Hintergrund

Carbon Capture: Kritik an den CO2-Saugern wird nach Milliardeninvestitionen lauter

Carbon Capture and Storage-Anlage. © Climeworks
Orca ist die momentan größte "Direct Air Capture"-Anlage der Welt. © Climeworks

Vereinfacht gesagt gibt es zwei Strategien, um CO2 in der Atmosphäre zu bekämpfen und so die Klimakatastrophe zu stoppen. Erstens: Man verursacht weniger CO2. Und zweitens: Man versucht, möglichst viel CO2 wieder aus der Atmosphäre zu bekommen. Das kann durch Wiederaufforstung von Wäldern, Algenfarmen und Revitalisierung von Mooren geschehen, aber auch durch Technologie. Carbon Capture-Tech verspricht, vereinfacht gesagt, CO2 direkt aus der Luft (Direct Air Capture, DAC) oder von den CO2-Quellen (z.B. Fabriken) abzusaugen. Das CO2 kann dann etwa in die Erde gepumpt werden, manche Startups arbeiten auch daran, es für die Produktion von Zement, Tierfutter oder sogar Parfum einzusetzen.

Deswegen haben sich gerade im letzten Jahr Investor:innen und Regierungen auf das Thema gestürzt. Die US-Regierung unter Joe Biden hat im Mai 2022 bekannt gegeben, mit einer Finanzierung von 3,5 Milliarden Dollar vier DAC-Hubs in den Vereinigten Staaten aufbauen zu wollen; die Google-Mutter Alphabet, die Facebook-Mutter Meta, das E-Commerce-Unternehmen Shopify, der Zahlungsdienstleister Stripe und die Beratungsfirma McKinsey wollen bis 2030 gemeinsam etwa 850 Millionen Euro in Tech zur CO2-Entfernung investieren; das Schweizer DAC-Startup Climeworks von großen Investoren wie Partners Group, GIC, Baillie Gifford, Carbon Removal Partners, Global Founders Capital oder Swiss Re dieses Jahr fast 600 Millionen Euro für die Weiterentwicklung erhalten; und die Elon Musk Foundation vergibt 100 Millionen Dollar für neuartige Carbon-Removal-Projekte.

Kann man das Klima retten, indem man CO2 aus der Luft zieht?

Ursprung in den 1970ern der Ölindustrie

Die Hoffnungen, dass Carbon Capture einmal viel CO2 aus der Luft filtern und anschließend sogar wieder verwerten kann, sind groß. Die Internationale Energieagentur (IEA) hält Carbon-Capture-Tech gar für notwendig, um die Klimaziele 2050 zu erreichen – und fordert Regierungen dazu auf, mehr in den Bereich zu investieren. „Im Jahr 2050 kommt fast die Hälfte der Reduktionen von Technologien, die sich derzeit erst in der Demonstrations- oder Prototypen-Phase befinden. Dies erfordert, dass die Regierungen ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung – sowie für die Demonstration und den Einsatz von sauberen Energietechnologien – schnell erhöhen und neu priorisieren und diese in den Mittelpunkt der Energie- und Klimapolitik stellen“, hieß es im Mai 2021 in einem Report namens „Net Zero by 2050“.

Seither sind die Investitionen in Carbon Capture sprunghaft angestiegen. Doch je mehr Geld in die Entwicklung der Technologie fließt, umso lauter werden auch die Kritiker:innen. Und sie verweisen darauf, dass man es bei der Technologie eigentlich gar nicht mit etwas spektakulär Neuem zu tun hat, sondern eigentlich mit einer Technologie, die es schon seit den 1970ern gibt. Damals arbeiteten Öl- und Gasunternehmen bereits an chemischen Verfahren zur Abtrennung von Kohlendioxid aus gewonnenen Gas. Man versuchte damals, das CO2 in die Ölfelder zurück zu leiten, um mehr Öl aus dem Boden zu holen. Jahrzehnte später wird die Grundidee recycelt, diesmal zur Bekämpfung der Klimakrise.

Wie grüne Steine zu einem der wichtigsten CO2-Speicher werden können

Je größer die Projekte, desto eher scheitern sie

Weil die Technologie bereits seit vielen Jahren im Einsatz ist, gibt es auch Erfahrungswerte. Eine Ende 2021 veröffentlichte Studie zu so genannte „Carbon Capture, Utilization and Sequestration“ (CCUS) kommt zu einem ernüchterndem Ergebnis. Untersucht wurden 263 CCUS-Projecte zwischen 1995 and 2018. „CCUS ist eine der wichtigsten sauberen Technologien, doch die meisten CCUS-Projekte, die in den letzten drei Jahrzehnten initiiert wurden, sind gescheitert“, heißt es seitens der Studienautor:innen Nan Wang, Keigo Akimoto und Gregory F.Nemet. „Die Ergebnisse zeigen, dass größere Anlagen das Risiko erhöhen, dass CCUS-Projekte abgebrochen oder auf Eis gelegt werden; eine Erhöhung der Kapazität um 1 Mio. Tonnen CO2/Jahr erhöht das Risiko eines Scheiterns um fast 50 Prozent.“ Bedeutet im Klartext: Je größer Anlagen gebaut werden, umso größer die Gefahr, dass sie nicht funktionieren.

Weitere Kritikpunkte: hohe Kosten von vielen Millionen oder gar Milliarden Dollar für Anlagen, von denen man nicht weiß, ob sie jemals auch ihre hochgesteckten Ziele erreichen können. „Die Vorstellung, dass dies die Lösung für das globale Problem der massiven Emissionen und des sich beschleunigenden Klimawandels sein wird, wird von der Realität nicht bestätigt“, sagt etwa Nikki Reisch, Direktorin für Klimaprogramme am Center for International Environmental Law, gegenüber der Washington Post. „Es ist leider ein attraktiver Mythos der Ölindustrie, um die Idee aufrechtzuerhalten.“

Beispiel Climeworks: Das Schweizer Jungunternehmen ist der Star der Carbon-Capture-Industrie und zeigt mit dem Standort „Orca“ in Island, wie die CO2-Staubsauger in der Praxis funktionieren können. In Zusammenarbeit mit dem isländischen Startup Carbfix sollen am Standort jedes Jahr 4.000 Tonnen CO2 aus der Luft gesaugt und tief in den Boden injiziert werden, um das CO2 zu mineralisieren. Hört sich nach viel an, ist aber nur in etwa die Menge an CO2, die 870 Autos an Emissionen verursachen. Um einer Stadt wie Wien mit rund 725.000 KFZ das CO2 des Autoverkehrs abzusaugen, wären riesige Anlagen notwendig. Wenn man sich die Probleme bei Ausbau von Windrädern und Solaranlagen vergegenwärtigt – auf welchen Widerstand würden da dann DAC-Anlagen wie jene oben am Bild stoßen?

Island: Carbfix und Climeworks starten weltweit größte Direct Air Capture-Anlage „Orca“

Carbon Capture macht erst mit Erneuerbarer Energie Sinn

Auch das deutsche Bundesumweltamt bremst die hohen Erwartungen an Carbon Capture und hat zu mehreren Problemfeldern Stellung bezogen. Ein besonders großes ist, dass Carbon Capture and Utilization (CCU, also Abscheidung, Transport und anschließende Nutzung von Kohlenstoff) selbst sehr viel Strom braucht, um zu funktionieren. „CCU benötigt sehr viel Energie. Solange diese Energie wie bisher noch zu einem größeren Teil aus fossilen Rohstoffen wie Kohle oder Gas stammt, wird die Weiternutzung der Emissionen mittels CCU hochgradig ineffizient und klimaschädlich. Fossile Brennstoffe würden dann über einen großen Umweg wieder zu Brennstoffen. Dies hat keine energetischen Vorteile und führt unweigerlich zu einer erheblichen Mehremission von Treibhausgasen. Daher sollte CCU erst ab einem sehr hohen Anteil erneuerbarer Energien im Stromsystem angewendet werden (Größenordnung von über 80 %). Alles andere würde die kurz- und mittelfristigen Klimaschutzziele gefährden.“

Einsetzbar ist Carbon Capture sinnvoll also erst in Wirtschaftssystemen mit einem Anteil von Erneuerbaren Energien bei 80 Prozent. „CCU in Verbindung mit fossilen Treibhausgasemissionen kann keinen nachhaltigen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Dies gilt auch für unvermeidbare Treibhausgasemissionen aus der Industrie. Unabhängig davon, wie oft der fossile Kohlenstoff wiederverwendet wird, führt dies – am Ende einer Mehrfachnutzung – immer zu einer zusätzlichen Treibhausgasemission in die Atmosphäre und trägt damit zum Klimawandel bei“, heißt es weiter. „Dabei sind nur CCU-Maßnahmen, deren Energiebedarf ausschließlich mit erneuerbaren Energien gedeckt wird und die ausschließlich atmosphärischen Kohlenstoff nutzen als treibhausgasneutral zu bewerten.“

Und da sind selbst Länder wie Schweden, Finnland, Lettland oder Österreich mit sehr hohen Anteilen Erneuerbarer Energie noch ein gutes Stück entfernt.

Island: Carbfix und Climeworks starten weltweit größte Direct Air Capture-Anlage „Orca“

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