Interview

Warum so viele Startups 2024 in der Seed-Phase stecken bleiben

Niklas Benesch von ROI Ventures. © ROI Ventures
Niklas Benesch from ROI Ventures. © ROI Ventures

2023 war hart, und 2024 wird nicht leichter werden – das hat sich aus unseren Interviews mit Investor:innen zum Ausblick auf das aktuelle Jahr in Sachen Startup-Finanzierungen bereits heraus kristallisiert. Von großen VCs wie Speedinvest bis zu kleinen Angel Funds wie jenem von ROI Ventures fokussieren derzeit viele auf Pre-Seed- und Seed-Phase.

Was das bedeutet und wie ROI Ventures rund um Mitgründer Niklas Benesch 2024 sieht, das erzählt er uns heute im Interview.

Trending Topics: Wir haben ja das öfteren sogenannte Challenger im Interview. Meistens sind es Startups, die zumindest sagen, dass sie ganze Branchen herausfordern wollen. Ihr seid jetzt die jungen Investoren. Seid ihr die Herausforderer der Alten im VC-Business?

Niklas Benesch: Definitiv. Das kann man auf alle Fälle so sehen und wir haben uns da große Ziele für 2024 und auch für die Zukunft gesteckt. Ich glaube aber, dass man trotz eines sehr kompetitiven Marktumfelds schlussendlich gerade in Österreich Hand in Hand gehen muss, um hier das Ökosystem zu pushen.

Was ist das Besondere an ROI Ventures? Was macht es sehr anders? Was ist eure Spezialität?

Wir sind ein frühphasiger Angel Fund, eine Investment Gesellschaft, die wir zu fünft hier aus Wien heraus führen. Wir haben uns da zum Ziel gesetzt, Teams und Talente sehr früh zu fördern. Wir unterstützen sie natürlich mit Kapital, sind aber in weiteren Prozessen mit eingebunden Sparring-Partner, um die Startups von der Pre-Seed über die Seed dann Richtung Series A zu guiden und da die Teams ein Stück weit an der Hand zu nehmen.

Was sind so die Investments, die ihr macht? Wie funktioniert es und vielleicht gibt es auch ein paar Beispiele aus dem Portfolio?

Wir investieren in der Regel zwischen 50.000 und 100.000 Euro initial. Wir haben uns den Fokus B2B geschnappt, zum anderen sind wir sehr stark im Tech-Bereich aktiv und haben in Österreich beispielsweise die Teams von Gatespace, reebuild oder Magic im Portfolio. Wir sind aber auch insgesamt in Deutschland investiert, in Spanien, der Schweiz, in UK und haben ein deutsches Team, das aktuell in den USA sitzt. Dementsprechend sind wir auch international sehr breit ausgestellt.

Fangen wir vielleicht mal bei Magic an, das ist ja ein absolutes Outstanding-Startup in Österreich. Die haben unter anderem Google als Investor mit dabei. Wie seht ihr Magic?

Wir freuen uns sehr, dass wir es geschafft haben, dieses Team schon sehr früh zu unterstützen und da steckt wirklich unglaublich viel Innovationskraft und Power dahinter, die sich, unseres Wissens, auch 2024 noch mal ein großes Stück weit mehr entfalten wird. Magic zum einen das Beispiel, dass wir in Österreich tolle Founder haben und wirklich riesiges Potenzial, auch hier etwas auf die Beine zu stellen, zum anderen allerdings auch ein bisschen die Versäumnisse des Ganzen wieder, da das Team aktuell eigentlich mehr aus den USA operiert, als aus Österreich und wir dahingehend einfach uns wünschen würden, dass man hier national auch als aktives und sehr talentiertes Team mehr Möglichkeiten hat zu agieren.

Die Gründer entwickeln meines Wissens noch ein AI-Modell, das programmieren kann. Was erwartest du dir von Magic, Dev? Was kann das mal werden, wenn es wirklich aufgeht?

Sie versuchen wirklich, GitHub zu challengen, wollen hier einen Co-Pilot auf die Beine stellen, der im Software-Development proaktiv unterstützt. Laut Einschätzungen unsererseits, aber vor allem auch laut Einschätzungen der aktuellen Series-A-Investoren, sollte die Code-Basis 2024 das Potenzial haben, die grundlegende Code-Basis von OpenAI zu challengen. Also da steckt wirklich sehr viel Power dahinter und sie versuchen aktuell gerade sehr viel Kapital einzusammeln, um weitere Test-Runs zu ermöglichen.

Das zweite Startup, was du erwähnt hast, ist Gatespace, die neuartige Düsen für Satelliten entwickeln. Was begeistert euch an Gatespace?

Wenn man sich unser Portfolio ansieht, ist Gatespace so ein klein wenig der Ausreißer, aber vor allem auch im positiven Sinn. Wir haben uns grundlegend als Investment-Fokus den Bereich Software gesetzt und mit Gatespace unser einziges Hardware-Investment in Wien gefunden. Sie produzieren eine Plug-and-Play-Jetpack-Lösung, die vor allem bei Telekommunikationssatelliten künftig zum Einsatz kommen soll. Uns hat neben dem unheimlich kompetenten Auftreten des ganzen Teams und der Founder auch die Technologie selbst dahinter sehr interessiert.

Auch Gatespace hat den Schritt in die USA gewagt und agiert zur Hälfte in San Francisco, zur Hälfte in Wien. Mit diesem Schritt war uns dann auch klar, dass hier ein deutlich besserer Access zu Kunden, zu Partnern und auch zu größerem Wachstumskapital steckt. Sie waren dort auch im Techstars Accelerator, das war dann für uns der Startschuss, um zu sagen: Hier gibt es wirklich die Möglichkeit, aus Österreich heraus ein SpaceTech-Unternehmen in die Welt zu setzen.

„2024 muss Mehrheit der Startups raisen“ – mit Niklas Benesch von ROI Ventures

Das dritte österreichische Startup in eurem Portfolio ist das Proptech reebuild. B2B-SaaS-Startups gibt es ja eigentlich wie Sand am Meer und so manches Corporate, das ja am Ende der Kunde ist, hat schon 100 oder mehr SaaS-Tools im Einsatz. Beim Jahreswechsel wird oft ausgemistet. Warum setzt ihr trotzdem auf B2B-Software?

Wir sehen im B2B sehr großes Potenzial nach wie vor und vor allem auch einen sehr großen Hebel unsererseits. Es ist ein Bereich, wo wir selbst Know-how einbringen können. Es ist auch ein Bereich, wo wir im Sales und der Lead Acquisition unterstützen können. Und aus diesem Zugang heraus haben wir mal unseren Investment-Fokus im B2B-Bereich gewählt und glauben auch sehr stark daran, dass wir mit diesem Investmentzugang in den kommenden Jahren sehr gut veranlassen werden. Es ist natürlich so, dass die Herausforderungen nicht einfacher geworden sind.

Ihr schreibt als Investor:innen nicht nur Schecks, sondern ihr schreibt auch ganze Bücher mit. Eines davon heit heißt „Big Book of Venture Capital“. Was kann man darin lesen?

Wir versuchen uns sehr stark im Ökosystem einzubinden, neue Blickwinkel zu erlangen und versuchen uns weitläufig zu vernetzen. Das „Big Book of Venture Capital“ ist ein Jahresrück- bzw. -ausblick in der Venture Capital Branche, der sehr viele Stimmen aus den unterschiedlichsten Investment-Levels einholt, um hier einen Überblick zu geben.

Ich habe im Big Book of Venture Capital unter anderem eine Zahl gefunden, die sagt: 57 Prozent der VC-backed Startups müssen 2024 wieder Geld raisen. Ist das normal, ist das viel und was bedeutet es für dieses Jahr?

Es bedeutet vor allem eine große Herausforderung für die Founder und auch einen großen Market Need. Es war so, dass im vergangenen Jahr die Zurückhaltung nach wie vor noch groß war und die Teams auch selbst aufgrund vielleicht fehlender KPIs, fehlender Traction sich noch zurückgehalten haben, selbst in die nächste Runde zu gehen. 2024 ist der Bedarf definitiv da, und das bedeutet, dass am Markt wieder eine neue Dynamik entstehen wird. Fraglich ist nur, wie diese seitens der Investoren dann angenommen wird.

Ihr seid ja auf Investorenseite. Wie denkst du, geht die Geschichte dieses Jahr aus, wenn so viele Startups – mehr als jedes zweite – wieder auf euch und andere Investoren zukommt? Was bedeutet das dann in der Konsequenz?

Zum einen wird es definitiv bedeuten, dass viele Investoren nochmal in ein Follow-On-Financing hineingehen müssen, um einfach die eigenen Portfolio-Unternehmen zu stärken. Wir sehen nach wie vor eine sehr große Competition in der Frühphase. Die wird sich nicht nur im Pre-Seed, sondern auch im Seed-Bereich noch zeigen. Fraglich ist einfach der Übergang von der Anschub- zur Wachstumsfinanzierung und schlussendlich dann von der Seed in die Series A. Und da rechnen wir mit größeren Problemen bei den Teams und tatsächlich auch einer Zunahme der Pleiten, beziehungsweise einfach noch einmal einer Abänderung der Geschäftsmodelle und des generellen strategischen Zugangs der Teams, die vielleicht dann nicht mehr so stark in den Wachstum gehen können.

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Was ich bei euch auch gelesen habe, ist so das Schlagwort „Stuck at Seed Phase“. Das heißt, es können viele Startups für die Pre- oder die Seed-Phase Geld aufnehmen, kriegen dann aber ganz schwer oder gar nicht mehr eine Series A. Was bedeutet das für den Markt bzw. warum ist das so?

In der Frühphase jemanden zu gewinnen, den man für die eigenen Ideen begeistern kann, geht aus meiner Sicht recht schnell. Sie dann auch in der Seed-Phase mitzunehmen, ist zwar eine Herausforderung, die ist aber definitiv machbar. In weiterer Folge geht es dann aber tatsächlich darum, die Ideen und die Vision vom Papier in die Realität umzusetzen und auch hier wirklich zu zeigen, dass das Geschäftsmodell funktioniert, dass der Markt bereit ist und dass das Produkt funktioniert. Daran scheitern aktuell viele Teams, die natürlich selbst in einem sehr schwierigen Marktumfeld sich bewegen, wenig Traction bekommen, die eigenen Zielsetzungen dementsprechend nicht erfüllen können.

Und gerade beim Übergang von der Seed in die Series A werden einfach Zahlen, Daten und Fakten sehr relevant und die größeren Wachstumsfinanzierer wollen dann eine entsprechende Traction sehen. Wenn diese nicht gegeben ist, kommt es zu den erwarteten Problemstellungen, die in weiterer Folge natürlich bedeuten, dass wenn kein Kapital mehr da ist und das Fundraising wirklich ein großer Need ist, es zu weiteren Downrounds kommt, zu weiteren Layoffs kommen wird und die Teams, die es nicht schaffen, dann die Series A zu raisen, sich deutlich umorientieren müssen.

Das sind keine rosigen Ausblicke. Wie denkst du, wird es in Österreich 2024 weitergehen? 2023 war ja durchaus geprägt von vermehrten Pleiten, der eine oder andere Notverkauf auch dabei. Was denkst du, wie geht es dieses Jahr weiter?

Ich sehe Österreich da wie auch das restliche europäische Umfeld und glaube auch, dass dieser Trend, wenn auch mit einem leicht positiveren Zugang, 2024 noch weiter anhalten wird. Man darf schon davon ausgehen, dass es wieder zu einer Besserung kommt und auch die Investoren werden wieder mehr Appetit bekommen, ins Investieren und ins Fundraising einzugehen. Dennoch glaube ich, dass es weiter einige Teams erwischen wird. Ich sehe das allerdings weder in Österreich noch international als einen unfassbar negativen Aspekt, auch wenn es mir natürlich für Gründer und Gründerinnen leidtut. Aber ich glaube, dieser Market Reset, der in den letzten Monaten stattgefunden hat, der tut dem Ganzen auch gut, um hier wirklich ein nachhaltigeres Wachstum auf die Beine zu stellen und diese Hype-Phase, die wir da zeitweise durchlebt haben, abkühlen zu lassen und einfach langfristig und nachhaltiger etwas aufzubauen.

Wenn du dir heute Pitchdecks anschaust und dir denkst, neue Startup-Teams müssen nachhaltiger aufbauen, auf was schaut man da als Investor? Sind diese Hockey-Stick-Fantasien ein Ding der Vergangenheit?

Bei uns in der ganz, ganz frühen Phase möchten wir natürlich immer noch sehen, dass der Hockey-Stick möglich ist und die Tatsache gegeben ist, dass großes Wachstum bevorstehen kann. Ich glaube, es geht einfach um eine realistische Einschätzung der Marktlage im Verhältnis zum Geschäftsmodell und vor allem auch um eine realistische Einschätzung, was das Thema Competition betrifft. Sehr viele Teams sind aus meiner Sicht betreffend Markt und Competitive Analysis einfach sehr schwach unterwegs, gerade in der frühen Phase.

Wenn du dir jetzt den Dealflow anschaust, in welche Richtung geht der Trend? Machen gerade alle in AI?

Der AI-Hype ist definitiv noch sehr groß und es gibt sehr viele Teams, die da ins Buzzwording hineingehen, ohne einen effektiven Mehrwert anhand der AI am Geschäftsmodell zu schaffen. Ich glaube aber dennoch, dass da viele Möglichkeiten bestehen. Wir sehen im Software-Bereich sehr viele Startups in unterschiedlichsten Branchen und Verticals. Es könnte sich aber beispielsweise, wie du zuvor erwähnt hast,  die Verknüpfung von AI mit HealthTech herauskristallisieren. Einen effektiven Trend, der lässt sich dann noch nicht abzeichnen.

Was ist mit Crypto? Kann das wiederkommen?

Ich glaube, dass der Bereich Crypto an sich noch relativ stagnierend weitergeführt werden wird. Ich sehe dennoch im Thema Web3 und Blockchain einen großen technologischen Nutzen und eine große Innovationskraft. Wenn es Teams schaffen, da einen Mehrwert am Geschäftsmodell zu schaffen, glaube ich, dass das Thema Blockchain noch einmal sehr relevant wird. Für Crypto per se sehe ich aber aktuell keine starken Wachstumszahlen. Kurze Hype-Phasen werden definitiv wieder auftreten, aber ich glaube, die sind wieder von einigen Schwankungen geprägt.

Ihr seid im Early-Stage-Bereich unterwegs, wie auch viele andere große Investoren. Muss man da jetzt mit den Großen um die Investments rangeln?

Das hast du gut erkannt, das muss man definitiv und die Competition in der frühen Phase ist glaube ich hoch. Rein von unserem Setup und Investment-Zugang ist es generell so, dass wir zumeist als Co-Investoren neben einem oder zwei größeren Fonds investieren. Das heißt, hier lassen sich auch entsprechend Synergien erschließen. Es ist aber bei so großen Fonds, auch wegen von Speedinvest, so, dass die schon einiges an Shares auf dem Weg bei einem Investment mitnehmen und hinten raus dann für Angels oder kleinere Fonds weniger Spielraum bleibt. Bedeutet im Umkehrschluss aber auch, wir müssen einfach besser werden, unseren eigenen Zugang weiter formen und herausstreichen, warum wir ein guter Benefit für die Teams und Startups sind. Und wenn uns das gelingt, werden wir auch weiterhin in sehr guten Runden partizipieren können.

Wie ist der Ausblick für ROI Ventures selbst, was sind eure Pläne für 2024? Wie wollt ihr euch weiterentwickeln? Wollt ihr selber auch mal so einen großen Fonds auflegen oder wollt ihr klein und fein bleiben?

Das ist eine gute Frage. Wir haben im vergangenen Jahr knapp 900.000 Euro in Startups investiert, bei 14 Investmentrunden. Davon waren 12 neue Investments im Portfolio. So soll es 2024 auch weitergehen, bedeutet: Wir wollen uns jetzt einmal sukzessive ein Portfolio erarbeiten. Wir möchten uns jetzt selber einfach einmal weiterentwickeln, weiter verbessern, schauen, dass wir Traction gewinnen und ich glaube, dann gibt es einige Möglichkeiten, die sich auf diesem Weg auftun, bei denen sich dann auch sukzessive herauskristallisieren wird, auf welche Pferde man setzen wird.

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