Interview

57 Millionen Euro für Quanten-Scale-up eleQtron: „Wir wollten kein Dumb Money“

Jan Henrik Leisse (CEO) und Michael Johanning (CTO) von eleQtron. © sichtplan
Jan Henrik Leisse (CEO) und Michael Johanning (CTO) von eleQtron. © sichtplan

Während die Welt über GPT-Updates und KI-Agenten diskutiert, entscheidet sich in den Laboren europäischer Deep-Tech-Unternehmen längst die nächste Schlacht: die um die Vorherrschaft im Quantencomputing. Mitten in diesem globalen Wettlauf hat das deutsche Unternehmen eleQtron gerade ein Ausrufezeichen gesetzt – mit einer der größten Series-A-Runden weltweit in diesem Bereich.

57 Millionen Euro frisches Kapital, angeführt von Schwarz Digits – der IT-Sparte hinter Lidl und Kaufland – und unterstützt vom EIC Fund. Auf der Auftragsseite stehen bereits über 54 Millionen Euro. Damit zählt eleQtron zu den wenigen Quantencomputing-Playern weltweit, die nicht nur Forschung betreiben, sondern industrielle Nachfrage bedienen. Im Zentrum: die proprietäre MAGIC-Technologie, die Ionen mit miniaturisierter Mikrowellentechnik steuert – und damit den Weg zu wirklich skalierbaren Quantencomputern ebnen soll.

Wir haben mit Jan Henrik Leisse, CEO und Mitgründer von eleQtron, darüber gesprochen, warum Quantencomputing gerade vom Laborexperiment zur industriellen Infrastruktur wird, was Schwarz Digits an Ionenfallen reizt – und welche konkreten Probleme seine Maschinen lösen sollen.

Trending Topics: 57 Mio. Euro Series A – warum war gerade Schwarz Digits der ideale Lead-Investor und nicht ein klassischer Deep-Tech-VC?

Jan Henrik Leisse: Für uns war klar: Wir suchen nicht einfach Kapital. Wir suchen einen Partner, der versteht, was es bedeutet, eine kritische Zukunftstechnologie industriell zu skalieren.

Schwarz ist eine der finanzstärksten Unternehmensgruppen Europas. Mit Schwarz Digits investiert die Gruppe sehr gezielt in digitale Infrastruktur, technologische Souveränität und strategisch relevante Zukunftstechnologien. Das ist für uns ein entscheidender Unterschied zu rein finanzgetriebenem Venture Capital.

Wir wollten kein „dumb money“, sondern einen Investor, der langfristig denkt, Infrastruktur versteht und weiß, wie man Technologie in industrielle Realität übersetzt. Schwarz Digits bringt genau diese Kombination mit: Kapitalstärke, strategische Erfahrung und ein tiefes Verständnis dafür, warum Europa eigene technologische Fähigkeiten aufbauen muss.

Deshalb freuen wir uns sehr, dass wir mit Schwarz Digits aus unserer Sicht den besten Lead-Investor gefunden haben, den wir uns für diese Phase vorstellen konnten.

Ihr habt einen Auftragsbestand von über 54 Mio. Euro. Wer sind eure Kunden und für welche konkreten Anwendungsfälle setzen sie eure Systeme bereits ein?

Zu unseren zentralen Kunden zählen unter anderem das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, DLR, im Rahmen der Quantencomputing-Initiative, sowie das Forschungszentrum Jülich.

Beim DLR geht es darum, Quantencomputer in Deutschland aufzubauen und für Forschung, Industrie und konkrete Anwendungsentwicklung verfügbar zu machen. In Jülich steht insbesondere die Integration von Quantencomputing mit High-Performance Computing im Fokus – also die Frage, wie Quantencomputer künftig mit klassischen Supercomputern zusammenspielen können.

Darüber hinaus arbeiten wir mit weiteren namhaften Industrie- und Projektpartnern zusammen. Die Anwendungsfelder liegen dort, wo klassische Rechner bei Komplexität an Grenzen stoßen: Simulation, Optimierung, Materialforschung, Logistik, Energie, Finance oder perspektivisch auch KI.

Wichtig ist aber: Wir sind ehrlich damit, wo der Markt steht. Quantencomputing ist noch keine Plug-and-play-Technologie für beliebige Unternehmensprobleme. Es geht heute darum, die Systeme aufzubauen, Zugang zu schaffen, Use Cases zu validieren und gemeinsam mit Partnern echte Anwendungspfade zu entwickeln.

Was macht eure Technologie gegenüber konkurrierenden Ansätzen wie supraleitenden Qubits oder neutralen Atomen tatsächlich überlegen?

Unser Ansatz basiert auf unserer patentierten MAGIC-Technologie – Magnetic Gradient Induced Coupling. Sie kombiniert Ionenfallen mit mikrowellenbasierter Steuerung. Daraus ergeben sich zwei sehr grundlegende Vorteile.

Erstens arbeiten wir mit Ionen. Das sind natürliche Atome – und damit von Natur aus identisch. Anders als bei künstlich hergestellten Qubits, etwa in supraleitenden Ansätzen, haben wir nicht das Problem, dass jedes Qubit durch Fertigungstoleranzen leicht anders ist. Unsere Qubits sind gewissermaßen „perfect by nature“.

Zweitens steuern wir diese Qubits nicht mit hochkomplexen Lasersystemen für die eigentlichen Rechenoperationen, sondern mit Mikrowellen. Mikrowellentechnologie ist seit Jahrzehnten etabliert, robust, vergleichsweise kostengünstig und sehr gut integrierbar.

Der entscheidende Punkt ist Skalierbarkeit. Viele Technologien können heute beeindruckende Demonstratoren zeigen. Die zentrale Frage ist aber: Wie wird daraus ein robustes, betreibbares, industriell skalierbares System? Genau dort sehen wir mit MAGIC unseren entscheidenden Vorteil.

Wann rechnet ihr mit dem Q-Day – also dem Moment, an dem Quantencomputer heutige Verschlüsselungen brechen können? Google geht bereits von 2029 aus. Welche Folgen wird das haben?

Der Q-Day wird oft als einzelner Moment dargestellt – als würde an einem Dienstagmorgen jemand den Schalter umlegen und plötzlich ist die gesamte Kryptografie der Welt kaputt. So einfach wird es nicht sein.

Aber der Punkt ist: Der Q-Day rückt in greifbare Nähe. Auf Hardware-Seite werden die Fortschritte schneller, auf Algorithmus-Seite ebenfalls, und auch Anwender und Regierungen beschäftigen sich deutlich intensiver mit dem Thema.

Deshalb ist Quantum Readiness kein Nice-to-have mehr. Unternehmen, Behörden und kritische Infrastrukturen müssen sich jetzt damit beschäftigen. Nicht erst, wenn ein kryptografisch relevanter Quantencomputer verfügbar ist. Dann ist es zu spät.

Die Folgen betreffen vor allem Sicherheitsarchitekturen, Datenbestände und langfristig sensible Informationen. Besonders relevant ist das sogenannte „harvest now, decrypt later“-Risiko: Daten, die heute abgegriffen werden, können später mit leistungsfähigen Quantencomputern entschlüsselt werden.

Deshalb braucht es jetzt Strategien für Post-Quantum-Kryptografie, für sichere Migrationspfade und für ein realistisches Verständnis davon, welche Systeme wann betroffen sind. Quantum Readiness ist hier tatsächlich: ride or die.

Wie positioniert ihr euch im Wettbewerb mit europäischen Ionenfallen-Konkurrenten wie IQM, Alpine Quantum Technologies oder Quantinuum?

Zunächst eine kleine Korrektur: IQM ist kein Ionenfallen-Unternehmen, sondern arbeitet mit supraleitenden Qubits. Alpine Quantum Technologies und Quantinuum sind dagegen tatsächlich relevante Player im Ionenfallen-Umfeld.

Wir sehen den Wettbewerb sehr realistisch. Der Markt ist international, technologisch anspruchsvoll und noch lange nicht entschieden. Gleichzeitig sind wir sehr gut aufgestellt.

Wir haben mit MAGIC einen klar differenzierten technologischen Ansatz. Wir haben ein starkes Team aus außergewöhnlich guten Expertinnen und Experten. Wir haben kommerzielle Traktion mit einem Auftragsbestand von über 54 Mio. Euro. Und mit der Series A haben wir nun auch die finanzielle Basis, um die nächste Skalierungsphase anzugehen.

Vielleicht sind wir bisher ein bisschen unter dem Radar gelaufen. Das wird sich jetzt ändern. Nicht, weil wir lauter werden wollen, sondern weil die nächsten Schritte sichtbarer werden: technologisch, kommerziell und international.

Wo seht ihr Europa im Quanten-Rennen gegen USA und China?

Europa ist in der Grundlagenforschung exzellent aufgestellt. Wir haben starke Universitäten, starke Forschungsinstitute, sehr gute Start-ups und einen politischen Willen, Quantencomputing als strategische Technologie zu fördern.

Was sich gerade verändert: Es kommt mehr privates Kapital in den Markt. Unsere Finanzierungsrunde ist dafür ein gutes Beispiel. Das zeigt: Es ist Musik drin. Quantum wird in Europa nicht mehr nur als Forschungsthema betrachtet, sondern zunehmend als industrielle und strategische Infrastruktur.

Aber die entscheidende Frage ist: Reicht das? Und da müssen wir ehrlich sein. USA und China agieren mit enormer Geschwindigkeit, Kapitalstärke und strategischer Konsequenz. Europa kann mithalten, aber nur, wenn wir Fragmentierung vermeiden.

Wir müssen stärker an einem Strang ziehen – über Ländergrenzen, Förderlogiken, Forschungseinrichtungen, Industrie und Kapitalmärkte hinweg. Jetzt entscheidet sich, ob Europa aus exzellenter Forschung auch industrielle Führungsfähigkeit macht.

Schwarz Digits betont digitale Souveränität. Wie konkret schützt eleQtron deutsche und europäische Industriekunden vor Abhängigkeiten von US- oder chinesischen Quantenanbietern?

Quantencomputing entwickelt sich gerade von einem Forschungsthema zu kritischer Infrastruktur. Wer künftig Zugang zu leistungsfähigen Quantencomputern kontrolliert, kontrolliert potenziell zentrale Fähigkeiten in Simulation, Optimierung, Sicherheit, Materialentwicklung oder KI.

Unser Beitrag ist es, diese Schlüsseltechnologie in Europa aufzubauen – von der Hardware über Systemintegration bis perspektivisch zum cloudbasierten Zugang. Damit schaffen wir für europäische Kunden eine echte Alternative zu außereuropäischen Anbietern.

Souveränität heißt für uns nicht Abschottung. Es heißt Handlungsfähigkeit. Europäische Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Behörden sollten nicht vollständig davon abhängig sein, ob sie Zugang zu US-amerikanischen oder chinesischen Quantenplattformen bekommen – und zu welchen Bedingungen.

Genau deshalb ist es so wichtig, dass Europa eigene Anbieter aufbaut, eigene Systeme betreibt und eigene Kompetenzen entlang der Wertschöpfungskette hält.

Welchen Effekt könnten Quantencomputer auf KI haben – sind sie der nächste Turbo für KI-Modelle?

Ja, Quantencomputing kann KI perspektivisch stark beflügeln. Aber nicht im Sinne von: Wir ersetzen morgen GPUs durch Quantencomputer und alles wird magisch schneller. So funktioniert es nicht.

Spannend sind vor allem hybride Ansätze, bei denen klassische Hochleistungsrechner, KI-Modelle und Quantencomputer zusammenspielen. Quantencomputer können bei bestimmten mathematischen Problemklassen Vorteile bringen – etwa bei Optimierung, Sampling, Simulation oder bestimmten Machine-Learning-Verfahren.

Gerade für die nächste Generation von KI könnte das relevant werden. Denn KI stößt zunehmend an Grenzen: Energieverbrauch, Rechenkosten, Datenkomplexität, Modelloptimierung. Quantencomputing kann hier langfristig ein zusätzlicher Beschleuniger werden.

Aber auch hier gilt: Wir sollten nicht in Hype verfallen. Der Weg führt nicht über einzelne Buzzwords, sondern über konkrete Anwendungsfälle, saubere Benchmarks und funktionierende Systeme.

Cloud-basierter Zugang ist Teil der Roadmap – wird eleQtron damit zum Konkurrenten von AWS Braket und Azure Quantum?

Perspektivisch wäre ein starker europäischer Zugang zu Quantencomputing natürlich ein schönes Ziel, gerade im Sinne technologischer Souveränität.

Heute sehen wir uns aber nicht in einem simplen Entweder-oder zu AWS Braket oder Azure Quantum. Diese Plattformen haben einen wichtigen Beitrag geleistet, um Quantencomputing zugänglicher zu machen. Die entscheidende Frage ist: Welche Hardware, welche Systeme und welche technologischen Fähigkeiten stehen dahinter?

Unser Fokus liegt darauf, leistungsfähige Quantencomputer aufzubauen und cloudbasiert nutzbar zu machen. Das kann über eigene Zugangsmodelle passieren, aber auch über Partnerschaften und Integrationen in bestehende Infrastrukturen.

Langfristig ist klar: Europa braucht eigene Quanteninfrastruktur. Ob diese ausschließlich über eigene Plattformen läuft oder in bestehende Cloud-Ökosysteme integriert wird, wird der Markt zeigen. Wichtig ist, dass die zugrunde liegende Technologie nicht vollständig außerhalb Europas liegt.

Was ist der Plan nach der Series A: Wann kommt die Series B, und ist ein Börsengang oder ein strategischer Exit eine Option?

Finanzierungen sind für uns Mittel zum Zweck. Unser Ziel ist es nicht, Finanzierungsrunden zu sammeln. Unser Ziel ist es, Quantencomputer zu bauen, die echte industrielle und gesellschaftliche Probleme lösen können.

Der Fokus nach der Series A liegt deshalb klar auf Execution: Skalierung der Technologie, Ausbau des Teams, Weiterentwicklung unserer Systeme, Industrialisierung und konkrete Anwendungsentwicklung mit Partnern.

Natürlich schließen wir Optionen wie weitere Finanzierungsrunden, einen Börsengang oder strategische Partnerschaften nicht grundsätzlich aus. In einem dynamischen Markt muss man verschiedene Wege offenhalten. Aber aktuell ist das nicht der Kern der Geschichte.

Die Kernfrage ist: Wie bauen wir aus einer starken technologischen Basis ein skalierbares, international relevantes Technologieunternehmen? Genau darauf konzentrieren wir uns jetzt.

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