Jahren für die Industrie in den nächsten Jahren, damit diese das Netto-Null-Ziel erreichen können. So fordern sie eine effizientere Nutzung von Materialien, die Wiederverwendung und das Recycling von Produkten sowie die Minimierung von Abfällen. Zudem werde es neue Produktionsverfahren, emissionsarme oder emissionsfreie Elektrizität, Wasserstoff und, teilweise Kohlenstoffabscheidung und -speicherung benötigen.

Land- und Forstwirtschaft sowie andere Flächennutzungen können in großem Umfang Emissionen reduzieren und auch Kohlendioxid in großem Umfang abscheiden und speichern, so die Forschenden. Allerdings kann die Landnutzung nicht die verzögerten Emissionssenkungen in anderen Sektoren ausgleichen.

Weltklimarat: Es werden deutlich mehr finanzielle Mittel gebraucht

Damit die notwendigen Technologien und Maßnahmen zur Reduktion der Klimakrisenfolgen entwickelt und umgesetzt werden können, braucht es selbstverständlich auch die notwendigen finanziellen Mittel. Dabei orten die Forschenden im Moment noch eine starke Diskrepanz zwischen Bedarf und den zur Verfügung gestellten Mitteln. So zeige der Bericht, dass die Finanzströme um das Drei- bis Sechsfache unter dem Niveau liegen, das bis 2030 erforderlich sei, um die Erderhitzung auf unter 2 Grad Celsius zu begrenzen. Aber auch, dass weltweit genügend Kapital und Liquidität vorhanden wären, um diese Investitionslücken zu schließen. Daher seien nun die Regierungen gefordert und eine stärkere Ausrichtung der Finanzierung des öffentlichen Sektors und der Politik, fordern die Forschenden. Das wäre auch ohne große Einbußen möglich.

IPCC: Die österreichische Perspektive auf den Weltklimareport

„Ohne Berücksichtigung der wirtschaftlichen Vorteile, die sich aus geringeren Anpassungskosten oder vermiedenen Klimaauswirkungen ergeben, würde das globale Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2050 nur um wenige Prozentpunkte niedriger ausfallen, wenn wir die notwendigen Maßnahmen ergreifen, um die Erwärmung auf 2°C oder weniger zu begrenzen, als wenn wir die derzeitige Politik beibehalten“, so Shukla.

„Sofortiges Handeln für eine gerechtere und nachhaltigere Welt“

Bereits die ersten zwei Teile des sechsten Sachstandsberichts waren in ihren Aussagen so klar und so drastisch, wie keine Sachstandsberichte des Weltklimarats je zuvor. Dabei wurde deutlich, dass die Klimakrise und die damit einhergehenden Folgen eindeutig menschengemacht sind, die Erderwärmung bereits in den 2030-er Jahren die 1,5 Grad-Marke überschritten haben könnte, Wetterextreme zunehmen und das Zeitfenster zur Anpassung an die Folgen der Klimakrise sich langsam schließt.

Der zusammenfassende Report des Sechsten Sachstandsbericht ist nun für Herbst 2022 angekündigt. Darauf warten muss die Weltgemeinschaft aber nicht. Das Wissen, aber auch die Mittel die Folgen der Klimakrise zu reduzieren und sich an die zukünftigen Herausforderungen anzupassen, hat die Weltgemeinschaft schon heute. Gehandelt werden muss sofort. „Der Klimawandel ist das Ergebnis von mehr als einem Jahrhundert nicht nachhaltiger Energie- und Flächennutzung, Lebensstilen sowie Konsum- und Produktionsmustern“, so Skea. „Dieser Bericht zeigt, wie wir durch sofortiges Handeln zu einer gerechteren, nachhaltigeren Welt gelangen können.“

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