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Das Reich der E-Mobilität: Wie Chinas Autosektor Europa in den Schatten stellt – und warum

© Yiran Ding / Unsplash
© Yiran Ding / Unsplash

Vom Smog ins Licht: China exportiert nicht nur mittlerweile weltweit Elektroautos, auch im Land der Mitte selbst sind die Stromer auf dem Vormarsch – egal, ob mit zwei oder vier Rädern. Das hat positive Auswirkungen für die Volkswirtschaft – und sorgt für Sorgenfalten in Europa.

Dieses Interview stammt aus unserem Magazin „Unter Strom 2023“ mit Schwerpunkt auf E-Mobilität. Das rund 70-seitige Magazin steht hier kostenlos zum Download parat.

„Ein paar tausend Euro kostet es umgerechnet sicher mehr“, erklärt John, der mit uns im gemieteten Kleinbus auf der Stadtautobahn in Shanghai sitzt. John heißt nicht wirklich so, hat aber in Deutschland studiert, und da braucht es einen ‚westlichen‘ Namen. Wissen wollten wir, wie es China gelungen ist, den Anteil an elektrisch betriebenen Autos derart rasch zu heben. Und was die „paar tausend Euro“ mehr kostet, ist das Nummernschild für Verbrenner. Wer ein E-Auto anmeldet, steigt in China in Sachen Bürokratie günstiger aus als bei der Anmeldung eines Autos mit Ottomotor. Auch diese Anekdote ist Teil der chinesischen Offensive, Autos mit Elektroantrieb flächendeckend zu verbreiten.

Nummernschild-Lotterie

Das bestätigt auch Marcel Münch, Experte für Mobilität und Innovationstrends in China: „In China ist es nicht so einfach, überhaupt ein Nummernschild zu bekommen. Das kann schnell zehntausend Euro und mehr kosten. Es gibt mittlerweile zwei Arten: Die blauen Nummernschilder für konventionelle Autos und die grünen für Elektroautos. Früher hat man auf blaue Schilder oft jahrelang gewartet, es gab sogar eine Lotterie – kein Glück, kein Auto. Für die grünen Nummernschilder für E-Fahrzeuge und Plug-in-Hybrids ist die Warteschlange kleiner, man kommt schneller an ein Nummernschild. Das ist sehr pragmatischgedacht, für viele aber ein deutlicher Anreiz, ein E-Auto zu kaufen.“ Dazu würden diverse Einschränkungen kommen, vor allem in Großstädten. Für grüne Nummernschilder wiederum gibt es aber vereinzelte Ausnahmen. „Das führt mitunter dazu, dass man sich neben dem klassischen Porsche noch ein Elektroauto anschafft, einfach nur, um die Einschränkungen umgehen zu können“, erklärt Münch.

China hat die meisten E-Autos

Die Strategie scheint jedenfalls aufzugehen: Mehr als die Hälfte aller weltweiten E-Autos fährt bereits in China, rund 14,6 Millionen Pkws mit reinem Elektroantrieb oder zumindest Hybridantrieb sollen es bis Ende des Jahres sein. Weltweit gibt es laut dem Stuttgarter Forschungsinstitut ZSW rund 27,7 Millionen E-Autos. Es gibt viele Gründe, die in China für ein Elektroauto sprechen, auch abseits der leichter zu bekommenden Nummernschilder. „Es gibt Kaufförderungen für Elektroautos, lokale Anzreize und diverse Prämien“, fasst Münch zusammen. Außerdem ist der Betrieb schlichtweg preiswerter: „Der Strom ist relativ günstig in China, die ‚total costs of ownership‘ sind bei Elektroautos erheblich niedriger. Das ist etwa für Taxiunternehmen, aber auch für private Taxianbieter ein großer Anreiz. Und: Wartung und Verbrauch bei Standzeiten spielen ebenfalls eine große Rolle.“

E-Roller überall

Ist die Zahl der Autos bekannt, ist indes kaum herauszufinden, wie viele Elektroroller es in China gibt. Wer durch Shanghai wandert, könnte aber schnell meinen, dass alleine in der Hafenstadt mehr E-Mopeds unterwegs sind als es weltweit E-Autos gibt. Auch hier zeigt sich: Die überwiegende Mehrheit fährt mittlerweile elektrisch. „Das ist praktisch und fast ein Teil der urbanen Kultur“, erklärt John. Auf den Straßen selbst herrscht mitunter das Recht des Schnelleren, zumindest wirkt das surrende Treiben für europäische Umstände gewohnte Augen recht chaotisch. Gefahren wird auch in Bereichen, die von Fußgängern gesäumt sind, zumeist aber nur, um zu einem der Abstellplätze zu gelangen. Dort wird das Moped dann mühsam zwischen die hunderten anderen Modelle geschoben, abgestellt und gesichert. Ob es am Abend dann immer noch dort steht? „Jaja“, lächelt John, „jeder fährt wieder mit dem eigenen Moped nach Hause.“ Geordnetes Chaos sozusagen – aber eines, das zu funktionieren scheint.

Der ganz normale Alltag auf Chinas Straßen: Fahrräder und E-Mopeds teilen sich die Fahrbahn, mitunter auch dort, wo man nichtunbedingt fahren sollte. © Janko / Trending Topics
Der ganz normale Alltag auf Chinas Straßen: Fahrräder und E-Mopeds teilen sich die Fahrbahn, mitunter auch dort, wo man nicht unbedingt fahren sollte. © Janko / Trending Topics

Elektrisierende Aussichten

Künftig dürfte es noch herausfordernder werden, Auto und Motorrad wiederzufinden: Laut einer Statista-Umfrage werden schon im nächsten Jahr rund 6,81 Millionen Elektrofahrzeuge verkauft, Plug-In-Hybride und reine Stromer zusammengerechnet. Bis 2028 soll die Anzahl auf fast neun Millionen Fahrzeuge pro Jahr steigen. Den Markt teilen sich dabei einige wenige Hersteller, für deutsche und europäiche Autobauer bleiben dabei derzeit nur die Krümel über. BYD führt die Absatzrangliste deutlich an, fast jedes dritte abgesetzte Auto stammt aus den Hallen des Herstellers mit dem klingenden Namen ‚Build Your Dream‘. Das die Autos von BYD vielerorts Träume erfüllen, dürfte an der Kombination aus Preis und Qualität liegen. Zu sehen ist das etwa am Dolphin, der demnächst auch in Österreich erhältlich ist (Start noch im vierten Quartal 2023): Ab rund 26.000 Euro wird der Kleinwagen laut BYD zu haben sein, erste Tests fallen durchaus gut aus. Das Fazit: Bei diesem Preis werden die Karten wohl bald neu gemischt.

BYD dominiert

Der restliche Markt in China ist deutlich kleinteiliger gesplittet: Wuling kommt auf 7,2 Prozent Marktanteile, Tesla auf rund 7,1 Prozent, Aion auf 4,4 Prozent, Changan und Chery noch auf 3,8 bzw. 3,6 Prozent. Erst dann folgt mit VW der erste deutsche Hersteller (3,1 Prozent der Marktanteile). Bei den Neuzulassungen zeigt sich ein ähnliches Bild: Auch hier hat BYD mit rund 1,8 Millionen die Nase vorn. Dahinter folgt Tesla mit 1,3 Millionen, VW dann hinter SAIC auf Platz vier (rund 831.000 Neuzulassungen). Dass diese Umstände in der Bundesrepublik – und anderen Teilen Europas – etwas Panik schüren, verwundert nicht. Etwa 28 Prozent aller im ersten Quartal 2023 nach Deutschland importierten Elektroautos stammten aus chinesischen Fertigungshallen. Man kennt derartige Anteile bislang eher von Smartphones, Heimelektronik und auch Akkus. Mittlerweile produzieren zwar auch deutsche Hersteller ihre Autos in China, etwa BMW mit dem iX3, das alleine wird die chinesische Phalanx aber kaum aufhalten. Analyst:innen zufolge könnten in den nächsten Jahren bereits erstmals mehr Autos von China nach Deutschland exportiert werden als umgekehrt. Die Stückzahlen dürften in die Millionen gehen.

Unter Strom: Trending Topics launcht neues E-Mobility-Magazin

Alte und neue Autobauer

In China gibt es diese Probleme nicht. Im Gegenteil: Der Aufschwung der Industrie zieht eine ganze Welle an neuen Unternehmen und Autobauern nach sich – und lässt Firmen auf den Mobility-Sektor setzen, die dafür nicht unbedingt bekannt sind. Huawei etwa präsentierte bereits 2022 – neben „der Huawei Watch D, der Huawei Watch GT 2022 Edition, dem Huawei P50 Pocket und den Huawei Smart Glasses“, wie es in der Presseaussendung treffend hieß, auch das erste eigene Auto in Kooperation mit Chery Automobile, BAIC Motor und der Anhui Jianghuai Automobile Group. Im März 2023 wurde der AITO M5 sogar kurzzeitig in Huawei AITO M5 umbenannt, bevor angeordnet worden sein soll, alle Werbematerialien mit Bezug zu Huawei aus den AITO-Geschäften zu entfernen. Der zweite Anlauf dürfte aber nicht mehr lange auf sich warten lassen: Zwar will Huawei selbst auch weiterhin keine eigenen Autos bauen, liefert aber die Software und Medienberichten zufolge beim neuen Luxeed S7, ebenfalls gemeinsam mit Chery gebaut, auch den Motor. Laut Richard Yu, Chairman of the Intelligent Automotive Solution BU von Huawei, soll es sich dabei um eine „neue Kategorie von Smart-Cars“ handeln. Huawei dürfte zudem „alles Digitale“ beisteuern. Gut möglich, dass der Luxeed S7 schon vorgestellt wurde, wenn Sie diese Zeilen lesen: Gerüchten zufolge soll es am 17. November soweit sein.

Ey Mann, wo ist mein Moped? © Janko / Trending Topics
Ey Mann, wo ist mein Moped? © Janko / Trending Topics

Weniger Smog dank E-Mobilität

Der Aufstieg elektrisch betriebener Fahrzeuge ist auch auf den Straßen von Shenzhen und Shanghai zu erkennen. Wer sich noch nie mit den (neuen) chinesischen Herstellern beschäftigt hat, wird sich ob der Markenvielfalt wohl erst einmal wundern. Wuling, Changan, Chery, BYD und wie sie alle heißen: Sie alle eint der elektrische Antrieb und die geringen Emissionen, die sie während der Fahrt ausstoßen. Das hat auch Folgen für die Umwelt: Der Smog in Shanghai wird so effektiv bekämpft, giftige Nebelschwaden sind mittlerweile deutlich seltener geworden, bestätigt auch John.

Programme für saubere Luft

In Sachen E-Mobility profitiert die Bevölkerung also auch in anderen Aspekten, bestätigt auch Münch: „Die Luft in den Großstädten ist extrem viel besser geworden. Seit 2010 plant die Regierung sehr strukturiert, wie man industriepolitische Wege finden kann, vom Verbrenner wegzukommen. Da wurden auch Aspekte wie Luftqualität und Umwelt mitgedacht, seit 2010 gibt es eigene Programme für mehr saubere Luft.“ Zudem sei Chinas Politik durchaus klar gewesen, in Sachen Verbrenner „keine Konkurrenz für die deutsche Industrie“ werden zu können. Also der Fokus auf Elektroantriebe. Die Resultate seien inzwischen deutlich sichtbar: „Peking hat mittlerweile an vielen Tagen bessere Luft als Mailand. Vor allem lokale Emissionen werden vermieden, der Strom kommt von außerhalb der Großstadt.“ Perfekt sei wegen der vielen Kohlekraftwerke und der damit verbundenen, nicht sauberen Stromproduktion zwar längst nicht alles, „aber Erfolge sind schon da“.

Skalierungseffekte

Viele Verkaufsquoten seien zwar bereits erreicht, was auch Auswirkungen auf Förderungen und Anreize hat. Sie fallen oftmals bereits weg, was laut Marcel Münch aber kein Problem ist. Im Gegenteil: „Wenn die E-Mobilität die breite Masse erreicht, hast du enorme Skalierungseffekte, was wiederum bedeutet, dass die Batteriekosten und Produktionskosten stark fallen werden. Der Trend geht jetzt schon in die Richtung, dass Autos von BYD und Co noch einmal deutlich günstiger werden, auch ohne zusätzliche Anreize.“ Das liege ganz einfach daran, das der teuerste Bestandteil, die Batterie, in der Massenproduktion über die Zeit einfach günstiger wird. „Langfristig wird das in einen Preiskampf ausarten“, erklärt Münch. Das wiederum sei gut für die (chinesischen) Konsument:innen. Was Europas Wirtschaft dazu sagt, steht wohl auf einem anderen Blatt Papier.

Dieses Interview stammt aus unserem Magazin „Unter Strom 2023“ mit Schwerpunkt auf E-Mobilität. Das rund 70-seitige Magazin steht hier kostenlos zum Download parat.

Disclaimer: Die Reisekosten nach China wurden von Huawei übernommen.

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