Studie

Nicht nur Verzicht: Umweltfreundliches Leben lässt Lebensqualität steigen

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Eine Frage wurde bei den Triellen im deutschen Bundestagswahlkampf häufig gestellt: Was wollen die Parteien für den Klimaschutz verbieten? Welche Verbote kommen? Diese Fragen werden immer noch deutlich öfter gestellt als die Frage, wie viel es kostet, nichts gegen die Klimakrise zu unternehmen. Oft fallen zudem die Vorteile unter den Tisch, die für Menschen durch den Klimaschutz entstehen.

Aus Sicht der Forschung bildet der Energieverbrauch in privaten Haushalten einen enormen Hebel, wenn es um die Verminderung von Treibhausgasemissionen geht. Laut einer aktuellen Studie des Berliner Klimaforschungsinstituts MCC, die in der Fachzeitschrift Nature Climate Change veröffentlicht wurde, können in den Sektoren Gebäude, Verkehr, Ernährung und Konsumprodukte 40 bis 80 Prozent der Treibhausgas-Emissionen eingespart werden. Das bedeute laut den Forschenden jedoch nicht – statt häufig angenommen – dass Menschen auf viele Dinge im Alltag verzichten müssen, sondern deren Lebensqualität werde durch energieeffizienteres Leben sogar gesteigert.

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Klimaschutz zu 79 Prozent positiv für Lebensqualität

Die Analyse erfolgte aus einer weltumspannenden Perspektive, beteiligt waren Forschende aus insgesamt 17 Länder, darunter etwa Institute aus Mexiko, Indien, Australien, Japan und den USA. Das Forschungsteam filterte aus 54.000 wissenschaftlichen Fachartikeln rund 600 relevante Arbeiten heraus, bewertete in einem strukturierten Prozess die für die Studie wichtigen Aussagen und schlüsselte diese nach einem einheitlichen Schema auf.  Dabei untersuchten sie unter verschiedenen Gesichtspunkten den Zusammenhang von Klimaschutz und Lebensqualität und was sich in privaten Haushalten an Emissionen einsparen lässt. Das Ergebnis der Forschenden: Der Effekt von Klimaschutz auf die Lebensqualität zu 79 Prozent positiv, zu 18 Prozent neutral und zu drei Prozent negativ.

Unterschiedliche Effekte lassen sich demnach durch Klimaschutz für die Lebensqualität erzielen. Eine pflanzenbasierten Ernährung führt etwa potenziell zu einer höheren Lebenserwartung. Kohle und Öl durch umweltfreundliche Alternativen zu ersetzen verbessert die Luftqualität. Zudem bessere sich der soziale Zusammenhalt in Städten, die sich klimafreundlicher aufstellen. Zu den untersuchten negativen Effekte zählten die Forschenden etwa die negativen Effekte von geteilter Mobilität, z.B. die Verringerung der persönlichen Sicherheit für Kund:innen von Ridesourcing, etwa wenn Menschen über Uber & Co. Dienstleistungen beanspruchen.

„Wir haben die wichtigsten nachfrageseitigen Lösungen identifiziert“, sagt Studienautorin Leila Niamir in einer Pressaussendung des MCC. „Dazu zählen aktive Fortbewegung etwa zu Fuß oder per Fahrrad, eine Umstellung der Ernährung hin zu gesundem und fleischfreiem Protein sowie das Wiederverwerten und Recycling von Material. Wir haben die Wirkung auf Klima, Umwelt und menschliches Wohlergehen analysiert und gezeigt, dass sie – anders als vielfach wahrgenommen – der Lebensqualität und dem Komfort nicht entgegenstehen. Tatsächlich haben sie günstige Effekte auf das menschliche Wohlergehen und großes Potential für den Klimaschutz.“

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Politik schafft Rahmen

Die Studie räumt auch mit der Vorstellung auf, dass es bei nachfrageseitigen Klima-Lösungen letztlich auf den individuellen Klimaschutz aus eigenem Antrieb ankomme. „Die Politik ist hier genauso gefordert wie auf der Angebotsseite beim Ausbau der erneuerbaren Energien“, betont Felix Creutzig, Arbeitsgruppenleiter am MCC und Studienautor. „Verhaltensänderungen erfolgen nicht im luftleeren Raum, sie hängen ganz wesentlich an Infrastruktur-Angeboten und neuen Dienstleistungssystemen – wie etwa sichere Fahrradwege und Kantinen, die hochwertig vegan kochen. Und es geht hier auch um soziale Normen, die ja nicht in Stein gemeißelt sondern formbar sind, wie es ja im Kontext der Corona-Pandemie derzeit intensiv diskutiert wird.“

Das Forschungsprojekt wurde mit Blick auf den Sechsten Sachstandsberichts des Weltklimarats IPCC durchgeführt, speziell den für das Frühjahr 2022 erwarteten Teilbericht zum Klimaschutz. Studienautor Creutzig selbst ist dabei als koordinierender Leitautor für das erstmals vorgesehene Kapitel zu nachfrageseitigen Klima-Lösungen zuständig. Der Bereich wird somit im renommierten IPCC-Bericht und damit in der weltweiten Klimapolitik stärker in den Mittelpunkt gerückt. „Energieeffizient wohnen, essen, reisen – solche Themen werden ganz wichtig, wenn wir katastrophalen Klimawandel abwenden wollen“, sagt er. „Unsere jetzt vorgelegte Studie bewertet das erstmals konsistent, sowohl mit Blick auf die Emissionen als auch auf die Lebensqualität.“ Beim nächsten Wahlkampf geht es dann künftig möglicherweise mehr um die Frage, wie die Lebensqualität der Menschen durch Klimaschutz steigen kann, statt welche Verbote auf sie zukommen.

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