OpenAI kauft Kieler KI-Startup Ona, um Codex zu stärken
Nach dem Verkauf von Emmi AI an Mistral folgt nun innerhalb weniger Wochen der nächste große AI-Exit aus dem Speedinvest-Portfolio: Ona wird von OpenAI übernommen. Das hat OpenAI am Donnerstag offiziell bekannt gegeben, zuvor hatte Bloomberg berichtet. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart, die Transaktion steht noch unter dem Vorbehalt regulatorischer Genehmigungen.
Ona, 2020 in Kiel, Deutschland gegründet, entwickelt AI Agents für Softwareentwicklung, die Entwicklern dabei helfen, Code zu schreiben, Fehler zu finden und Änderungen direkt in Entwicklungsumgebungen umzusetzen. Das Unternehmen – früher unter dem Namen Gitpod bekannt – hat nach eigenen Angaben rund zwei Millionen Entwickler:innen dabei unterstützt, in sicheren, reproduzierbaren Cloud-Umgebungen zu arbeiten. Genau diese Technologie soll nun das Herzstück der nächsten Ausbaustufe von OpenAIs Coding-Agent Codex werden.
Warum OpenAI diesen Zukauf machen muss
Die Übernahme ist für OpenAI keine Kür, sondern strategische Pflicht. Codex zählt mittlerweile mehr als fünf Millionen wöchentlich aktive Nutzer:innen – ein Plus von 400 Prozent gegenüber dem Jahresbeginn. Und die wertvollste Arbeit, die der Agent verrichtet, erstreckt sich zunehmend über Stunden oder Tage statt über Minuten. Wer Agenten ambitionierte Aufgaben delegieren will, darf nicht mehr an das Gerät gebunden sein, auf dem die Arbeit gestartet wurde. Die Aufgabe muss weiterlaufen, wenn der Laptop zugeklappt wird – und vom Smartphone oder Tablet aus überprüfbar, steuerbar und abnehmbar sein.
Genau dafür fehlte OpenAI bisher die Infrastruktur: ein sicherer, persistenter Ort, an dem Agenten über lange Zeiträume mit Zugriff auf Tools, Systeme und Kontext arbeiten können. Ona liefert diese Schicht. Das kundenkontrollierte Ausführungsmodell des Kieler Unternehmens erlaubt es, dass Agenten innerhalb der eigenen Cloud-Umgebung einer Organisation operieren, während OpenAI die Intelligenz und Orchestrierung beisteuert. Unternehmen behalten so die Kontrolle über Infrastruktur, Daten und Sicherheitsgrenzen – über Fragen wie: Wo laufen die Agenten, worauf dürfen sie zugreifen, wie sind Credentials gescoped, wie wird Aktivität geloggt?
Das ist im Enterprise-Geschäft der entscheidende Hebel. OpenAI bedient nach eigenen Angaben inzwischen mehr als zwei Millionen Geschäftskunden, doppelt so viele wie vor einem Jahr. Und Codex wächst längst über klassische Software-Teams hinaus: Produktteams, Analyst:innen und andere Knowledge Worker nutzen den Agenten für Recherche, Analyse und Automatisierung. Laut OpenAI machen Knowledge Worker bereits rund ein Fünftel der Codex-Nutzer:innen aus – und wachsen mehr als dreimal so schnell wie die Kerngruppe der Entwickler:innen.
Dazu kommt der Konkurrenzdruck: OpenAI liefert sich mit Anthropic ein Rennen um die Vorherrschaft bei AI-Coding-Agenten – Anthropics Claude Code gilt als wesentlicher Treiber des explosiven Wachstums des Rivalen. Beide Unternehmen haben bereits vertrauliche Unterlagen für einen Börsengang eingereicht. Wer im Enterprise-Segment gewinnen will, braucht nicht nur die besten Modelle, sondern auch die Deployment-Schicht, die Konzerne mit höchsten Sicherheits- und Compliance-Anforderungen überzeugt. Die Ona-Übernahme reiht sich damit in eine ganze Serie von Zukäufen ein: Erst im März kündigte OpenAI die Übernahme des Cybersecurity-Startups Promptfoo an, im Jänner kaufte man das HealthTech Torch für rund 60 Millionen US-Dollar, 2025 sorgte der über sechs Milliarden Dollar schwere Kauf von Jony Ives Hardware-Startup io für Aufsehen.
„Agenten brauchen mehr als Intelligenz – sie brauchen einen vertrauenswürdigen Arbeitsplatz“, sagt Ona-Mitgründer und CEO Johannes Landgraf. Man habe Ona gebaut, um Agenten Cloud-Umgebungen mit dem Kontext, der Kontrolle und der Kollaboration zu geben, die Unternehmen verlangen. Der Wechsel zu OpenAI ermögliche es, dieses Fundament direkt in Codex einzubringen.
Großer Exit für Speedinvest – der zweite binnen weniger Wochen
Für den Wiener VC Speedinvest ist der Deal ein bedeutender Exit – und bereits der zweite große AI-Exit innerhalb kürzester Zeit. Erst vor wenigen Wochen verkaufte Speedinvest seine Anteile am Linzer Physics-AI-Startup Emmi AI an Mistral AI. Speedinvest ist der erste und größte Investor in Ona und hat das Unternehmen seit der Gründung eng begleitet.
Emmi AI und Ona stehen beide für dieselbe Entwicklung: AI verschiebt sich von allgemeinen Modellen und Chatbots hin zu tiefen technischen Anwendungen – von industriellen Systemen bis zu Enterprise-Softwareentwicklung und Infrastruktur. Aus unserer Sicht zeigt das einen größeren Trend: Österreich hat zwar kein eigenes Mistral oder OpenAI, aber österreichisches Kapital und Talent helfen dabei, jene europäischen AI-Unternehmen aufzubauen, die für die global wichtigsten AI-Labs strategisch relevant werden.
Speedinvest-CEO Oliver Holle kommentiert die Übernahme so:
„Europa fragt sich längst nicht mehr nur, welche Rolle es im KI-Zeitalter spielen wird. Die Übernahme des in Deutschland gegründeten Unternehmens Ona durch OpenAI zeigt: Europäische Gründer bauen Technologien, die selbst die führenden KI-Unternehmen der Welt brauchen, um KI in die praktische Anwendung zu bringen. Genau daran arbeitet Ona für Enterprise-Software-Teams. Die Übernahme folgt nur wenige Wochen nachdem Mistral mit Emmi AI ein österreichisches Unternehmen übernommen hat, das Physics AI für Industrie und Wissenschaft nutzbar macht. Bei beiden Unternehmen war Speedinvest der erste und größte Investor. Zwei Unternehmen, zwei der weltweit wichtigsten KI-Player und ein klares Signal: Europa baut KI, die wirklich gebraucht wird.“
Wie es weitergeht
Bis zum Closing bleiben OpenAI und Ona getrennte Unternehmen. Nach Abschluss der Transaktion wird das Ona-Team zu OpenAI wechseln und gemeinsam mit dem Codex-Team daran arbeiten, sichere, persistente Enterprise-Ausführungsumgebungen auszubauen und Codex bei mehr Unternehmen weltweit auszurollen. CEO Johannes Landgraf schrieb auf LinkedIn, er habe immer gedacht, der Verkauf des Unternehmens würde sich wie ein Ende anfühlen – stattdessen fühle es sich an, als sei das Lebenswerk gerade größer und wichtiger geworden.

