Personalie

Herbert Diess hat VW gepusht – und jetzt pusht VW den Österreicher

herbert Diess, Vorsitzender des Vorstands der Volkswagen AG. © Volkswagen
herbert Diess, Vorsitzender des Vorstands der Volkswagen AG. © Volkswagen

Er war der CEO, der sich mit Elon Musk traf und Selfies mit seinem Hauptkonkurrenten postete, der die eigene Tochterfirma wegen einer nicht optimalen Ladestation öffentlich kritisierte und der, der den E-Fuels und die Brennstoffzelle abtat. Herbert Diess war eine Zeit lang das Gesicht der Mobilitätswende der deutschen Autoindustrie. Aber jetzt ist der Österreicher, der zeitlebens in Deutschland arbeitete, gegangen – oder eher: gegangen worden.

Denn bereits ab dem 1. September 2022 wird Oliver Blume, bisher CEO der VW-Marke Porsche, das Steuer übernehmen. Er wird dabei dann bald die Geschicke von Volkswagen leiten, aber auch bei Porsche, das als eigenes Unternehmen an die Börse gebracht werden soll, an der Spitze bleiben. Mit dem Österreicher Diess, der vor Volkswagen lange bei BMW war, einigte sich der deutsche Konzern einvernehmlich.

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Diess hätte die „Transformation des Unternehmens maßgeblich vorangetrieben“ und den Konzern und seine Marken „zukunftsfähig aufgestellt“. Dass er den Konzern seit 2018 durch „extrem schwieriges Fahrwasser“ leitete, deutet aber auch darauf hin, dass man es ihm nicht mehr zutraue, weiter das Lenkrad der Wolfsburger in der Hand zu haben.

Tatsächlich sprechen Insider von einem „glatten Rauswurf“ (via Handelsblatt). Warum? In den ersten Jahren hat Diess eigentlich viel vorangebracht – unter anderem die starke Ausrichtung auf Elektromobilität (der ID.3 wurde gar als der dritte große Wurf nach dem Käfer und dem Golf verkauft) und Batterieproduktion (u.a. in Partnerschaft mit dem schwedischen Scale-up Northvolt, Trending Topics berichtete). Wenn man Diess sprechen hörte (u.a. 2021 in Alpbach), dachte man eher, einen Silicon-Valley-CEO vor sich zu haben als einen Chef eines Traditionskonzerns deutscher Bauart.

VW-Chef Herbert Diess über Wasserstoff, Atomstrom und das Geschäftsmodell der Zukunft

Doch mehrere Dinge sollen Diess schließlich das Genick bei VW gebrochen haben. Paradebeispiel für den nicht sonderlich kompromissbereiten Manager ist Folgendes: Zum einen gab Diess bei der Software-Tochter Cariad die Vorgabe aus, dass VW mit 10.000 Entwickler:innen einen Großteil des Codes, der künftig Autos antreibt, selbst entwickeln wird, um sich nicht Apple (Car) und Google (Auto) ausliefern zu müssen. Doch bald merkte man in der Öffentlichkeit, dass beim Betriebssystem VW.OS dann trotzdem Google-Software mitfährt (Trending Topics berichtete).

Generell gilt Cariad, 2020 eingerichtet, mittlerweile als Milliardenloch für den Konzern. Es mussten 100 verschiedene Unternehmenskulturen unter einen Hut gebracht werden, weil man Entwickler:innen von Porsche, VW, Audi, Tesla, SAP und so weiter zusammenbrachte. Resultat: Verzögerungen bei der Software, bemerkbar etwa bei den sehr holprigen Markteinführungen von Golf 8 und ID.3. Man kann sich vorstellen, wie hart da nicht nur die externe, sondern auch die interne Kritik war.

Zweiter Stolperstein von Diess: der mächtige Betriebsrat bei WV. Der österreichische Manager schockte nicht nur Wolfsburg, sondern ganz Deutschland 2021 mit dem Gedankenspiel, man müsste vielleicht bis zu 30.000 Mitarbeiter:innen bei VW einsparen. Keine Frage, wie das bei der Belegschaft, beim Betriebsrat und bei der Vorsitzenden Daniela Cavallo ankam. Diess musste später zurückrudern und öffentlich sagen, dass kein Stellenabbau geplant sei.

Cariad: Bei VW.OS fährt trotzdem auch ein bisschen Google-Software mit

China und zu wenig Team-Player

Zusätzlich gab es auch externe Gründe. So wird Diess angelastet, dass das China-Geschäft eingebrochen ist. Der Absatz der Volkswagen-Gruppe auf dem weltgrößten Automarkt ist 2021 um 14 Prozent eingebrochen, weswegen dann zuerst Alexander Seitz an der Spitze von VW China durch Ralf Brandstätter abgelöst wurde. Grund waren Engpässe bei Chips und Lieferkettenprobleme, die VW besonders hart trafen.

Diess‘ Nachfolger Blume ist seit 1994 im Konzern und zeigte auf, indem er Porsches E-Auto Taycan wider Erwarten zu einem Erfolg machte. Die Mehrheitseigentümer von VW, die Familien Porsche und Piech, sehen in Blume nun einen, der „Kundenorientierung sowie die Positionierung der Marken und Produkte weiter schärfen“ könne – und einen, bei dem der „Teamgedanke in den Mittelpunkt“ gestellt wird. Bedeutet auch: Diess war zu einzelgängerisch, und Blume wird wohl versöhnlicher auftreten müssen als sein Vorgänger.

Bedeutet unterm Strich: Diess hat VW nach dem Dieselskandal ab 2018 den nötigen tritt in den Hintern verpasst, um sich schneller zu E-Mobilität zu entwickeln und zukunftsfitter aufzustellen. Doch am Ende war das den Wolfsburgern zu flott. Wie Blume dem internationalen Konkurrenzdruck mit den Eigentümerfamilien, dem Betriebsrat und den Software-Problemen entgegen halten kann, muss er zeigen. Erste Bewährungsprobe: Der Börsengang von Porsche.

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