Klimaschutz

Verra: Führender Anbieter soll „wertlose“ CO2-Zertifikate verkaufen

Setzling in Uganda 2020. © One Tree Planted
Setzling in Uganda 2020. © One Tree Planted

Es ist ein riesiger, stark wachsender Markt, aber es ist auch der Wilde Westen: der Handel mit CO2-Zertifikaten für so genanntes Offsetting: Unternehmen, die CO2 verursachen, kaufen diese gerne und oft, um diese Emissionen zu kompensieren. Durch Maßnahmen (oft in anderen Teilen der Welt) wird CO2 reduziert, und das schreiben sich diese Firmen dann gut. Eine der beliebtesten Maßnahmen: die Wiederaufforstung bzw. der Schutz von bestehenden Wäldern vor Abholzung. Bäume pflanzen bzw. schützen und so den eigenen CO2-Ausstoß reduzieren, so die Logik.

Eine fatale Logik, wie jetzt eine neun Monate lang dauernde Untersuchung der beiden Zeitungen „Die Zeit“ und „Guardian“ sowie der Investigativ-Plattform SourceMaterial offenbart. Ihnen zufolge sind die meisten auf Waldschutzprojekten basierenden CO2-Zertifikate „weitgehend wertlos und könnten die globale Erwärmung verschlimmern“, heißt es in einem umfassenden Bericht. Im Zentrum der Kritik steht die Organisation Verra mit Hauptsitz in Washington, dass seine CO2-Zertifikate über das „Verified Carbon Standard“-Programm (VCS) zu einem Quasi-Standard entwickelt hat. Kund:innen sind weltbekannte Brands wie Disney, Shell, Gucci, Salesforce, BHP, easyJet, Leon, Lavazza oder sogar die Rockband Pearl Jam.

Nun meinen die Medien, dass „mehr als 90 % ihrer Regenwald-Kompensationsgutschriften – die zu den von Unternehmen am häufigsten verwendeten gehören – wahrscheinlich „Phantomgutschriften“ sind und keine echten CO2-Reduzierungen darstellen“, heißt es in dem Bericht. „Nur bei einer Handvoll der Regenwaldprojekte von Verra konnte eine Verringerung der Abholzung nachgewiesen werden, wie zwei Studien zeigen. Eine weitere Analyse ergab, dass 94 % der Kredite keinen Nutzen für das Klima hatten.“ Belegt wird das mit ausführlichen Recherchen, wobei etwa 60 Waldprojekte von Verra im Detail untersucht wurden. Untersucht wurden unter anderem die so genannten REDD+-Projekte von Verra. Konkret geht es um Zertifikate für den Waldschutz – im Unterschied zu Zertifikaten für die Wiederaufforstung von gerodeten Waldflächen.

Vorgeworfen wird Verra, dass Zertifikate für CO2-Einsparungen vergeben werden, indem bestehende Wälder vor der Abholzung verschont werden. Waldbesitzer:innen verdienen daran, dass sie die Bäume stehen lassen, anstatt ihr Holz zu verwerten. Die Forscher:innen, mit denen die Medien zusammen arbeiteten, bezweifeln allerdings, dass diese „zertifizierten“ Wälder auch immer alle gerodet werden würden, wenn die Waldbesitzer:innen kein Geld bekommen. Kritisiert wird im Detail, dass die Wahrscheinlichkeitsberechnungen, ob es Kahlschläge geben könnte oder nicht.

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Verra wehrt sich

Die Non-Profit-Organisation Verra will die Vorwürfe nicht auf sich sitzen lassen. So wurde in einem offiziellen Statement festgehalten, dass „diese Studien die Auswirkungen von REDD+-Projekten massiv falsch einschätzen“. Die Methoden, mit denen die Journalist:innen den CO2-Reduktions-Effekt gemessen haben sollen, sei nicht der richtige Weg. Verra wäre währenddessen dabei, die Methodologie zur Messung aller REDD+-Projekte zu vereinheitlichen. Währenddessen sind laut Guardian nur die Restaurantkette Leon und easyJet von den Offsetting-Zertifikaten abgesprungen. Shell will sie weiter nutzen, Lavazza bis auf weiteres auch, Gucci, Pearl Jam, BHP und Salesforce kommentierten die Vorwürfe nicht.

Verra ist jedenfalls als führender Anbieter von CO2-Zertifikaten eine große Nummer. Eigenen Angaben zufolge habe man seit 2009 mehr als eine Milliarde Carbon Credits vergeben und dadurch Milliarden von Dollar für Klimaschutzmaßnahmen und nachhaltige Projekte locker machen können. Wie mehrmals berichtet, sehen Umweltschutzorganisationen das Offsetting von CO2 durch Zertifikate aus Waldprojekten als sehr kritisch an – übrigens auch solche, bei denen Wiederaufforstung gemacht wird.

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