Interview

„Deutet alles daraufhin, dass LUNA und UST Opfer eines gezielten Angriffes waren“

© Micah Williams on Unsplash / Terraform Labs
© Micah Williams on Unsplash / Terraform Labs

Es ist einer der größten Crashs, den die Krypto-Industrie bisher erlebte. Vor den Augen der Weltöffentlichkeit ist der „Stablecoin“ UST und der damit verbundene Krypto-Token LUNA kollabiert – und das Blockchain-Projekt Terra steht vor dem Ende. Das trifft die Fans von Terra, die so genannten LUNAtics, besonders hart.

Einer der LUNAtics ist der Grazer Unternehmer Lukas Götz, der bei seinem Krypto-Projekt Brokkr Finance unter anderem auch auf die Terra-Blockchain setzte. Im Interview gibt er Einblick in die dramatischen Ereignisse, die zum Kollaps von UST und LUNA führten.

Trending Topics: Du bist bekennender LUNAtic, also Terra-Fan gewesen. Wie schmerzhaft ist dieser Crash für dich?

Lukas Götz von Brokkr Finance. © L. Götz
Lukas Götz von Brokkr Finance. © L. Götz

Lukas Götz: Für viele Leute im Terra-Ökosystem waren die Ereignisse der letzten Woche ein Schock. Das Risiko eines “de-pegs”, also der Preisabweichung des Terra-Stablecoins UST von $1, war immer bekannt. Das extreme Ausmaß und die Geschwindigkeit überraschte jedoch viele. LUNA, UST und die Terra-Blockchain sind so gut wie tot.

Warum ist dieses System so schnell in sich zusammengebrochen? Wie liegt der grundlegende Fehler?

Die Werte von LUNA und UST sind über einen Algorithmus miteinander verbunden. Bei großer Nachfrage von UST wurde LUNA zerstört und UST erzeugt. Im umgekehrten Fall, nämlich einer sinkenden Nachfrage von UST, wurde UST zerstört und LUNA erzeugt. Bisher funktionierte dieses System weitestgehend und UST konnte stabil bei einem Wert von $1 gehalten werden. In der Vergangenheit scheiterten auch bereits andere algorithmische Stable-Coins. Bei LUNA/UST war die große Hoffnung ein nun funktionierendes System gefunden zu haben. Dem war jedoch nicht so.

In welchem Zusammenhang steht der Kollaps zum Einbruch am gesamten Krypto-Markt? Ist das zufällig zeitgleich passiert, oder hat das eine das andere beschleunigt?

Neben Zinserhöhungen durch Notenbanken wirkte mit Sicherheit auch der LUNA-Kollaps sich negativ auf den gesamten Krypto-Markt aus. Zum einen durch viele negative Meldungen, welche zu Verunsicherung und Verkäufen führte. Zum anderen wurden auch beträchtliche Mengen an Bitcoin verkauft, um den Abschwung von UST aufzuhalten.

Terra-Blockchain, LUNA und Stablecoin UST sind tot

Welche Rolle spielte das Anchor Protocol, das sehr hohe Zins-ähnliche Erträge für das Verleihen von UST brachte, in diesem Zusammenbruch?

Anchor war das meistgenutzte Protokoll der Terra-Blockchain. Das Versprechen einer bis zu 20%-igen Verzinsung auf einen Stablecoin zu erhalten, lockte viele neue Nutzer an. Zu Spitzenzeiten wurden dort UST im Wert von mehr als 14 Milliarden Dollar hinterlegt. Dass dieses System jedoch nicht nachhaltig ist, war offensichtlich. Der Zusammenbruch von Terra kam geeigneten und bereits beschlossenen Maßnahmen wie beispielsweise der schrittweisen Verringerung der Verzinsung zuvor.

Terraform Labs-Gründer Do Kwon dürfte geahnt haben, dass LUNA zu instabil ist, und versuchte dann durch den Zukauf von Bitcoin um viele Milliarden US-Dollar die Angelegenheit zu retten. Woher hatte er bzw. die Luna Foundation Guard (LFG) eigentlich so viel Kapital?

Die LFG erhielt Anfang diesen Jahres eine Finanzierung in Höhe von 1 Milliarde Dollar. Unter den Investoren befanden sich bekannte Namen wie Three Arrows Capital oder Jump Crypto. Zusätzlich stellte Terraform Labs (sozusagen das Founder-Unternehmen von Terra), LUNA im Wert von 4 Milliarden Dollar zur Verfügung.

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Es wird spekuliert, dass Shortseller auf den Zusammenbruch von LUNA und UST wetteten und zum Kollaps beigetragen haben könnten. Unterstellt wird BlackRock und Citadel, eine Rolle gespielt zu haben. Stimmt das, und wenn ja – wie funktioniert ein solcher Angriff auf eine Kryptowährung?

Es deutet alles daraufhin, dass LUNA und UST Opfer eines gezielten Angriffes waren. Mit einigen hundert Millionen UST wurde der $1 PEG geringfügig verändert. Daraufhin begann die Luna Foundation Guard, Bitcoin am Markt zu verkaufen, um den UST zu stabilisieren. Ein erhöhtes Bitcoin-Verkaufsvolumen sorgte wiederum für fallende Bitcoin-Preise, was, so scheint es, den Short-Sellern in die Karten spielte. Das erschreckende dabei: Für den gesamten Angriff reichten Assets im Wert von „nur“ 4 Milliarden Dollar, um das gesamte Terra-Ökosystem zu Fall zu bringen, welches zum Höchststand eine Marktkapitalisierung von knapp 60 Milliarden Dollar aufwies.

Auf Twitter, Telegram und Co. wird wild spekuliert, wer hinter dem Angriff stehen kann. Unterstellt wird Blackrock und Citadel Securities, eine Rolle gespielt zu haben, beied haben dementiert. BlackRock ist jedoch ein Investor in Circle, das den Stablecoin USDC anbietet. Es wäre also im Interesse von BlackRock, einen aufstrebenden Rivalen am Markt auszuschalten?

USDC ist mit Sicherheit der Profiteur aus dem Niedergang von UST. Meiner Meinung nach hat jedoch der gesamte Krypto-Space einen der wichtigsten Innovationstreiber der letzten Jahre verloren, was jedem schadet, der in dem Bereich aktiv ist – egal ob in LUNA/UST investiert oder nicht. 2021 ist Iron Finance kollabiert, jetzt Terra mit LUNA und UST.

Ist damit die Sache eines algorithmischen Stablecoins endgültig abgehakt?

Eine Eigenschaft, die ich an Krypto so sehr liebe, ist wie man mit herben Rückschlägen umgeht. Davon gab es in den letzten 15 Jahren seit der Einführung von Bitcoin ja bereits unzählige. Aus jeder „Krypto ist tot“-Schlagzeile ging man gestärkt hervor, antwortete mit Innovationen, neuen Konzepten und einem noch klareren Bild der Zukunft. Ich bin davon überzeugt, dass da draußen schon wieder geniale Teams ihre Köpfe zusammenstecken und daran tüfteln, wie unsere Welt von morgen aussehen soll – auch in Bezug auf algorithmische Stablecoins. Also, nein, das Thema sehe ich nicht als abgehakt.

Wie tragisch ist der Fall von Terra für die restliche Krypto-Welt?

Aktuell scheint man es zu verkraften, die Kurse ziehen nach dem Crash wieder an. Den Verlust sehe ich weniger in den Preisen, die sich wie erwähnt bereits wieder erholen. Vielmehr verliert die Krypto-Welt ein Leuchtturmprojekt sowie viele Projekte die auf einen dezentralen Stablecoin gebaut haben. Das bedeutet nun erst einmal für viele eine Standortbestimmung und Neuorientierung. Bei unserem Projekt Brokkr Finance geht es uns gleich. Terra war ein wichtiger Bestandteil. Nun heißt es Alternativen zu finden, um dann wieder voll durchstarten zu können.

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