Interview

Investorin Zoé Fabian: „Nicht nur tun, was für die Firma gut ist, sondern auch fürs Ökosystem“

Managing Director Growth bei Euroazeo. © Eurazeo
Managing Director Growth bei Euroazeo. © Eurazeo

Der Trending Topics-Artikel „Europa droht der Scale-up-Ausverkauf“ hat eine weite Reise gemacht. Über Newsletter verbreitet, landete er schließlich auch auf dem Bildschirm der Managing Director Growth Zoé Fabian des französischen Private-Equity-Riesen Eurazeo, der vor wenigen Monaten einen Growth-Fund mit 1,6 Milliarden Euro startete. Doctolib, Glovo, Tink, Back Market, Sorare, wefox, Vestiare Collective – wo in Europa Unicorn draufsteht, da ist oft Eurazeo drinnen.

Zoé Fabian, die zuvor als  Investment Manager bei Axel Springer und davor bei Blackstone in Paris und New York tätig war, spricht nun im Interview darüber, wie Europa seinen Rückstand aufholen kann, woher das Geld dafür kommen soll, dass zu viele Gründer immer noch nur den Börsengang an der Nasdaq jagen, warum Frankreich mittlerweile die Nase vorne hat, und was Europa wirklich fehlt, um Weltklasse zu werden.

Trending Topics: Es gibt gerade eine große Geldschwemme an Tech-Scale-ups in Europa. Das meiste Geld kommt dabei aber aus den USA und aus Asien. Viele befürchten, dass hier eine Art „Ausverkauf“ stattfindet. Wie ist Ihre Einstellung zu diesen Ängsten?

Zoé Fabian: Es gibt bei den Investments in europäische Tech-Scale-ups zwei Facetten. Einerseits zeigen sie, wie attraktiv der europäische Markt im Bereich Technologie ist. Wir haben mittlerweile bewiesen, dass es in Europa sehr spannende und erfolgreiche Firmen gibt.

Andererseits zeigen die Investitionen, dass es in Europa einen Mangel an Kapitaltiefe gibt. So sind viele unserer Pensionskassen, Versicherungen und institutionellen Investoren eher risikoavers. Die Aktienquote ist im Vergleich zu den USA sehr niedrig. Das schlägt sich natürlich auch in den „Private Markets“ nieder. Europäische Fonds sind im Schnitt um ein Vielfaches kleiner als in den USA und Asien. Die dortigen Player sehen spannende Firmen, haben Interesse und können einfach sehr große Tickets schreiben.

Dabei stehen wir im Tech-Bereich gerade erst am Anfang und der Markt boomt massiv. Der gesellschaftliche Wert der Investments wird deshalb langfristig sehr hoch sein. Ich habe selbst zwei Kinder und will, dass sie später mal alle Optionen haben werden, egal ob sie ins Unternehmertum einsteigen, bei spannenden Firmen arbeiten oder Forschung betreiben wollen.

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Wie sind Sie mit dem Eurazeo-Fonds positioniert?

Ich finde, wir hier in Europa machen noch viel zu wenig, um unser hiesiges Investment-Ökosystem und unsere Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu erhalten. Es ist schade, dass die Investitionen oft aus den USA und Asien stammen, denn die Rückflüsse fließen dann wieder in deren Ökosysteme.

Deswegen lautet unsere Positionierung als Fonds: Aus Europa heraus, für europäische Unternehmen, oder auch für amerikanische Firmen, die nach Europa kommen wollen. Es ist dafür wichtig, große Tickets schreiben zu können, deswegen waren wir froh, dass wir unseren Fonds mit 1,6 Milliarden Euro schließen konnten. Für Europa ist das sehr groß, für Asien und die USA ist das aber noch immer sehr klein. Dennoch macht es einen Unterschied und ermöglicht uns, konkurrenzfähig zu sein. Strukturell brauchen wir aber noch mehr Kapital, auch andere Fonds müssen wachsen und sich entwickeln.

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Ist das Fundraising jetzt leichter als noch vor fünf Jahren?

Wir haben den Vorteil, dass wir einen sehr starken Track Record haben. Bereits 2015 haben wir in den Bereich Growth investiert. Wir sind Teil einer globalen Plattform und managen insgesamt 30 Milliarden Dollar. Deswegen waren wir schon in der Zeit, als die ersten Staatsinitiativen kamen, sehr gut aufgestellt.

COVID hat uns ebenfalls sehr geholfen, wenn man das so sagen darf, denn mittlerweile haben durch die Pandemie alle verstanden, wie wichtig Tech-Investments sind. Die Voraussetzungen werden also besser, dennoch höre ich oft von kleineren Fonds, dass es sehr schwer ist, größere Kapitalzusagen zu bekommen. Diese Fonds sind aber meist nicht Teil einer Plattform, also sind wir vermutlich privilegiert. Wichtig ist vor allem, kontinuierliches Kapital zu haben und langfristig investieren und Partnerschaften aufbauen zu können.

Sie sagen, der Fonds sei im Vergleich zu den USA „sehr klein“, aber mit mehr als einer Milliarde wäre er doch auch im Silicon Valley vorzeigbar, oder?

Ja, das stimmt, und wir sind auch sehr stolz darauf! Aber wir denken auch noch ein, zwei Schritte weiter. Wir stehen noch ganz am Anfang. Wir wollen das Ökosystem ausbauen und dafür ist es einfach noch nicht genug. Es sollte europäische IPO-Runden geben, bei denen wir viel aktiver mit dabei sind. Deswegen ist es wichtig, den Zugang zu demokratisieren, so wie es in den USA funktioniert.

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Gibt es auf der Gründerseite zu wenig europäische Mentalität? Findet nur die Jagd nach dem ganz großen Geld statt?

Viele Gründer suchen tatsächlich nur noch den Börsengang an der Nasdaq, und es sollte anders sein. Aber die nächste Generation der Gründer sieht das auch so. Wir sollten ihnen Sicherheit geben, damit sie nicht nur etwas tun, das für die Firma gut ist, sondern auch für das Ökosystem. Gründer müssen überlegen, welche Signale sie setzen, wo die Gelder hinfließen und welche Prioritäten sie haben. Dafür ist es wichtig, einen Partner zu haben, der tiefe Wurzeln in Europa hat.

US-Partner gelten als sehr wichtig für die Expansion nach Amerika. Ist das ansonsten eine schwere Angelegenheit?

Absolut, wir haben selbst auch Büros in New York und wollen dort wachsen. Gleichzeitig müssen wir unsere Basis in Europa ausbauen. Es gibt aber einen Wettbewerbsvorteil für europäische Firmen, nämlich dass sie es deutlich leichter haben, sich in den USA niederzulassen, als eine US-Firma, die nach Europa expandieren will, denn der Markt ist hier viel fragmentierter, was eine strukturelle Eintrittsbarriere darstellt.

In Sachen institutionelle Investoren gelten die USA unter anderem als bevorzugt, weil das Pensionssystem anders ist und viel mehr Investitionen möglich sind. Was müsste man in Europa ändern, damit das System so funktioniert wie in den USA?

Das Pensionssystem muss auf jeden Fall geändert werden. Es sind in Europa bereits viele Pensionskassen und Versicherungen bei Investitionen in Private Equity dabei. Der Vermögensaufbau muss vor Ort stattfinden können, jedoch sind wir im Vergleich zu den USA und Asien noch weit hinten. Frankreich hat in Europa hier eine Vorreiterrolle, was vor allem an dem Top-Down-Setup dort liegt. Wenn Emmanuel Macron dort etwas anordnet, passiert das auch, während in Deutschland aufgrund des Bottom-Up-Prinzips alles länger dauert.

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Wie entwickelt sich gerade der Fonds-Markt in Europa?

Es gab in letzter Zeit viele Frühphasen-Fonds, die in kurzer Zeit viel Kapital eingesammelt und dabei viele differenzierte Ansätze gezeigt haben. Vor allem ist Nachhaltigkeit gerade ein sehr wichtiges Thema. Das ist sehr gut, denn je mehr Kapital vorhanden ist, desto mehr Innovationen können gefördert werden.

Es gibt aber gleichzeitig viele Growth Funds, die nur Tickets in der Höhe von 20 bis 30 Millionen Dollar je Investment ausschreiben können. Sie können sich im globalen Wettbewerb so nicht durchsetzen. Es braucht mehr größere Wachstumsfonds in Europa, die große Tickets schreiben können, damit die Firmen auch für die nächsten Runden abgesichert sind.

Der asiatische Markt ist zwar sehr spannend, aber China geht gerade sehr hart gegen große Player vor. Wie wird sich die Lage dadurch weiterentwickeln?

Es wird wahrscheinlich dazu führen, dass in Europa noch mehr Kapital aus Asien investiert wird. Die große Frage stellt sich dann bei der Expansion nach Asien. Es wird dadurch unklar, ob unsere Portfolio-Unternehmen weiterhin nach China gehen würden.

Ist Nachhaltigkeit ein Vertical wie Fintech oder Mobility, oder einfach ein Baustein, den jede Firma künftig haben muss – also Querschnittsmaterie?

Nachhaltigkeit ist für Firmen heute unerlässlich. Wir haben ein eigenes Versprechen abgegeben, dass wir in den nächsten Jahren klimaneutral sein wollen. Bei der Diversity sind wir weit vorne, beim Frauenanteil sind wir auf allen Ebenen bei etwa 50 Prozent und haben eine weibliche CEO. Das wollen wir auch bei unseren Portfolio-Unternehmen durchsetzen, die leider immer noch männlich dominiert sind.

Jedoch ist Nachhaltigkeit aus Investmentperspektive für uns noch kein Vertical. Es fangen aber einige Unternehmen gerade an, die künftig ein Vertical daraus machen könnten. Klar ist aber, dass Unternehmen nicht wettbewerbsfähig sein können, wenn sie nicht nachhaltig sind.

Zum Thema Diversity: Jedes Jahr zeigt sich, dass es immer noch zu wenig Investorinnen und Gründerinnen gibt. Braucht es eine Frauenquote, um das zu ändern?

Ganz offensichtlich, denn wir haben sie nicht und die Szene wird nicht schnell genug diverser. Wir hatten zwar keine dezidierte Quote, aber haben diesen Pull-Effekt, wir haben viele weibliche Manager, was auch ein kompetitiver Vorteil sein kann. Mir fällt es extrem leicht, Frauen einzustellen. Und man findet wirklich tolle weibliche Mitarbeiter. Es ist nur eine Frage des Netzwerks und des Zugangs.

Was ist bei Investments das nächste große Ding in Europa?

Enterprise-Software konnte in Europa viele Erfolge feiern und wird jetzt auch weltweit expandieren. Ebenfalls vielversprechend ist die Automatisierung, wo wir erst am Anfang stehen. Was auch ein großes Thema sein kann, ist Deep Tech. Wir haben jetzt Fokusbereiche, in die wir investieren, die nächsten relevanten Verticals entwickeln sich gerade. Europa ist für Innovationen grundsätzlich gut aufgestellt.

Wir haben die Innovation Hubs, die Unis sowie erfahrene Gründer, die weitere Firmen gründen werden. Auch Kapital ist vorhanden. Nur fehlt uns noch mehr Mut und Entschlossenheit, um weltweit ganz vorne mitzuhalten.

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