Startup-Österreich kann sich von den Schweden einige Scheibchen abschneiden
Wer sich aktuell mit dem Zustand der österreichischen Wirtschaft im Allgemeinen wie auch mit den Innovationssektor im Besonderen beschäftigt, der schaut derzeit angestrengt nach Norden. Nämlich nach Schweden. Wie mehrmals berichtet, hat das skandinavische Land mit 10,5 Mio. Einwohnern (vs. 9,2 Mio. in Österreich eine ganze Reihe an Tech-Unicorns hervorgebracht. Besonders bemerkenswert: Lovable (330 Millionen Dollar, Serie B) und Legora (550 Millionen Dollar, Serie D) haben in den vergangenen vier Monaten mehr Kapital aufgebracht als alle österreichischen Startups und Scale-ups zusammen in zwei Jahren.
Dabei sind sich die beiden Länder gar nicht so unähnlich in den grundlegenden Faktoren:
| Österreich | Schweden | |
|---|---|---|
| BIP (2025) | ~$566 Mrd. | ~$669 Mrd. |
| BIP pro Kopf (2025) | 48.223 € | 46.438 € |
| Einwohner | 9,2 Mio. | 10,6 Mio. |
| Forschungsquote (2024) | 3,3 % | 3,6 % |
| Arbeitslosenquote (Dez. 2025, Eurostat) | 5,8 % | 9,0 % (saisonbereinigt) |
Ernüchternd aber der Vergleich, den aktuell Andreas Treichl, Chairman der Erste Stiftung, auf Linkedin zieht:
„Schweden hat 10 Millionen Menschen, Österreich hat 9 Millionen. Schweden hat 48 Einhörner, Österreich hat 5 oder 6, die Stockholmer Börse ist 9-mal größer als die Wiener Börse. Jeder schwedische Haushalt hat Rentenvermögen von etwa 130.000 €. In Österreich haben nur 1 von 4 Haushalten Rentenvermögen von etwa 22.000 €, und der Rest hat leider keines. Schwedens Schulden-zu-BIP-Verhältnis liegt unter 40%, Österreichs wird bald 90% erreichen.“
Wo kann man die Gründe dafür finden, warum es Schweden gelingt, Tech-Unicrons in Serie zu produzieren, während man sich in Österreich (und anderswo) eher schwer damit tut?
Kapitalmarkt, Sprache, Mentalität, Steuern – es gibt nicht die eine Antwort
Andreas Treichl, Vorsitzender der Erste Stiftung
„Schweden hat eine starke Kapitalmarktkultur, die von Sozialdemokraten, Christdemokraten und vielen anderen unterstützt wird. Österreich hat keine Kapitalmarktkultur, die von niemandem außer ein paar einsamen Liberalen unterstützt wird, die keinen Einfluss auf die Kultur haben. Vor 30 Jahren waren Österreich und Schweden gleichauf, jetzt ist Schweden Lichtjahre voraus! Wieso? Seit der Finanzkrise 2008 können Banken keinen schwachen Kapitalmarkt mehr ersetzen, der bis dahin Teil der österreichischen Erfolgsstory war. Die neuen Industrien, in denen die meisten Unicorns tätig sind, brauchen Eigenkapital – sie haben einfach viel weniger Sicherheiten zur Verfügung als Unternehmen in traditionellen Industrien. Kaum jemand würde Schweden als eine Nation von Risikofreudigen beschreiben, aber die letzten Jahrzehnte zeigen, dass egalitäre Gesellschaften sich daran gewöhnen können, unternehmerischer und investitionsorientierter zu werden – ohne sich in Wolfs of Wall Street zu verwandeln.“
Christoph Broschan, CEO der Wiener Börse
„Schweden hat Kapitalmärkte längst in sein Rentensystem integriert und schafft damit einen tiefen Pool von geduldigen, langfristig orientierten Kapitalgebern, die Innovation antreiben. Österreich hat das Potenzial, auf diese Dynamik zuzugreifen – zum Vorteil von Unternehmen, Investoren und dem breiteren Ökosystem.“
Annina Svensson Ducrey, Unternehmerin
„Als schwedische Expat, die für Spotify gearbeitet hat, würde ich unpolitisch und eine unkomplizierte Unternehmenskultur hinzufügen, in der Demut eine natürliche Norm ist und jeder bereit ist, die Ärmel hochzukrempeln. Dann können wir über das Kapital und den finanziellen Teil sprechen, aber meiner Meinung nach ist das nur ein Ergebnis des schwedischen Pragmatismus, der die grundlegende Zutat ist.“
Reid Jackson, Partner bei Luminar Ventures
„Ein oft übersehenes strukturelles Element von Schwedens Erfolg: Die Körperschaftsteuer auf Kapitalgewinne aus dem Verkauf von Anteilen an nicht börsennotierten Unternehmen kann aufgeschoben werden, solange die Erlöse in andere nicht börsennotierte Unternehmen reinvestiert werden. Da schwedische Gründer und Arbeitnehmeraktionäre ihre Anteile über eine Kapitalgesellschaft halten, schuf dies einen starken Anreiz, Erlöse nach einem erfolgreichen Exit in neue Unternehmungen zu recyceln. Darüber hinaus feiert Schweden Erfolg, bestraft Misserfolg nicht und hat seit Jahrzehnten eine unternehmerische, technologieorientierte Mentalität kultiviert.“ (weitere Infos zu Besteuerung und Reformen hier)
George Nimeh, Unternehmer
„Einfach nur ‚Sie sprechen besseres Englisch‘ zu argumentieren, ist eine Krücke. Es ist eine schwache Ausrede, also lass niemanden damit durchkommen. Ich bin lange genug in Österreich, um zu wissen, dass das Niveau mehr als ausreichend ist. Hier sind meine Top 3 Gründe, warum Schweden dort erfolgreich ist, wo andere kämpfen:
1. Sie machen US-Kapital alltäglich, nicht außergewöhnlich. (Kudos an Speedinvest dafür, dass sie das in letzter Zeit vorleben)
2. Sie optimieren für Venture-Scale-Ergebnisse, nicht nur für Unternehmensschaffung.
3. Sie denken von Anfang an international und Investoren belohnen das.“

