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Neocloud: Die neuen Wetten auf das Geschäft mit KI-Infrastruktur

Neocloud of Nebius. © Nebius
Neocloud of Nebius. © Nebius

KI-Infrastruktur boomt wie kaum ein anderer Sektor der Tech-Industrie: Hunderte Milliarden Dollar fließen derzeit in Rechenzentren, GPUs, Netzwerktechnik und Energiekapazität, um das Training und den Betrieb immer größerer KI-Modelle zu stemmen. Lange dominierten die Hyperscaler Amazon, Microsoft und Google dieses Geschäft – und auch Meta baut mit Milliarden-Investitionen massiv eigene Kapazitäten auf. Doch inzwischen will eine neue Generation von Firmen vom Boom profitieren: hochspezialisierte Anbieter, die sich ganz auf KI-Rechenleistung konzentrieren.

Der Begriff für sie tauchte Ende 2024 erstmals in Analysten-Reports auf, mittlerweile ist er fester Bestandteil des Tech-Vokabulars: „Neoclouds“ bezeichnen eine neue Klasse von Cloud-Anbietern, die sich fast ausschließlich auf die Vermietung von GPU-Rechenleistung für KI-Workloads spezialisiert haben. Die Research-Firma SemiAnalysis, die das Framing mit ihrem „AI Neocloud Playbook“ prägte, definiert sie als „a new breed of cloud compute provider focused on offering GPU compute rental“ – keine CRM-Hosting-Dienste, keine Objektspeicher-Imperien, sondern GPUs, Netzwerktechnik und eine Rechnung.

Die Zahlen dahinter sind beachtlich: Laut Synergy Research Group erwirtschaftete der Neocloud-Sektor 2025 mehr als 25 Milliarden US-Dollar Umsatz, allein im vierten Quartal wuchsen die Erlöse um 223 Prozent im Jahresvergleich auf 9 Milliarden Dollar. Bis 2031 soll der Markt bei einer jährlichen Wachstumsrate von 58 Prozent auf knapp 400 Milliarden Dollar anwachsen.

Was Neoclouds von Hyperscalern unterscheidet

Die klassischen Hyperscaler – Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google Cloud – bieten ein breites Portfolio aus hunderten Diensten: virtuelle Maschinen, Datenbanken, Speicher, Netzwerke, Compliance-Zertifizierungen und globale Redundanz über Dutzende Regionen hinweg. Neoclouds verzichten auf fast all das. Ihr Geschäftsmodell konzentriert sich auf einen einzigen Engpass: den Zugang zu Nvidia-GPUs (und zunehmend AMD-Beschleunigern) für Training und Inferenz von KI-Modellen.

Daraus ergeben sich mehrere strukturelle Unterschiede:

Geschwindigkeit statt Breite. Neoclouds entstanden, weil die KI-Nachfrage schneller wuchs, als die etablierten Anbieter Kapazität aufbauen konnten. KI-Labore und Enterprise-Kunden brauchten GPU-Cluster sofort – und spezialisierte Anbieter konnten schneller liefern, teils mit modularen Rechenzentren, die in rund sechs Monaten statt zwei bis drei Jahren einsatzbereit sind.

Take-or-Pay-Verträge und Fremdkapital. Das typische Playbook: mehrjährige Abnahmeverträge mit Hyperscalern und KI-Laboren abschließen, gegen diese Verträge Fremdkapital aufnehmen (oft GPU-besichert mit 60 bis 70 Prozent Beleihungsquote) und mit dem Geld die nächste Ausbaustufe finanzieren. CoreWeave allein hat rund 8 Milliarden Dollar an Term Loans und Delayed-Draw-Fazilitäten offengelegt.

Kunden sind zugleich Konkurrenten. Kurioserweise zählen die Hyperscaler selbst zu den größten Kunden der Neoclouds. Microsoft hat Verpflichtungen von rund 60 Milliarden Dollar bei CoreWeave, Nebius und Nscale abgeschlossen – auch, weil solche Verträge als Betriebsausgaben über die Laufzeit verbucht werden und nicht als Capex die eigene Bilanz belasten. Meta hat mit CoreWeave (35,2 Mrd. Dollar) und Nebius (bis zu 27 Mrd. Dollar) ebenfalls Milliardendeals geschlossen.

Strom als Engpass. Der Wettbewerb verlagert sich zunehmend von der GPU-Beschaffung zur Energieversorgung. CoreWeave peilt bis Ende 2026 1,7 Gigawatt aktive Leistung an, Nebius bis zu 1 Gigawatt angeschlossene Kapazität bei über 4 Gigawatt kontrahierter Leistung. Netzbetreiber in den USA warnen bereits, dass die Rechenzentrumspläne ihre Lastprognosen sprengen.

Die wichtigsten Player

CoreWeave gilt als Referenzfall der Kategorie. Das US-Unternehmen ging im März 2025 zu 40 Dollar je Aktie und rund 23 Milliarden Dollar Bewertung an die Nasdaq, erreichte 2025 als schnellste Cloud der Geschichte 5 Milliarden Dollar Jahresumsatz und meldete per März 2026 einen Auftragsbestand (Remaining Performance Obligations) von 99,4 Milliarden Dollar. Zu den Kunden zählen OpenAI, Microsoft, Nvidia, Meta – und seit April 2026 auch Anthropic mit einem mehrjährigen Compute-Vertrag. Die Capex-Planung für 2026 liegt bei bis zu 35 Milliarden Dollar. Profitabel ist das Unternehmen nicht: Die Abschreibungen fraßen zuletzt mehr als die Hälfte des Umsatzes.

Nebius, hervorgegangen aus den internationalen Resten des russischen Tech-Konzerns Yandex und mit Flaggschiff-Rechenzentrum in Finnland, wuchs im ersten Quartal 2026 um 684 Prozent auf 399 Millionen Dollar Umsatz und drehte das bereinigte EBITDA mit 129,5 Millionen Dollar ins Plus. Der Auftragsbestand liegt bei 46 Milliarden Dollar, darunter ein Microsoft-Deal über 17,4 bis 19,4 Milliarden Dollar. Anders als CoreWeave, das fast ausschließlich auf Colocation setzt, betreibt Nebius mehr als 75 Prozent seiner kontrahierten Kapazität in eigenen Rechenzentren. Für europäische Investoren gilt die Aktie als eine der wenigen liquiden Möglichkeiten, über ein europäisch domiziliertes, US-gelistetes Unternehmen in KI-Infrastruktur zu investieren. Gemeinsam mit CoreWeave wurde Nebius Ende Juni 2026 in den Nasdaq 100 aufgenommen.

Arkady Volozh, founder and CEO of Nebius. © Nebius
Arkady Volozh, founder and CEO of Nebius. © Nebius

Together AI verfolgt ein anderes Modell: Das 2021 gegründete Startup aus San Francisco positioniert sich als Entwicklerplattform für Open-Source-Modelle und kombiniert eine Token-basierte Inferenz-API (rund 30 bis 40 Prozent des Umsatzes) mit klassischer GPU-Vermietung. Die Kapazität mietete Together historisch selbst bei Anbietern wie CoreWeave und Lambda an, baut aber zunehmend eigene Rechenzentren auf (Maryland seit Juli 2025, Memphis in Vorbereitung). Im Februar 2026 erreichte das Unternehmen laut Sacra rund 1 Milliarde Dollar annualisierten Umsatz – gut dreimal so viel wie Mitte 2025. Berichten zufolge schloss Together zuletzt eine Finanzierungsrunde über rund 1 Milliarde Dollar bei 7,5 Milliarden Dollar Bewertung ab, mehr als eine Verdopplung gegenüber den 3,3 Milliarden Dollar vom Februar 2025. Zu den Investoren zählen Nvidia, General Catalyst, Salesforce Ventures und Aramcos Venture-Arm Prosperity7.

SpaceX ist der ungewöhnlichste Neuzugang in der Kategorie. Nach der Übernahme von Elon Musks KI-Firma xAI im Februar 2026 vermietet der Raumfahrtkonzern Rechenkapazität aus seinen terrestrischen Rechenzentren: Anthropic sicherte sich im Mai die gesamte Kapazität des Colossus-1-Rechenzentrums – Berichten zufolge für rund 1,25 Milliarden Dollar pro Monat –, ähnliche Verträge folgten mit Google und Reflection AI. Beim Börsengang am 13. Juni 2026 (Ticker: SPCX) nahm SpaceX 75 Milliarden Dollar ein; die Aktie schloss am ersten Handelstag bei 160,95 Dollar, was einer Marktkapitalisierung von rund 2,1 Billionen Dollar entspricht. Parallel treibt das Unternehmen mit dem AI1-Satelliten (150 Kilowatt Spitzenleistung, 70 Meter Spannweite) und einem FCC-Antrag für bis zu eine Million Satelliten den Plan orbitaler Rechenzentren voran – erste Prototypen sollen Anfang 2027 starten. Ob Weltraum-Compute wirtschaftlich konkurrenzfähig wird, ist umstritten: SemiAnalysis rechnet damit, dass die Kosten je Recheneinheit im Orbit erst um das Jahr 2040 mit terrestrischen Rechenzentren gleichziehen könnten.

Dahinter formiert sich ein breites Feld privater Anbieter: Lambda sammelte Ende 2025 mehr als 1,5 Milliarden Dollar ein und arbeitet an einem Börsengang. Crusoe, Erbauer des OpenAI-Stargate-Campus in Abilene (Texas), wurde im Oktober 2025 bei einer 1,375-Milliarden-Dollar-Runde mit über 10 Milliarden Dollar bewertet. Das britische Nscale – Europas größter eigenständiger Neocloud-Anbieter mit Microsoft, OpenAI und Nvidia auf der Investorenliste – erreichte im März 2026 mit einer 2-Milliarden-Dollar-Serie-C eine Bewertung von 14,6 Milliarden Dollar und baut unter anderem Stargate Norway sowie einen 66.000-GPU-Standort in Portugal für Microsoft.

Bewertungen und Kennzahlen im Überblick

Unternehmen Status Bewertung / Marktkapitalisierung Umsatz / ARR (zuletzt) Auftragsbestand Besonderheit
CoreWeave (CRWV) Börsennotiert (IPO 3/2025) ~50–60 Mrd. $ (volatil; Kurs zuletzt ~100 $) ~5 Mrd. $ (GJ 2025) 99,4 Mrd. $ RPO (3/2026) Größter Pure-Play; Meta-Deals über 35,2 Mrd. $; Capex 2026 bis 35 Mrd. $
Nebius (NBIS) Börsennotiert ~55–60 Mrd. $ (Kurs zuletzt ~235 $, volatil) 399 Mio. $ (Q1/2026, +684 %); Ziel 7–9 Mrd. $ ARR Ende 2026 ~46 Mrd. $ >75 % eigene Rechenzentren; Microsoft-Deal 17,4–19,4 Mrd. $; EU-Fokus
SpaceX (SPCX) Börsennotiert (IPO 6/2026) ~2,1 Billionen $ (gesamter Konzern) Anthropic-Vertrag ber. ~1,25 Mrd. $/Monat (Compute-Sparte) k. A. xAI-Übernahme 2/2026; Colossus-Rechenzentren; Plan für orbitale Rechenzentren (AI1)
Together AI Privat 7,5 Mrd. $ (Runde ~4/2026, ber.) ~1 Mrd. $ ARR (2/2026) k. A. Open-Source-Plattform; Token-API + GPU-Vermietung; ~45 % Bruttomarge
Nscale Privat 14,6 Mrd. $ (Serie C, 3/2026) k. A. Milliarden-Verträge mit Microsoft Europas größter Neocloud; Stargate Norway; IPO-Ambitionen
Crusoe Privat >10 Mrd. $ (10/2025) k. A. k. A. Energie-Fokus; Erbauer des Stargate-Campus Abilene; modulare Rechenzentren
Lambda Privat k. A. (>1,5 Mrd. $ Raise Ende 2025) k. A. k. A. Entwickler-Fokus; IPO in Vorbereitung

Stand: 1. Juli 2026. Marktkapitalisierungen börsennotierter Unternehmen unterliegen starken Schwankungen; private Bewertungen basieren auf den jeweils letzten Finanzierungsrunden bzw. Medienberichten. RPO = Remaining Performance Obligations.

Die Risiken: Schulden, Abschreibungen, Kundenkonzentration

So beeindruckend die Wachstumszahlen sind, so real sind die Risiken. Keiner der großen Neoclouds schreibt nach GAAP schwarze Zahlen – die Abschreibungen auf die GPU-Flotten verschlingen bei CoreWeave wie Nebius jeweils rund die Hälfte des Umsatzes. Analysten verweisen zudem auf eine „Refinanzierungswand“: Zig Milliarden Dollar an überwiegend GPU-besicherten Krediten von CoreWeave, Nebius, Lambda, Crusoe und Applied Digital werden zwischen 2026 und 2028 fällig – in einem engen Zeitfenster und bei einem kleinen, stark korrelierten Kreis von Kreditgebern.

Hinzu kommt die Kundenkonzentration – und die wurde am 1. Juli 2026 schlagartig sichtbar: Nachdem Bloomberg berichtete, dass Meta unter dem Namen „Meta Compute“ ein eigenes Cloud-Geschäft prüft und überschüssige KI-Kapazität verkaufen könnte, brachen die Aktien von Nebius und CoreWeave zeitweise um rund 15 Prozent ein, IREN verlor gut 6 Prozent. Der größte Kunde könnte damit zum Konkurrenten werden – ein Muster, das SpaceX mit der Vermarktung eigener Colossus-Kapazität bereits vorgemacht hat. Kritiker unter Venture-Investoren spotten ohnehin, Neoclouds seien weniger Technologieunternehmen als Immobilien- und Strommarkt-Wetten im KI-Gewand.

Befürworter halten dagegen: Metas Bereitschaft, zig Gigawatt an KI-Kapazität aufzubauen, bestätige gerade, wie massiv die Compute-Nachfrage bleibt. IDC-Analysten sehen den Markt in eine dauerhafte Zweiteilung laufen – Hyperscaler für das breite Cloud-Geschäft, Neoclouds als spezialisierte, langfristige KI-Infrastrukturbetreiber. Welche der beiden Lesarten sich durchsetzt, dürften die kommenden Quartale zeigen: dann nämlich, wenn sich erweisen muss, ob sich die Rekord-Auftragsbestände tatsächlich in profitablen Umsatz verwandeln lassen.

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