Build in Public: Der Trend zur gläsernen Startup-Werkstatt
Umsatzmeilensteine auf LinkedIn, gescheiterte Launches im Founder-Blog, Hiring-Aufrufe mit Einblick in die Firmenkultur: Immer mehr Startups bauen ihr Unternehmen vor den Augen der Öffentlichkeit auf. „Build in Public“ heißt der Trend, der mittlerweile auch im DACH-Raum angekommen ist. Was steckt dahinter, und wo liegen die Grenzen der radikalen Transparenz?
Was Build in Public bedeutet
Build in Public beschreibt die Praxis, den Aufbau eines Unternehmens öffentlich zu dokumentieren – nicht erst, wenn das Produkt fertig ist, sondern währenddessen. Gründer:innen teilen dabei Dinge, die klassischerweise hinter verschlossenen Türen bleiben: Umsatzzahlen, Nutzerstatistiken, Produkt-Roadmaps, Hiring-Entscheidungen, aber auch Rückschläge, Fehlentscheidungen und gescheiterte Experimente. Die wichtigsten Kanäle sind X (vormals Twitter), LinkedIn, Newsletter und Podcasts – im DACH-Raum dominiert klar LinkedIn.
Der Ansatz unterscheidet sich von klassischer Startup-PR in einem zentralen Punkt: Kommuniziert wird nicht das polierte Endergebnis, sondern der Prozess – inklusive der unbequemen Teile.
Woher der Trend kommt
Als Pionier der Bewegung gilt das US-Unternehmen Buffer, das der Österreicher Leo Widrich mitgründete: Das Social-Media-Tool erklärte bereits 2013 „Default to Transparency“ zu einem seiner Kernwerte und legte in der Folge Umsätze, Nutzerzahlen und sogar die Gehälter aller Mitarbeiter:innen samt Berechnungsformel offen.
Ghost-Gründer John O’Nolan folgte 2014 mit öffentlichen Geschäftszahlen, und ab 2018 machte Pieter Levels (Nomad List, Remote OK) das Konzept in der Indie-Hacker-Szene populär, indem er für jedes seiner Projekte offene Dashboards mit Umsatz- und Traffic-Daten einrichtete. Autoren wie Arvid Kahl, der seine gesamte Gründungsreise bis zum Exit öffentlich dokumentierte, gaben der Bewegung schließlich ein theoretisches Fundament.
Mit dem AI-Boom hat Build in Public eine neue Dimension erreicht. Das prominenteste Beispiel ist das schwedische Vibe-Coding-Startup Lovable: CEO Anton Osika kommunizierte die ARR-Meilensteine seines Unternehmens – von 4 Millionen US-Dollar nach vier Wochen über 100 Millionen im Sommer 2025 bis zu 400 Millionen Anfang 2026 – in Echtzeit über soziale Medien und Interviews.
Das Unternehmen machte sogar seine gescheiterten ersten beiden Launches öffentlich und analysierte die Gründe dafür in eigenen Blogposts. Die laufende Berichterstattung über die Wachstumszahlen wurde so selbst zum Marketinginstrument – und Lovable binnen Monaten zum Unicorn.
Beispiele aus Österreich
Auch heimische Startups setzen zunehmend auf den Ansatz – mit unterschiedlichen Ausprägungen:
fonio.ai: Das Wiener Voice-AI-Startup rund um Daniel Keinrath kommuniziert Wachstumsschritte, Umsatzentwicklung und Finanzierungsmeilensteine offensiv über LinkedIn. Die Seed-Runde über 14,6 Millionen Euro – eine der größten in Österreich der letzten Jahre – wurde von einer breiten öffentlichen Erzählung des Gründerteams begleitet.
Chatarmin: Das gebootstrappte Wiener WhatsApp-Marketing-Startup von Johannes Mansbart ist eines der konsequentesten Build-in-Public-Beispiele des Landes. Mansbart teilt auf LinkedIn regelmäßig Einblicke in Umsatzentwicklung, Hiring, Sales-Strategie und Unternehmenskultur – und nutzt die Reichweite gezielt für Recruiting und Kundengewinnung.
Heizma: Das Wärmepumpen-Startup der Gründer Alexander Valtingojer, Michael Kowatschew und Valentin Perkonigg dokumentiert seine rasante Skalierung – von null auf über 70 Mitarbeiter:innen in neun Monaten – ebenso öffentlich wie seine Finanzierungsrunden. Die Gründer treten dabei als Personenmarken auf, die das Unternehmen nach außen tragen.
eustella: Die Wiener AI-Agent-Plattform dokumentiert ihre Entwicklung von der Closed Beta bis zur Open Beta öffentlich – inklusive Community-Einbindung, offener Roadmap-Diskussionen und Open-Source-Ansatz. (Transparenzhinweis: Der Autor ist Mitgründer von eustella.)
Die Vorteile: Vertrauen, Feedback, Reichweite
Die Argumente für Build in Public sind aus Sicht der Gründer:innen handfest. Erstens: Vertrauen. Wer Zahlen offenlegt, statt mit vagen Superlativen zu arbeiten, wirkt glaubwürdiger – gegenüber Kund:innen, Investor:innen und potenziellen Mitarbeiter:innen gleichermaßen. Laut Buffers „State of Social Media“-Report berichten Creator, die ihre berufliche Reise öffentlich teilen, von messbar höherem Nutzervertrauen und stärkerer Markenbindung.
Zweitens: Feedback. Wer den Entwicklungsprozess öffentlich macht, bekommt früh Rückmeldungen von echten Nutzer:innen – noch bevor teure Fehlentwicklungen passieren. Das beschleunigt die Suche nach Product-Market-Fit.
Drittens: Reichweite ohne Werbebudget. Gerade für gebootstrappte Startups ersetzt die organische Reichweite der Gründer-Accounts klassisches Marketing. Inbound-Bewerbungen, Presseanfragen, Partnerschaften und Kundenkontakte entstehen als Nebenprodukt der Sichtbarkeit. Im aktuellen Umfeld, in dem kleine Teams mit AI-Tools große Wirkung erzielen können, ist die persönliche Marke der Gründer:innen oft der günstigste Wachstumskanal.
Die Nachteile: Konkurrenz liest mit
Die Kehrseite ist ebenso real. Wettbewerber bekommen wertvolle Informationen frei Haus: Umsatzzahlen, Pricing-Experimente und Produktstrategien lassen sich kopieren oder gezielt angreifen. Was als Community-Building gedacht ist, kann zur Wettbewerbsanalyse für die Konkurrenz werden.
Dazu kommt der Druck der öffentlichen Erzählung: Wer monatelang Wachstumskurven postet, kann schlecht still werden, wenn die Zahlen stagnieren. Das verleitet zu geschönten Metriken – etwa kreativ berechneten ARR-Werten, einem Vorwurf, der in der AI-Branche regelmäßig diskutiert wird. Im schlimmsten Fall wird die Erzählung wichtiger als das Geschäft.
Auch der Zeitaufwand ist nicht trivial: Konsistentes Posten, Community-Management und die ständige Selbstvermarktung binden Gründerkapazität, die anderswo fehlen kann. Und nicht zuletzt gibt es rechtliche und kulturelle Grenzen: Sobald Investoren, Betriebsräte oder regulierte Märkte im Spiel sind, lässt sich nicht mehr alles teilen. In sicherheitskritischen oder konservativen Branchen kann radikale Offenheit sogar abschreckend wirken.

