Solidarische Landwirtschaft

Solidarität statt Masse: Ein Gegenentwurf zur industriellen Landwirtschaft bahnt sich an

Nachhaltige Landwirtschaft stellt ein alternatives Konzept zur industriellen Landwirtschaft dar. ©Karolina Grabowska/Pexels

In Kinderbilderbüchern findet man noch häufiger die idyllische Szenerie von einem Bauernhof mit Pferd, Kuh und Schaf im Einklang mit der Natur. Diese idealisierten Verhältnisse sind jedoch in der industriellen Landwirtschaft schon längst überholt. Durch den übermäßigen Konsum der Gesellschaft ist die Nahrungsmittelproduktion zu einer Massenproduktion geworden. Diese bewegt sich oft fernab der Idylle. Alleine im Jahr 2020 war die deutsche Landwirtschaft entsprechend einer ersten Schätzung des deutschen Umweltbundesamt für insgesamt 60,4 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2)-Äquivalente verantwortlich. Das sind laut der Statistik 8,2 Prozent der gesamten ⁠Treibhausgas⁠-Emissionen Deutschlands des Jahres 2020.

Doch damit ist der Deutsche Konsum allein nicht abgedeckt. 2019 war Deutschland nach den USA und China der drittgrößte Agrarimporteur weltweit, so die deutsche Bundesanstalt für Agrar und Landwirtschaft. Diese Massenproduktion wird langfristig jedoch nicht tragbar sein. Neben dem Tierwohl, gefährdet die industrielle Landwirtschaft auch die Artenvielfalt und ist eine treibende Kraft der Klimakrise. Doch laut dem Bundesverband BUNDJugend haben landwirtschaftliche Erzeuger:innen kaum eine Wahl: Um im Wettbewerb mithalten zu können, müssen sie  ihre Flächen möglichst intensiv bewirtschaften und ihre Preise drücken. Um dem entgegenzuwirken, schließen sich nun jedoch bereits Gruppen von Konsument:innen zusammen.

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Der Apfel allein hat keinen Preis

Mit der sogenannten Solidarischen Landwirtschaft leben einige Gärtner:innen und Konsument:innen nun ein anderes Konzept der Agrarwirtschaft vor. Anstatt für das einzelne Produkt, wie Gemüse und Obst, selbst zu zahlen, finanziert eine Gruppe von Verbraucher:innen gemeinsam den Betrieb eines Hofes. Im Gegenzug erhalten sie dann regelmäßig Anteile der Ernte. So sind die Landwirt:innen marktunabhängig, die Abnahme der Lebensmittel ist gesichert und der Wert und der Bezug zu diesen wird wiederentdeckt. Wie hoch der monatliche Betrag ist, variiert bei den verschiedenen Betrieben. Während einige fixe Summen angeben, gibt es auch Solawis, wie solche solidarischen Landwirtschaften umgangssprachlich genannt werden, bei welchen die monatlichen Mitgliedsbeiträge je nach persönlichen Möglichkeiten frei wählbar sind. 

Dieses Konzept hat laut dem Verein „Netzwerk solidarische Landwirtschaft“ gleich mehrere Vorteile. So wird die regionale und nachhaltige Landwirtschaft gefördert, die landwirtschaftlichen Betriebe sind in ihrer Existenz abgesichert und können auch die Produktvielfalt erhöhen. Die Verbraucher:innen wiederum erhalten Transparenz über die Lebensmittel, die sie zu sich nehmen und zumeist auch die Möglichkeit, selber einmal Hand anzulegen und mitzubestimmen, was angepflanzt werden soll. Auch ist die Hoffnung, dass durch den natürlichen Bezug die Mengen der verschwendeten Lebensmittel reduziert werden.

Daneben wird der ökogloische Fußabdruck durch kürzere Transportwege und weniger Pestizideinsatz geschmälert. Gerade letzteres wurde kürzlich in den Medien viel diskutiert, als Umweltschutzorganisationen den Pestizidatlas 2022 publizierten, wir berichteten.

Risiken gemeinsam tragen

Ähnlich Vorteile fasst auch der ehemalige Unternehmensberater Stefan Faatz-Ferstl, einer der Gründer des Startups Soilful, aktuell in einer neuen Tech & Nature Podcast Folge zusammen. So könnten die Solawis die in der industriellen Landwirtschaft weit verbreiteten Monokulturen aufbrechen und stattdessen viele verschiedene Kulturen auf kleinerer Fläche anbauen. Das sei nicht nur gut für die Biodiversität, sondern würde auch das Risiko für Ernteausfälle reduzieren, sollte es bei einer Sorte zu einem Schädlingsbefall kommen. Neben den bereits genannten Punkten sieht er aber auch deutliche Vorteile für einen geringeren Bodenverbrauch. 

Laut ihm würden bei solidarischen Landwirtschaften bereits wenige Hektar für die Produktion reichen, während andere landwirtschaftliche Betriebe in Österreich durchschnittlich 45 Hektar verbrauchen, so die Statistik Austria.  Dies ist besonders für Österreich interessant, weil das Land bereits seit Jahren mit einem zu hohem Bodenverbrauch zu kämpfen hat, wir berichteten.  

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Trotzdem tragen die Verbraucher:innen, und damit in diesem Moment auch Investor:innen, ebenfalls das Risiko einer möglichen Missernte. Durch den solidarischen Aspekt der Landwirtschaft werden Verluste nicht nur von den Landwirt:innen getragen, sondern von allen Mitgliedern gemeinsam. Und auch bei einer guten Ernte ist das Angebot nicht mit dem Supermarktregal zu vergleichen. Durch die hohen Standards im Anbau bewegen sich die Preise zumeist auf einem höheren Niveau. So liegen die monatlichen Kosten für die Konsument:innen laut Faatz-Ferstl im Schnitt zwischen 80-100 Euro. Was dann in den fertig abgepackten Kisten ist, entscheidet die Saison und der Ernteertrag – nicht nur der Wunsch der Verbraucher:innen.

Soilful will Organisationsaufwand erleichtern

Einen Teil dieser Nachteile will Stefan Faatz-Ferstl jedoch jetzt mit dem neu gegründeten Verein Soilful ausgleichen. Der ehemalige Unternehmensberater wechselte seine Branche, um seinen eigenen Kindern mal eine intakte Umwelt übergeben zu können, sagt er. Um dieses Ziel zu erreichen, informierte er sich und stieß auf das Thema Ernährung: “Ich glaube das Ernährungssystem ist eines der größten Themen, die wir auf die Reihe bekommen müssen als Gesellschaft, um uns irgendwie weiterentwickeln zu können.”

Seine Kenntnisse aus der Unternehmensberatung möchte er jetzt nutzen, um die Organisation solcher neuen Landwirtschaften in Österreich zu verbessern. Diese Organisation sei laut ihm nämlich zusätzlich zu der eigentlichen Produktion viel Aufwand für die Landwirt:innen. Deshalb möchte er mit Soilful, was noch heuer als Genossenschaft gegründet werden soll, diesen Teil der Arbeit in Zukunft zentral übernehmen und ein Netzwerk aus regenerativen Marktgärtnereien gründen. Diese sollen auf dem Prinzip der solidarischen Landwirtschaft aufbauen und der Anbau so betrieben werden, dass die Erde „geheilt“ wird. 

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Interesse wächst

So gut das Modell der solidarischen Landwirtschaft im Moment auch klingt, so nischig ist es auch. Die industrielle Landwirtschaft wird die solidarische Landwirtschaft höchstwahrscheinlich nicht komplett aus dem Markt drängen können. Das sieht auch Faatz-Ferstl so. Aber das Interesse an dieser Art der Nahrungsmittelproduktion steigt. Und damit auch der Impact von solchen Landwirtschaften.

Seit der Gründung vor knapp 10 Jahren haben sich laut dem Netzwerk Solidarische Landwirtschaft fast 300 Betriebe aus Deutschland dem Prinzip angeschlossen. Damit ist es in Deutschland noch eine Nische. In anderen Ländern seien die Zahlen jedoch schon deutlich größer. So gibt es laut dem Netzwerk in Frankreich schätzungsweise 4.000 Betriebe und in den USA etwa 12.000 Betriebe, die nach Solawi ähnlichen Prinzipien wirtschaften.

Wer sich bereits jetzt einer solchen Gemeinschaft in Österreich anschließen möchte, findet eine Übersicht von Anbieter:innen auf der Garteln in Wien Website und auf SoLaWie.life. Für Deutschland befindet sich eine Übersichtskarte auf der Website des Netzwerk Solidarische Landwirtschaft e.V.

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