Zahlen

Open-Weight-Modelle aus China erobern immer größere Anteile der KI-Nutzung

ChatGPT vs. DeepSeek. © Unsplash
ChatGPT vs. DeepSeek. © Unsplash

Zwei der wichtigsten Datenquellen für den tatsächlichen KI-Einsatz in Produktivumgebungen zeichnen derzeit dasselbe Bild: Offene KI-Modelle, deren Gewichte frei verfügbar sind, übernehmen einen rasant wachsenden Anteil der weltweit verarbeiteten Tokens – und der Großteil dieser Modelle stammt aus China. Das zeigen sowohl der aktuelle Production Index des Vercel AI Gateway als auch die Nutzungsdaten der Modell-Plattform OpenRouter. Beide Datensätze haben allerdings eine wichtige Einschränkung: Sie bilden nur einen Ausschnitt des Marktes ab.

Jedenfalls: „Der Preis wird zunehmend zum entscheidenden Kriterium. Wenn eine Aufgabe nicht das leistungsstärkste Modell erfordert, setzen Unternehmen zunehmend auf die kostengünstigste Alternative, die ihren Anforderungen genügt. Von diesem Trend profitieren derzeit insbesondere die neuen Open-Source-Modelle aus China. Gleichzeitig bleibt für unsere Kunden der Schutz sensibler Daten und die Frage der Datenresidenz weiterhin an oberster Stelle, wenn sie den produktiven Einsatz solcher Modelle erwägen“, meint Harpreet Arora, Head of Agentic Infrastructure bei Vercel.

Vercel AI Gateway: 29 Prozent der Tokens, aber nur 4 Prozent der Ausgaben

Laut dem im Juli veröffentlichten Production Index des Vercel AI Gateway, über das monatlich zig Billionen Tokens zwischen Unternehmensanwendungen und KI-Anbietern geroutet werden, liefen im Juni 2026 bereits 29 Prozent aller Tokens über Open-Weight-Modelle – im April waren es noch 11 Prozent. Der Anteil hat sich damit binnen zwei Monaten fast verdreifacht. Bemerkenswert ist das Verhältnis von Volumen zu Kosten: Auf die offenen Modelle entfallen zwar knapp ein Drittel der Tokens, aber weniger als 4 Prozent der Ausgaben.

Größter Treiber ist DeepSeek. Das chinesische KI-Labor kommt auf dem Gateway mittlerweile auf 22,6 Prozent des Token-Volumens und liegt damit auf Platz drei – weniger als zwei Prozentpunkte hinter Google, dessen Anteil auf 24 Prozent zurückging. Auch der Newcomer GLM 5.2 des chinesischen Anbieters Z.ai, ein MIT-lizenziertes Modell für agentische Aufgaben zu etwa einem Fünftel des Preises von Anthropics Opus 4.8, schaffte es binnen zwei Wochen nach Release unter die volumenstärksten Modelle der Plattform. Rund jeder achte Enterprise-Kunde von Vercel setzt inzwischen ein Open-Weight-Modell produktiv ein.

Bei den Ausgaben zeigt sich allerdings ein völlig anderes Bild: Die vier großen US-Frontier-Labs vereinten im Juni 95 Prozent der Ausgaben auf dem Gateway auf sich. Allein Anthropic kam auf 61 Prozent der Ausgaben bei 32 Prozent der Tokens – und auf über 72 Prozent der Ausgaben in den kritischsten Anwendungsfällen wie Coding-Agenten, Backoffice-Agenten und App-Generierung. Das Muster, das sich daraus ablesen lässt: Massenaufgaben wandern zu günstigen offenen Modellen, risikoreiche Arbeit bleibt bei den teuren Frontier-Modellen.

OpenRouter: US-Modelle stürzen von 70 auf rund 30 Prozent ab

Noch deutlicher fällt die Verschiebung bei OpenRouter aus, dem größten neutralen Modell-Router, über den Entwickler:innen API-Aufrufe flexibel auf Dutzende Modelle verteilen können. Nach Auswertungen der OpenRouter-Nutzungsdaten, über die unter anderem Bloomberg auf Basis von Zahlen von Exponential View berichtete, hielten US-Modelle von Google, OpenAI und Anthropic im Juni 2025 noch rund 70 Prozent des Token-Anteils auf der Plattform. Ein Jahr später, im Juni 2026, sind es nur noch etwa 30 Prozent.

DeepSeek ist auf OpenRouter mit 16,3 Prozent des gesamten Token-Volumens inzwischen der größte Einzelanbieter – vor Google, Anthropic und OpenAI. Chinesische Anbieter wie DeepSeek, Tencent, Xiaomi, MiniMax und Qwen kommen zusammen auf rund 44 Prozent des Token-Volumens der Top 10. In der Wochenbetrachtung verarbeiten chinesische Modelle laut Plattformdaten mittlerweile rund 18 Billionen Tokens pro Woche, verglichen mit etwa 5,5 Billionen bei US-Modellen – ein Verhältnis von mehr als drei zu eins. Der Wendepunkt lag demnach in der Woche vom 9. bis 15. Februar 2026, als chinesische Systeme erstmals mehr Tokens verarbeiteten als amerikanische.

Eine gemeinsam mit dem VC Andreessen Horowitz veröffentlichte Studie von OpenRouter, die über 100 Billionen Tokens an anonymisierten Nutzungsdaten auswertete, bestätigt den Trend: Chinesische Open-Weight-Modelle steigerten ihren Anteil demnach binnen eines Jahres von 1,2 Prozent auf knapp 30 Prozent. Als Treiber gelten vor allem der Preis – DeepSeeks aktuelle Modelle werden zu einem Bruchteil der Kosten vergleichbarer US-Frontier-Modelle angeboten – sowie die Verschiebung der Workloads Richtung Programmieren, wo die chinesischen Modelle als besonders preis-leistungsstark gelten. Auch US-Politik spielte eine Rolle: Exportkontrollen, die im Juni etwa Anthropics neues Modell Claude Fable 5 nur Tage nach dem Launch vorübergehend vom Markt nahmen, sowie der zunächst eingeschränkte Rollout von OpenAIs GPT-5.6 trieben internationale Nachfrage zusätzlich zu den frei verfügbaren chinesischen Alternativen.

Warum beide Datensätze nicht das volle Bild zeigen

So aussagekräftig die Zahlen von Vercel und OpenRouter für Trends sind – sie bilden nur einen Teil des KI-Marktes ab. Beide Plattformen erfassen ausschließlich Traffic, der über ihre eigenen Router läuft. Ein sehr großer Teil der weltweiten KI-Nutzung findet aber direkt über die APIs von Anthropic, OpenAI oder Google (Gemini) statt – ohne Zwischenhändler und damit unsichtbar für diese Statistiken. Dazu kommt das Geschäft der Cloud-Riesen: Enterprise-Kunden beziehen KI-Modelle in großem Stil über AWS (etwa via Bedrock), Google Cloud (Vertex AI) oder Microsoft Azure, wo insbesondere OpenAI-Modelle laufen. Auch die enormen Volumina der Consumer-Produkte wie ChatGPT, Gemini oder Claude selbst tauchen in den Router-Daten nicht auf.

Router-Plattformen wie OpenRouter ziehen zudem eine spezifische Klientel an: kostenbewusste Entwickler:innen, die Modelle schnell wechseln und Preis-Leistung täglich vergleichen können. Genau dieses Segment reagiert am schnellsten auf günstige Open-Weight-Alternativen – was den Anteil chinesischer Modelle in diesen Statistiken tendenziell überzeichnen dürfte. Als Frühindikator dafür, wohin sich Entwickler-Präferenzen bewegen, wenn kein Vendor-Lock-in besteht, sind die Daten dennoch wertvoll. Und die Richtung ist in beiden Datensätzen dieselbe: Offene Modelle, vor allem aus China, übernehmen das Volumen – während die US-Frontier-Labs, allen voran Anthropic, weiterhin das Geld verdienen.

Größenvergleich: Router-Plattformen sind nur ein Bruchteil des Gesamtmarkts

Wie klein der Ausschnitt ist, den Vercel und OpenRouter abbilden, zeigt ein Blick auf die absoluten Token-Mengen. Das Vercel AI Gateway spricht selbst von „zig Billionen“ (tens of trillions) Tokens pro Monat. OpenRouter verarbeitete nach eigenen Angaben zuletzt über 20 Billionen Tokens pro Woche, also grob 80 bis 90 Billionen Tokens pro Monat – die gemeinsam mit a16z veröffentlichte Studie umfasste über 100 Billionen Tokens, allerdings verteilt über rund ein Jahr.

Dem stehen die Zahlen der großen Anbieter gegenüber, soweit sie überhaupt bekannt sind. Google nannte auf der I/O 2026 im Mai die bislang größte Zahl der Branche: über 3,2 Billiarden (quadrillion) Tokens pro Monat über alle eigenen Produkte hinweg – von Gemini über die AI Overviews in der Suche bis zu den Cloud-APIs –, ein Siebenfaches des Vorjahreswerts von 480 Billionen. Allein Googles Modell-APIs verarbeiten laut Konzernangaben rund 19 Milliarden Tokens pro Minute, was hochgerechnet über 800 Billionen Tokens pro Monat entspricht. OpenAI nannte zuletzt beim DevDay im Oktober 2025 über 6 Milliarden Tokens pro Minute allein über die API – hochgerechnet gut 260 Billionen Tokens pro Monat, wobei der riesige ChatGPT-Traffic mit seinen inzwischen über 800 Millionen wöchentlichen Nutzer:innen darin nicht enthalten ist. Anthropic veröffentlicht keine Token-Zahlen; Barclays-Analysten sehen das Unternehmen bei den Enterprise-Inferenz-Tokens allerdings deutlich vorne, und bei den Unternehmensausgaben hat Anthropic OpenAI laut Ramp-Daten überholt.

Die Größenordnungen sprechen für sich: Google allein verarbeitet pro Monat rund das 35- bis 40-Fache dessen, was über OpenRouter läuft – und ein Vielfaches des Vercel-Gateways. Selbst OpenAIs API-Volumen von Ende 2025 übertrifft beide Router-Plattformen zusammen um ein Mehrfaches. Die Verschiebung hin zu chinesischen Open-Weight-Modellen ist auf den neutralen Marktplätzen also real und deutlich messbar – der mit Abstand größte Teil des globalen Token-Verkehrs fließt aber weiterhin durch die Infrastruktur der US-Riesen, wo diese Statistiken gar nicht erst hinschauen können.

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