Weltklimarat

Welche Maßnahmen der IPCC gegen die Klimakrise empfiehlt

Laut IPCC-Bericht sind grüne Städte eine Maßnahme gegen die Klimakrise.
Rene Spitz

Es gibt bisher zu wenig umgesetzte Gegenmaßnahmen gegen die Klimakrise: Hitzewellen, Dürren und Überschwemmungen gefährden in den nächsten Jahrzehnten 3,3 bis 3,6 Milliarden Menschen weltweit. Der zweite Teil des sechsten Weltklimaberichtes des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), der am 28. Februar veröffentlicht wurde, warnt vor einer Bedrohung der Gesundheit des Planeten – und all ihrer Bewohner:innen. Bereits in den nächsten zwei Jahrzehnten wird die Welt bei einer globalen Erwärmung von 1,5°C „unvermeidlich“ mit zahlreichen Klimagefahren konfrontiert, so ein Resümee des Berichtes. Daher muss jetzt reagiert werden.

Besonders wurden in diesem nun vorliegenden Teilbericht auch die Verbindungen zwischen Mensch, Natur und Klima thematisiert. „Zum ersten Mal zeigt der Bericht auch auf, wie sich vielfältige Klimarisiken wechselweise beeinflussen“, sagt Hermann Lotze-Campen, Leiter der Forschungsabteilung Klimaresilienz am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Geringere Ernteerträge in tropischen Regionen können so zu höheren Nahrungsmittelpreisen und Gesundheitsrisiken durch Mangelernährung führen. Darüber hinaus können laut Lotze-Campen wetterbedingte Extremereignisse Schockwellen im internationalen Agrarhandel auslösen.

Weltklimarat: Große Dringlichkeit für schnelle Anpassung an die Klimakrise

„Nach 2040 können die Klimawirkungen mehrfach stärker ausfallen, als wir sie heute schon beobachten“, führt Lotze-Campen fort. Wichtig sind daher Anpassungsstrategien, mit denen die Auswirkungen der Klimakrise auf Mensch und Natur abgemildert werden können.

„Lösungen können sich gegenseitig positiv beeinflussen“

Durch die Erderwärmung nehmen sowohl Fluten als auch Dürren in den nächsten Jahren zu. Bauliche Maßnahmen gegen Fluten sind daher ebenso wichtig wie effizientes Wassermanagement in Zeiten von Dürren. Je höher die globalen Durchschnittstemperaturen steigen, desto weniger nützen diese Maßnahmen allerdings.

„Zum ersten Mal zeigt der Bericht auch auf, wie sich vielfältige Klimarisiken wechselweise beeinflussen. Geringere Ernteerträge in tropischen Regionen, verschärft durch eine hitzebedingt geringere Arbeitsproduktivität der ländlichen Bevölkerung, führen zu höheren Nahrungsmittelpreisen und Gesundheitsrisiken durch Mangelernährung“, führt Lotze-Campen weiter aus.

Ein wirksamer Schutz von 30 bis 50 Prozent der Flächen zu Land und zu Wasser könne laut Lotze-Campen helfen, nicht nur wichtige Ökosysteme zu stabilisieren, sondern auch die Nahrungsmittelversorgung zu sichern. Lotze-Campen ortet aber auch positive Synergien: „Stresstolerante Nutzpflanzen und -tiere, vielfältige Anbaumethoden, naturbasierte Lösungen für Schädlingsbekämpfung und Kohlenstoffspeicherung können sich gegenseitig positiv beeinflussen.“

IPCC-Bericht: Einhaltung von 1,5 Grad-Ziel wird immer unwahrscheinlicher

Chancen bei Gestaltung von Städten

Bei der Energieversorgung wird auf eine rasche Umstellung auf erneuerbare Energien gedrängt. Ein Mix aus Wind-, Solar- und Wasserenergie, besonders angesichts der immer häufiger werdenden Dürreperioden. Wasserkraftwerke, aber auch thermo-elektrische Kraftwerke wie etwa Kohle- oder auch Atomkraftwerke müssen auf einen niedrigeren Wasserstand vorbereitet werden.

Als besonders schwierig sieht der IPCC die Durchführung der Anpassungsmaßnahmen in Städten an, wo besonders viele Menschen betroffen sind. Laut der UN dürften bis 2050 bereits 68 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Verschärft wird die Situation dadurch, dass besonders in Europa die Stadtbevölkerung immer älter und dadurch anfälliger für Extremwetter wie Hitze wird. Daher brauche es dort einen Mix aus verschiedenen Maßnahmen, um mit der Klimakrise anzukämpfen:

  • mehr Begrünung in der Stadt
  • besserer baulicher Hochwasserschutz
  • Schutz vor extremer Hitze, besonders von älteren Personen.

Die Durchführung solcher Maßnahmen wird allerdings durch fehlende Finanzierung oder politischen Unwillen behindert. Ideal wäre es, Klimaschutz bei allen Stationen der Stadtplanung mitzudenken – je demokratischer diese Prozesse ablaufen, desto besser.

Es gibt aber auch gute Nachrichten: Über alle Sektoren und Regionen in über 170 Ländern wurden Fortschritte bei der Anpassungsplanung und -umsetzung  oder zumindest bei dem Bewusstsein für benötigten Klimaschutz beobachtet. Allerdings seien viele Anpassungsmaßnahmen zu klein und zu sektorspezifisch und eher darauf ausgerichtet auf aktuelle Auswirkungen oder kurzfristige Risiken zu reagieren und würden sich bisher eher auf die Planung konzentrieren. Zudem gibt es große regionale Unterschiede und fehlende finanzielle Mittel. Auch werden arme Bevölkerungsgruppen noch nicht genügend bei den Anpassungen berücksichtigt. Und sollten die Anpassungsstrategien mit der jetzigen Geschwindigkeit umgesetzt werden, dürfte sich die Lücke zwischen Arm und Reich noch weiter vergrößern.

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Risiken und Lösungen der Klimakrise in Europa

Für Europa gibt der Weltklimarat vier Risikogebiete an, an denen in den kommenden Jahren gearbeitet werden sollte. Dabei stellt der IPCC auch einige Lösungsansätze bereit.

Sterblichkeit der Menschen bei Hitzewellen: Die Zahl der Menschen, die bei Hitzewellen ums Leben kommen, wird sich bei einem Durchschnittstemperaturanstieg von 3 Grad Celsius gegenüber einem Anstieg von 1,5 Grad Celsius voraussichtlich verdoppeln bis verdreifachen. Verhaltensänderungen, bauliche Maßnahmen, vorausschauende Stadtplanung und Kühlsysteme in Häusern sollen gegen Hitzestress schützen.

Hitze und Dürre schädigt die Landwirtschaft: Im Laufe des 21. Jahrhunderts erwartet der IPCC substanzielle Verluste von Landwirtschaftsprodukten durch Hitze und Trockenheit. Die Gefahr von Wald und Flurbränden steigt in ganz Europa. Als Gegenmaßnahme schlägt der IPCC effiziente Bewässerungssysteme und hitzeresistenter Pflanzen- und Tierarten vor. Mischkulturen in der Forstwirtschaft und Feuermanagement tragen zur Waldgesundheit bei.

Wasserknappheit: In Südeuropa wird mehr als ein Drittel der Bevölkerung von Wasserknappheit betroffen sein, sollte die globale Durchschnittstemperatur über die 2-Grad-Marke steigen. Bei einer 3-Grad-Erwärmung würden das dann auch die Städte in West- und Mitteleuropa tangieren. Um auf künftige Dürren vorbereitet zu sein, sollte man Wasser effizienter nutzen. Wasserlagerung und Wiederverwertung dürfte in den nächsten Jahrzehnten immer wichtiger werden, dazu soll ein Frühwarnsystem auf mögliche Wasserknappheit aufmerksam machen.

IPCC: Die österreichische Perspektive auf den Weltklimareport

Überschwemmungen und Anstieg der Meeresspiegel: Bei einer Erderwärmung von über 3 Grad Celsius dürften sich die Zahl der Menschen, die von Überschwemmungen betroffen sind, verdoppeln. Sturmfluten in Küstennähe dürften sich bis zum Ende des 21. Jahrhunderts verzehnfachen, der Anstieg des Meeresspiegels stellt besonders nach dem Jahr 2100 eine Bedrohung für Küstenregionen dar. Im Falle von Sturmfluten oder Überschwemmungen empfiehlt der IPCC ebenfalls Frühwarnsysteme sowie genügend Platz für etwaige Überschwemmungen bereitzustellen.

Die Grenzen der Maßnahmen laut IPCC

„Weiche Grenzen“ der Anpassung der Menschen an die Klimaerwärmung wurden bereits erreicht, etwa auf Inselstaaten oder küstennahen Regionen im Pazifik. Einzelne Ökosysteme – man denke etwa an Korallenriffe – stoßen bereits vereinzelt an ihre „harten Grenzen“.

Fehlende Finanzierung schränkt den Ausbau der Klima-Maßnahmen auf der ganzen Welt ein, wobei aber klar sein muss, dass alle Maßnahmen nicht vollständig gegen Schäden durch die Klimakrise schützen können. Der IPCC warnt darüber hinaus vor falsch angewendeten Gegenmaßnahmen, die der Sache eher schaden als nützen. So solle man sich vor Maßnahmen in Acht nehmen, die nur isoliert und für begrenzte Zeit einen Nutzen bringen. Als Beispiel werden dafür Schutzwälle genannt, die gegen den steigenden Meeresspiegel helfen sollen, während aber Ökosysteme an den Küsten zerstört werden. Denn eines zeigt der Bericht auch deutlich: Selbst bei einer Erderwärmung von 1,5 Grad, was ja nach dem Pariser Klimaabkommen dem Best Case Szenario entspricht, wird die Klimakrise zu spüren sein. Somit sollte der Mensch anfangen, Maßnahmen umzusetzen, welche ein Leben mit den Folgen der Klimakrise ermöglichen und nicht lediglich ein Abschirmen – neben dem uneingeschränkten Bedarf, die Treibhausgasemissionen zu senken. Andernfalls wird die Erde sich deutlich mehr erwärmen, als im Pariser Klimaabkommen anvisiert.

IPCC-Mitautorin Renate Christ zum Status Quo auf der Weltklimakonferenz

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