Bericht

Bolt: Unser Besuch im Headquarter des estnischen Vorbild-Unicorns

Die verschiedenen Services von Bolt © Bolt
Die verschiedenen Services von Bolt © Bolt

Schreibtische mit verstellbarer Höhe, ein Tischfußball- und Tischtennistisch im Pausenraum, Darstellungen von Memes an den Wänden, der allgegenwärtige Geruch nach Kaffee und sogar gepolsterte Schaukeln, die von der Decke hängen: Alles am Hauptquartier des Mobility-Unternehmens Bolt in Estlands Hauptstadt Tallinn schreit geradezu „Startup-Szene“. Bei unserem Besuch bei dem Vorzeige-Jungunternehmen, das sich im Bereich Mobility seit der Gründung 2013 international massiv etabliert hat, liegt der Vergleich mit dem eigenen Coworking-Space, dem Talent Garden in Wien, recht nahe.

Allerdings ist „Startup“ heute wohl kaum noch das richtige Wort für Bolt. Das estnische Unternehmen, das lange als europäisches Pendant zu Uber galt, ist mittlerweile eine echte Institution, ganz besonders in der Heimatstadt Tallinn. In dieser baltischen Startup-Metropole kann man kaum um eine Ecke zu gehen, ohne ein Taxi mit Bolt-Logo, eine Reihe von E-Scootern des Unternehmens oder Fahrer:innen des Essenslieferdienstes Bolt Food zu sehen. Es handelt sich bei Bolt um ein Paradebeispiel dafür, wie weit es ein Scale-up aus Europa bringen kann.

Bolt: Weitere 628 Millionen Euro für den europäischen Uber-Rivalen

„Bei uns herrscht immer noch Startup-Mentalität“

Heute zählt das Unternehmen über 100 Millionen Kund:innen in mehr als 500 Städten in etwa 45 Staaten. Besonders in Europa und Afrika, aber auch in Mexiko und einigen asiatischen Ländern ist Bolt bereits präsent und beschäftigt mehr als 3.000 Angestellte. Auch in Wien und Salzburg ist es möglich, mit der App der Firma Taxis zu bestellen. Den Unicorn-Status hat die Firma schon lange erreicht, erst Anfang dieses Jahres gab es eine Finanzierungsrunde in Höhe von 628 Millionen Euro, durch die die Bewertung über sieben Milliarden Euro gestiegen ist.

Aus den Kinderschuhen ist das noch nicht einmal zehn Jahre alte Unternehmen also seit Langem herausgewachsen. Dennoch wird der Startup-Spirit immer zu Bolt gehören, versichert Farhad Shikhaliyev, Country Manager Austria, bei unserem Besuch in Tallinn. „Wir sind immer noch weit weg von einem traditionellen Corporate Business. Trotz aller Erfolge herrscht bei uns immer noch die Startup-Mentalität. Es bestehen überall flache Hierarchien, ob in Wien oder in Tallinn. Es wird allen zugehört, Entscheidungen werden bei uns proaktiv gemacht und müssen nicht durch unzählige Abteilungen wandern. Diese Mentalität ist wirklich unsere Seele“, so Shikhaliyev.

Markus Villig, CEO von Bolt. © Bolt
Markus Villig, CEO von Bolt. © Bolt

„Städte für Menschen, nicht für Autos“

In Tallinn ist die Entstehungsgeschichte von Bolt quasi Legende. Markus Villig, der Gründer und CEO, hat das Startup 2013 unter dem Namen „Taxify“ ins Leben gerufen. Sein Ziel war es, den schlechten und überteuerten Taxiservice seiner Heimatstadt zu revolutionieren. Dafür hat er persönlich unzählige von Taxifahrer:innen angesprochen und von der Idee überzeugt, auf einer App ihre Fahrten zu organisieren. Der Rest ist Geschichte: Heute bietet Bolt einen Service, an dem sich viele Taxiunternehmen beteiligen, Essens- und Lebensmittellieferungen, Mikromobilität in Form der E-Scooter sowie einen neuen Carsharing-Service namens Bolt Drive, den es bislang nur in Estland und Lettland gibt, der aber bald in weitere Regionen kommen soll.

All diese Dienste sollen sich in einer „Super-App“ versammeln, auf der sie alle unkompliziert abrufbar sind. Das große Ziel hinter all dem: „Städte, die für Menschen gemacht sind, nicht für Autos“, erklärt Nikita Utkins, Expansion Manager des Unternehmens. „Menschen verbringen vor allem in Städten viel zu viel Zeit im eigenen Auto. Indem wir verschiedene Mobilitätskonzepte an einem Ort zur Verfügung stellen, wollen wir die Menschen zunehmend dazu bringen, ihre Autos aufzugeben. Vor allem für die Umwelt ist das ein massiver Vorteil“, so Utkins.

Ein Bolt-Taxi © Bolt
Ein Bolt-Taxi © Bolt

Nicht mehr nur noch der „Uber-Konkurrent“

Mit diesen Konzepten hat Bolt bereits eine Reihe von großen Erfolgen gefeiert und muss sich vor dem ewigen US-Rivalen Uber nicht verstecken. „Einer der größten Erfolge in unserer Geschichte war der Moment, als die Medien aufgehört haben, uns immer nur den ‚Uber-Konkurrenten‘ zu nennen (das hat Trending Topics auch schon öfter getan, Anm. d. Red.). Wir sind mittlerweile ein stark etabliertes Unternehmen und haben unsere eigenen Märkte erschlossen“, freut sich Utkins.

Somit ist Bolt heute das Paradebeispiel für die starke Startup-Szene in Estland geworden. Der ehemalige Sowjetstaat hat sich seit den 90er Jahren in der digitalen Transformation sehr stark hervorgetan und sich heute als wichtiger europäischer Hub für Jungfirmen etabliert. Estland war das erste Land der Welt, das den Übergang zum E-Government vollzog, indem es vor etwa 20 Jahren mit der Einführung von X-Road dezentrale öffentliche und private Datenbanken auf nationaler Ebene interoperabel machte.

Estland ist Paradies für Unternehmen

Infolgedessen hat der baltische Staat praktisch alle physischen Papierdokumente aus den Behördenprozessen entfernt. Heute müssen Bürger:innen hauptsächlich nur noch persönlich erscheinen, um zu heiraten oder sich scheiden zu lassen. Alles andere kann online erledigt werden. Besonders für Online-Unternehmen ist das Land ein echtes Paradies. Im Jahr 2014 wurde eine neue digitale ID für Nicht-Est:innen eingeführt, die es ihnen ermöglicht, ohne den üblichen bürokratischen Aufwand eine Firma im Land zu gründen. Diese virtuellen E-Residents müssen nicht in Estland leben und genießen nicht die vollen Rechte der Staatsbürgerschaft. Doch einer Gründung steht damit keine komplizierte Bürokratie mehr im Weg.

Für den digitalen Sektor war das ein großer Erfolg. Laut der Baltic Times haben ausländische E-Residents bisher mehr als 18.000 Unternehmen in Estland gegründet. Die heimischen Jungfirmen können sich mehr als sehen lassen. Bislang gibt es bereits zehn Unicorns, die entweder in Estland oder von Foundern aus dem Land gegründet wurden. Neben Bolt zählen dazu natürlich der heute zu Microsoft gehörende Messaging-Dienst Skype, das mittlerweile in London basierte Fintech Wise, dessen estnischer Standort übrigens genau neben dem Hauptquartier von Bolt liegt, das Glückspielunternehmen Playtech sowie die SaaS-Firma Pipedrive.

In Tallinn ist diese Modernisierungswelle sehr zu spüren. Die Stadt hat durch sie viele verschiedene Gesichter erhalten. Von der historischen Altstadt, die ein mittelalterliches Flair ausstrahlt, über die tristen Gemeindebauten aus der Sowjetzeit bis hin zu den hochmodernen Gebäuden, die statt auf Beton eher auf Glas- und Holzverkleidungen setzen, zieht sich die Geschichte der Stadt durch ihre ganze Skyline hindurch. In Gesprächen mit dem Bolt-Team zeigt sich, dass die Stadtbevölkerung heute sehr international ist. Tallinn ist daher eine Stadt, die sich ständig weiterzuentwickeln scheint.

Bolt: Das „europäische Uber“ fasst in Salzburg Fuß

Modernes Hauptquartier in Tallinn

Doch zurück zu Bolt selbst. Das Headquarter bietet heute viele Dinge, die man sich von einem modernen Jungunternehmen erwartet. So finden wir beim Besuch in der Caféteria sofort eine interne Pizzaparty vor, wo sich die Belegschaft eine Pause gönnt. In den oberen Stockwerken dagegen ist Produktivität angesagt. Hier können Angestellte ihre eigenen Sitzplätze reservieren, auch wenn laut Nikita Utkins viele davon frei verfügbar sind. Mit der Corona-Pandemie sind viele Mitarbeiter:innen ins Home Office gegangen, was Bolt nach eigenen Angaben auch heute noch stark unterstützt.

Es gibt neben den gewöhnlichen Tischen sogar schallisolierte Kammern in der geschätzten Größe von Telefonzellen, in denen intensives Arbeiten und ungestörte Calls möglich sein sollen. Über Slack-Kanäle findet dem Unternehmen zufolge jede Menge internationale Zusammenarbeit innerhalb von Bolt statt. Typisch für Estland gibt es im Hauptquartier sogar eine eigene Sauna, in der offenbar schon so manches Business-Meeting stattgefunden hat.

Bolt-Headquarter in Tallinn © Bolt
Bolt-Headquarter in Tallinn © Bolt

Bolt kämpft um junge Talente

Wie viele andere junge EU-Unternehmen muss auch Bolt derzeit immer wieder um Talente kämpfen. „Es ist nicht immer leicht, Arbeitskräfte aus dem Ausland nach Tallinn zu holen. Die Stadt ist nämlich acht Monate im Jahr kalt und dunkel. Doch es gibt eine Reihe an Benefits für diejenigen, die es doch hierher zieht. Die Regierung unterstützt diese Angestellten mit Sprachkursen, wo sie Estnisch lernen können. Sie schickt auch alle paar Monate eine Mail an sie und erkundigt sich, wie es ihnen hier geht“, erzählt Utkins. An dieser Praxis könnte sich zum Beispiel Österreichs Regierung ruhig etwas abschauen.

Nicht erschüttert wirkt Bolt durch die vielen Krisen, die sich derzeit anbahnen. Dazu gehört der Ukraine-Krieg: Tallinn liegt zwar nur etwa 300 Kilometer von Sankt Petersburg entfernt, noch weniger von der Grenze zu Russland, dennoch gibt man sich unbesorgt. Estland gehört immerhin schon seit 2004 zur EU und auch zur NATO. Deshalb sieht man die direkte Gefahr durch Russland als eher gering. Allerdings arbeiten bei Bolt in Tallinn mittlerweile auch viele Geflüchtete aus der Ukraine.

Energiekrise ist große Herausforderung

Deutlich härter treffen Bolt dagegen die Energiekrise und die immer weiter steigende Inflation. Denn die Fahrzeuge von Bolt brauchen natürlich entweder Benzin oder Strom – beides Ressourcen, die derzeit immer teurer werden. Aber auch hier gibt sich das Unternehmen zuversichtlich, denn es unterhält Partnerschaften mit Energieriesen wie Shell oder BP, was den Zugang zu Preisnachlässen ermöglicht. Dennoch muss das Scale-up teilweise seine Preise erhöhen. Das ist zum Beispiel jetzt schon temporär der Fall, wenn User:innen der App zu Stoßzeiten ein Taxi bestellen. Hier gibt die App über eine erhöhte Nachfrage und die Verteuerung Bescheid. Solche Stoßzeiten können erfahrungsgemäß aber schon nach zehn Minuten wieder vorbei sein.

Eine weitere Herausforderung für Bolt sind die Lieferkettenprobleme, die besonders den Umstieg auf die E-Mobilität deutlich verlangsamen. In Österreich sind zum Beispiel bislang nur etwa 60 Prozent der Taxis E- oder Hybridfahrzeuge, was sich in Zukunft ändern soll. Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage hat Bolt große Zukunftspläne. Dazu gehören neue Features sowie vor allem lokale Expansionen in den bereits erschlossenen Ländern.

Carsharing-Dienst Bolt Drive soll „Super-App“ ergänzen

Das große neue Feature, das Bolt in Zukunft überall ausrollen will, ist der Carsharing-Dienst Bolt Drive. Dieser ist bereits in Tallinn etabliert. Dieser Service bietet die Möglichkeit, in der App des Unternehmens ein Auto in der Nähe zu finden und es sich auszuleihen. Dafür müssen die User:innen lediglich ein Bild ihres Führerscheins hochladen. Wie üblich funktioniert hier alles in der App selbst, vom Aufschließen der Autos bis hin zur Abrechnung.

Fahrer:innen können mit den Autos überall hinfahren – beispielsweise können sie von Tallinn aus die Fähre nach Helsinki nehmen – solange sie die Fahrzeuge wieder in der Zone abstellen, wo sie sie ausgeliehen haben. Abgerechnet wird entweder in Minuten, Stunden oder Tagen. Die Preise reichen von 15 Cent pro Minute bis hin zu 30 Cent pro Minute. In Zukunft will Bolt den Carsharing-Dienst auch in anderen Ländern ausrollen. „Es gibt hier großes Wachstumspotenzial für uns. Ein ganzheitliches Mobilitätssystem mit unterschiedlichen Möglichkeiten macht es immer attraktiver, das eigene Auto aufzugeben und stattdessen unser System zu verwenden“, meint Farhad Shikhaliyev.

Bolt-E-Scooter: In Tallinn praktisch allgegenwärtig © Bolt

Sicherheit ist wichtiges Sujet

Auch bei der Sicherheit will das Mobility-Unternehmen viele Neuheiten bieten. Dazu gehören beispielsweise Dashcams an den Fahrzeugen, die mit den IoT-Diensten von Bolt verbunden sind. Dadurch will die Firma lernen, wie sich aggressives Verhalten bei den Fahrer:innen vermeiden lässt. Ebenfalls mit einem Bewertungssystem des Fahrstils durch die App experimentiert das Unicorn derzeit. Neben den neuen Features arbeitet Bolt auch an der regionalen Expansion, unter anderem im Österreich. Erst dieses Jahr gab es den Launch in Salzburg, in naher Zukunft soll eine weitere Stadt hinzukommen.

Apropos Sicherheit: Ein immer wieder aufkommender Streitpunkt sind in vielen Ländern die E-Scooter, deren regulatorische Befindlichkeit oft sehr unklar ist. Hier arbeitet Bolt nach eigenen Angaben mit den lokalen Behörden zusammen und hofft darauf, dass die Politik bei der Gesetzgebung bald mehr Klarheit schafft. Auch bemüht sich das Unternehmen nach eigenen Angaben, bei Events Helme auszuteilen, um diese Scooter-Fahrer:innen nahezulegen. Das ist auch bitter nötig, denn auf den Straßen sind Menschen auf E-Rollern mit Helm eine echte Seltenheit.

Paradebeispiel für modernes europäisches Unternehmen

Was Bolt auch sehr wichtig ist, ist der zunehmende Wechsel zur E-Mobilität. Wie schon erwähnt, gibt es hier aufgrund von Lieferkettenproblemen und Preiserhöhungen eine Reihe an Herausforderungen. Aber Farhad Shikhaliyev ist sich sicher, dass diese Probleme den Wandel nur verlangsamen und nicht aufhalten können. Ab 2035 dürfen Neuwagen in der EU sowieso keinen Verbrenner-Antrieb mehr haben. „Wegen dieser Entscheidung produzieren Autohersteller jetzt schon weniger Autos mit Verbrenner-Motoren. Man sieht bereits bei den Taxiunternehmen, die in Wien mit uns kooperieren, dass immer mehr Hybridfahrzeuge zum Einsatz kommen. Die Mobilitätswende findet also trotz allem eindeutig statt und ist unaufhaltbar“, so Shikhaliyev.

Der Besuch bei Bolt in Tallinn hat gezeigt, wie ein modernes europäisches Unternehmen, das seinen Anfang als Startup genommen hat, aussieht. Trotz hoher Finanzierungsrunden und Expansion über viele Länder hinweg müssen der Startup-Spirit und der Wille zur Innovation laut Shikhaliyev immer noch erhalten bleiben. Die Atmosphäre in den Büros des Hauptquartiers sowie auch die ausgelassene Pizza-Party lassen erkennen, was mit diesem Spirit gemeint ist. Trotz der vielen Krisen scheint Bolt seinen Weg weiter gehen zu wollen und bleibt, wie schon bei der Gründung 2013, auf dem Wachstumskurs. Damit kann Bolt nicht nur Estland, sondern auch in Europa als ein wichtiges Beispiel für die Zukunft der Startup-Szene gelten.

Bolt-Headquarter in Tallinn © Bolt
Bolt-Headquarter in Tallinn © Bolt
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