Interview

Forscher über Korallenbleiche: „Es liegt an uns, eine Katastrophe abzuwenden“

Der Portugiese Pedro Frade beschäftigt sich seit 15 Jahren mit Korallen und der Korallenbleiche. © zV
Der Portugiese Pedro Frade beschäftigt sich seit 15 Jahren mit Korallen und der Korallenbleiche. © zV

Noch vor einigen Jahrzehnten galt es als unzerstörbar, jetzt ist es gefährdet. Das 2.000 Kilometer lange Geat Barrier Reef vor der Küste Australiens galt laut Expert:innen lange Zeit als „too big to fail“. In den letzten Jahren wurde es allerdings immer öfter von Korallenbleichen heimgesucht. Die australische Marineparkbehörde meldete in ihrem letzten Update vom 8. April 2022, dass die diesjährige Bleiche trotz Sommerende immer noch anhält. Die Wasseroberflächentemperaturen im nördlichen Teil des Riffs waren laut Messungen die höchsten seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1900.

Doch was ist eine Korallenbleiche genau, wie wird sie ausgelöst und welche Lösungen gibt es? Es ist schwierig, in Österreich jemanden zu finden, der sich besser mit Korallen auskennt, als Pedro Frade. Der gebürtige Portugiese ist momentan als Kurator der Wirbellosen im Naturhistorischen Museum in Wien beschäftigt. Seit über 15 Jahren beschäftigt sich der 45-Jährige mit Korallen, 2015 erhielt er den „Hans und Lotte Hass Meeresschutzpreis“ der Uni Wien für seine Forschung zum Schutz der Korallenriffe auf der Karibikinsel Curacao.

Tech & Nature: Korallenbleichen am Great Barrier Reef werden in den Medien oft als „Event“ bezeichnet. Heißt das, sie sind zeitlich begrenzt?

Pedro Frade: Ja, Korallenbleichen haben meist einen Startzeitpunkt und – hoffentlich – einen Endzeitpunkt. Aber wir können nicht wirklich sagen, wann das Ende einer Korallenbleiche einsetzen wird. Das hängt mit den Ursachen der Korallenbleiche zusammen.

T&N: Was sind denn die Ursachen?

Frade: Korallenbleichen werden im Great Barrier Reef durch Hitzewellen ausgelöst. Das Wasser dort ist momentan wärmer als normalerweise. Die Korallen sind das nicht gewöhnt.

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T&N: Wie warm ist das Wasser dort?

Frade: Man kann von Maximaltemperaturen von rund 27 Grad im Süden des Great Barrier Reef und 30 Grad im Norden ausgehen. Das Great Barrier Reef ist sehr weitläufig, es erstreckt sich über 2.000 Kilometer.

T&N: Ab wann erleben die Korallen dann eine Bleiche?

Frade: Das hängt davon ab, welche Temperaturen sie gewohnt sind. Im Sommer erreichen die Wassertemperaturen im nördlichen Teil des Riffs etwa ein Maximum von etwa 30 Grad, das war hunderte von Jahren so. In den letzten 20 Jahren wurden diese Temperaturen aber häufig überschritten, dann kommt es zum Wärmestress. Durch Satellitenmessungen können wir relativ genau sagen, wie warm das Wasser wo ist und welche Teile des Riffs gerade von einer Korallenbleiche betroffen sind.

Korallenbleiche im Golf von Thailand. © Petchrung Sukpong (CC BY-SA 2.0)
Korallenbleiche im Golf von Thailand. © Petchrung Sukpong (CC BY-SA 2.0)

T&N: Um noch einmal zu den Grundlagen zurückzukehren: Was ist eine Korallenbleiche genau?

Frade: Dafür muss ich wahrscheinlich erklären, was eine Koralle ist. Was ist eine Koralle Deines Wissens nach?

T&N: Ich müsste raten: irgendetwas zwischen Tier und Pflanze, wobei ich eher zu Tier tendiere.

Frade: [Lacht] Entschuldigung, dass ich Dich jetzt in Verlegenheit gebracht habe. Aber Du hast ganz recht, es ist ein Tier. Man kann es sich ungefähr als Qualle vorstellen, die kopfüber mit dem Seeboden verankert ist. Im Laufe ihres Lebens scheiden Korallen Kalkstein aus, die die Gebilde darstellen, die man so als Korallen kennt. Aber Korallen haben auch Eigenschaften von Pflanzen, denn in ihrem Gewebe befinden sich auch Mikroalgen. Diese Algen führen Photosynthese durch und produzieren Zucker, der die Koralle versorgt. Eine Koralle ist zu 90, oder oft zu 100 Prozent auf diesen Zucker angewiesen.

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T&N: Also sind es Tiere, die Photosynthese betreiben?

Frade: Genau. Also, was passiert nun bei der Korallenbleiche: Wenn die Wassertemperaturen zu hoch sind, produzieren diese Mikroalgen Giftstoffe anstatt Zucker. Die Koralle stößt sie ab, um nicht zu sterben. Die Farben der Koralle stammen dabei von diesen Mikroalgen, heißt sie verlieren dadurch ihre Farbe – übrig bleibt der weiße Kalkstein.

T&N: Bedeutet, die Koralle ist dann noch gar nicht tot?

Frade: Nein, sie verhungert nur langsam, weil sie keinen Zucker mehr kriegt.

T&N: Kann sich das wieder umkehren?

Frade: Das kommt darauf an. Wir wissen, dass sich die Korallen wieder erholen können, wenn die Wassertemperaturen innerhalb weniger Wochen wieder sinken. Wenn sie das nicht tun, sterben sie. Und dabei sprechen wir nicht nur von einigen wenigen. Das ist meist ein Massensterben, das sich über große Teile des Riffs ausdehnt.

T&N: Wie lange dauert es dann, bis sich so ein Riff wieder regeneriert?

Frade: Die toten Korallen können sich natürlich nicht mehr regenerieren. Die Nachkommen der anliegenden Korallen nehmen aber langsam ihren Platz ein. Da sprechen wir allerdings von Jahren, ein Riff brauch fünf, zehn, sogar 20 Jahre, bis es sich von einem solchen Massensterben erholt hat. Wenn solche Hitzewelle jedoch öfter auftreten, haben die Korallenriffe keine Zeit, sich wieder zu erholen. Es entstehen Zombie-Riffe, die ihre Aufgabe im Ökosystem nicht mehr wahrnehmen können.

T&N: Die da wäre?

Frade: Wo soll man da anfangen? Allein in Sachen Biodiversität beheimaten Korallenriffe rund ein Viertel aller Spezies, die im Meer vorkommen. Sie bilden die Basis der Nahrungskette vieler Fischarten, die auch von Menschen gefischt werden. Mehr als eine Milliarde Menschen weltweit hängen mit ihrem Einkommen direkt oder indirekt von Korallenriffen ab. Das Great Barrier Reef allein trägt etwa sechs Milliarden Dollar pro Jahr zu Australiens Ökonomie bei. Aber die meisten Funktionen solcher Riffe kann man nicht in Geld messen. Korallenriffe können die Küste bis zu 97 Prozent vor Sturmfluten und Korrosion durch Wellen schützen. So ein Riff schützt die Städte vor Ort, die Strände, die Landwirtschaft, unzählige Sachen. Auch für die Medikamentenentwicklung sind sie interessant. Die Chance ein neues Arzneimittel in einem Korallenriff zu finden ist viele Hundert Male größer, als eines an Land zu finden.

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T&N: Ist es dann nur der Hitzestress, der Korallenriffen zusetzt, oder gibt es auch andere Gründe? Umweltverschmutzung etwa?

Frade: Ja, es gibt einige Ursachen, wobei Hitzestress sicher die Hauptursache ist. Aber auch lokale Verschmutzung, etwa durch Dünger aus der Landwirtschaft, setzt den Riffen zu. Aber das sind eher lokale Effekte. Und wir sind bereits ziemlich gut darin, solche Faktoren zu managen. Das Great Barrier Reef ist wahrscheinlich das am besten gemanagte Korallenriff der Welt, wenn es um solche lokalen Effekte geht. Eine Korallenbleiche kann aber nicht lokal gelöst werden.

T&N: Gibt es keine technischen Lösungen, um etwa Korallen widerstandsfähiger gegen Hitze zu machen?

Frade: Natürlich gibt es jede Menge Versuche, Lösungen zu finden. Die einzige, nachhaltige Lösung ist aber, die Klimakrise zu verlangsamen. Zusätzlich versuchen einige Wissenschaftler:innen zu verstehen, warum einige Riffe resistenter gegen Korallenbleichen sind als andere. Auch manche Korallenarten sind resistenter als andere Arten. Man kann also sagen, dass es auch unter den Korallen Gewinner und Verlierer gibt.

T&N: Wird sich ein Korallenriff in Zukunft dann zu einer Monokultur verwandeln, wie man es von Wäldern kennt?

Frade: So könnte man es vielleicht sehen. Aber es sind vor allem die großen, verzweigten Korallen, die von der Bleiche betroffen sind. Diese tragen besonders viel zum Ökosystem des Korallenriffs bei. Man kann jetzt versuchen, diese Korallen an bereits tote Riffe zu transplantieren, um es wiederzubeleben. Man versucht auch eine Art „Superkoralle“ zu entwickeln, die besser auf die äußeren Umstände angepasst ist.

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T&N: Also eine genetisch veränderte Superkoralle?

Frade: Nun ja, genetisch verändert würde ich nicht sagen. Wissenschaftler:innen sprechen von einer „beschleunigten Evolution“. Es werden also keine Gene verändert, sondern angepasstere Formen herangezüchtet. Sowohl von den Korallen, als auch von den Mikroalgen, die in den Korallen leben.

T&N: Und wie viel Zeit haben wir dafür?

Frade: Bisher haben wir rund 50 Prozent der tropischen Korallenriffe verloren, bis Mitte des Jahrhunderts geht man davon aus, dass die meisten Riffe kollabiert sind. Wir dachten auch immer, das Great Barrier Reef ist zu groß, um wirklich in Gefahr zu sein. In den letzten zehn, zwanzig Jahren zeigte sich aber, dass es genauso bedroht ist.´

T&N: Das hört sich so an, als ob man als einzelne Person ohnehin nicht mehr viel für Korallenriffe tun kann.

Frade: Sagen wir so, es ist zwar ein globales Problem, aber jeder und jede kann auch seinen oder ihren Part dazu beitragen – etwa durch Parteien, die wir wählen. Oder auch durch tägliche Entscheidungen: Ob wir mit dem Auto fahren oder unseren Konsum einschränken. Wir alle haben einen gewissen Einfluss auf unsere Umwelt.

T&N: Bist du zuversichtlich, dass unsere Kinder und Kindeskinder noch Korallen so erleben, wie wir es tun?

Frade: Das ist natürlich eine schwierige Frage. Ich muss sagen, ich weiß es nicht. Aber ich habe Hoffnung. Unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen wird sich ändern, das ist nur eine Frage der Zeit. Das Problem ist, dass das für Korallenriffe bereits zu spät sein könnte. Dafür müssten wir den globalen Temperaturanstieg unter 1,5 Grad halten. Und selbst dann ist ihr Überleben nicht gesichert. Jetzt gerade stehen wir vor der Entscheidung, wie viele Korallenriffe wir verlieren und wie viele überleben. Es liegt jetzt an uns, diese Katastrophe abzuwenden.

 

Hinweis: Das Interview wurde auf Englisch geführt und ins Deutsche übersetzt.

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