Non-Fungible Tokens

Kryptokunst: NGOs machen aus bedrohten Arten digitale Sammlerstücke

Adrian Scottow (CC BY-SA 2.0)
Jetzt auch als digitale Art zu schützen: Der Seychellendajal © Adrian Scottow (CC BY-SA 2.0)

Eine Million Tier- und Pflanzenarten – so viele sind laut einem Bericht des Weltbiodiversitätsrates der Vereinten Nationen weltweit vom Aussterben bedroht. Allein in Europa sind es laut EU-Parlament mehr als 1.600 Arten. Um Tierarten zu schützen, bieten viele Naturschutzorganisationen Tierpatenschaften an. Unterstützende zahlen einen regelmäßigen Beitrag, mit dem der Schutz einer Art finanziert werden soll. Soweit nichts Besonderes. Neue Technologien eröffnen den NGOs jedoch neue Finanzierungsmodelle beim Artenschutz.

Immer mehr Umweltorganisationen setzen nämlich auf sogenannte Non-Fungible Tokens (NFTs), digital geschützte Objekte, die nicht ausgetauscht oder kopiert werden können. Genutzt wird die Technik etwa, um computergenerierte Kunstwerke oder andere digitale Dateien als Unikate zu kennzeichnen und verkaufen zu können. In der realen Welt wäre etwa die Mona Lisa ein NFT, da sie einzigartig ist und unersetzbar ist. Einige Nichtregierungsorganisationen nutzen die Technik nun, um auf bedrohte Arten aufmerksam zu machen und deren Schutz zu finanzieren.

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Bedrohte Arten als Unikate zum Sammeln

Die Naturschutzorganisation WWF will die digitalen Echtheitszertifikate etwa nutzen, um auf die Lage bedrohter Tierarten aufmerksam zu machen. In einer Aktion, die im November startet, verkauft die Organisation die Werke von zehn Künstler:innen, die sich mit bedrohten Arten wie den Vaquita-Walen oder Berggorillas beschäftigen, in Form von digitalen Zertifikaten. Die Zahl der zu erwerbenden Werke ist dabei jeweils auf die genaue Anzahl der noch lebenden Exemplare der dargestellten Tierart limitiert. Laut WWF werden aus 22 noch lebenden Vaquita-Walen beispielsweise 22 limitierte NFTs.

Doch auch andernorts haben NGOs die Technik bereits für ihre Arbeit entdeckt. Auf dem ostafrikanischen Inselstaat Seychellen hat die NGO Nature Seychelles etwa aus dem Seychellendajal, einer bedrohten, einheimischen Vogelart, mithilfe von NFTs ein Sammelobjekt gemacht. Wie viele afrikanische Arten war die Vogelart durch die Zerstörung von Lebensräumen und eingeführten, invasiven Arten stark zurückgegangen. Laut der NGO gibt es derzeit nur noch etwa 460 Seychellendajale. Diese Anzahl ist allerdings schon ein Erfolg. So hat es den Angaben der NGO zufolge in den 1990-er Jahren nur noch weniger als 20 Tiere gegeben.

Mit den NFTs will die NGO die Erhaltung der Art nun weiter finanzieren. Jeder zu erwerbende Token stellt einen lebenden, gefährdeten Vogel im Cousin Island Special Reserve auf den Seychellen dar. Die Preise reichen dabei von 10 US-Dollar bis hin zu 10.000 US-Dollar. Die Erlöse der ersten Verkäufe gehen an die NGO. Wird ein Token weiterverkauft, erhalten die neuen Besitzer:innen, aber auch die NGO einen Anteil des Geldes. Dadurch schaffen sich die Organisationen eine langfristige Einnahmequelle.

Blockchain mit starker Klimabelastung

Dass ein NFT immer nur an eine Person gebunden ist, wird mithilfe von Blockchain gewährleistet. Vereinfacht ist das ein digitales Verzeichnis, das über mehrere Computernetzwerke verteilt ist und in dem das Eigentum an jedem NFT festgehalten wird. Die Technologie steht jedoch oft in der Kritik, denn die zugrundeliegende Infrastruktur verbraucht enorm viele Energie, was sich negativ auf das Klima auswirkt. Einige Betreibende versuchen daher, die entstehenden hohen Emissionen mit Zertifikaten auszugleichen, doch deren Wirksamkeit für das Klima ist umstritten. Beim WWF finden laut eigenen Angaben sowohl das Herstellen der NFTs (minting) als auch der Transfer auf Polygon statt, die als umweltfreundliche Blockchain mit geringem Energieverbrauch gelte.

Im Falle der Seychellen haben die beteiligten NGOs auf eine CO2-neutrale Methode gesetzt, die laut Berichten des Magazins Reset fast keinen Energiebedarf hat. Statt die Blockchain weltweit zu hosten, hosten sie die Infrastruktur selbst. Dadurch sind die Vögel-Sammlerstücke energieeffizienter als etwa die Kryptowährung Bitcoin. Für andere Systeme, die weltweit vernetzt sind, bleibt die Klimabelastung weiterhin ein großes Problem.

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Großer Markt vorhanden

Davon unberührt erleben die digitalen Zertifikate in der Kunstszene derzeit einen Boom. Im vergangenen März verkaufte das Auktionshaus Christie’s laut The Verge eine Collage des Digitalkünstlers Beeple als NFT für den Rekordpreis von knapp 70 Mio. US-Dollar. Twitter-Gründer Jack Dorsey verkaufte seinen ersten Tweet für 2,9 Mio. US-Dollar. Die Verbreitung von Blockchains und Kryptowährungen hat das allgemeine Interesse an und den Handel mit NFTs weiter verstärkt. Im ersten Quartal 2021 lag der Umsatz im NFT-Markt laut Reuters bei über 2 Mrd. USD. Für die Zukunft ist daher denkbar, dass auch viele andere bedrohte Arten zu NFT-Sammlerstücken gemacht werden. Denn der wachsende Markt und die Beliebtheit der digitalen Sammelobjekte bieten NGOs die Chance, zusätzliche Finanzmittel für den Artenschutz zu erschließen. Ob sich das voranschreitende Artensterben auf der Welt und in Europa damit eindämmen lässt, ist bisher jedoch noch nicht abzusehen.

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