„Wir bauen eine Schwerelosigkeits-Maschine“: Tumbleweed CEO Julian Rothenbuchner im Interview
Es war eine große Schlagzeile: Am 7. Juli 2026 erreichte mit Oasis Alpha der erste kommerzielle Satellit Österreichs die Erdumlaufbahn. Dahinter steckt das Wiener Startup Tumbleweed, das vor einigen Jahren noch mit einem ambitionierten Marsrover-Projekt auf sich aufmerksam machte. Im Podcast von Trending Topics spricht Gründer und CEO Julian Rothenbuchner über den Weg zu Oasis Alpha, den Markt für Microgravity-Forschung und warum Tumbleweed bewusst nicht von SpaceX abhängig sein will.
Kurz nach dem Erfolg: Oasis Alpha, der erste kommerzielle österreichische Satellit, ist im Orbit. Wie ist euch das gelungen?
Julian Rothenbuchner: Mit viel Blut, Schweiß und Tränen – aber der Reihe nach. Vor rund 18 Monaten haben wir begonnen, uns den Microgravity-Markt genau anzuschauen: Man nutzt das All nicht zur Erdbeobachtung, sondern die Schwerelosigkeit, um etwa neue Medikamente zu oder pharmazeutische Halbleiter- und Photonik-Materialien zu erforschen. Wir haben gesehen, dass dieser Markt vor allem an einem Problem krankt: dem Zugang zum All. Ein Pharmaunternehmen etwa scheitert nicht an der Wissenschaft, sondern an der Logistik – wie schnell komme ich ins All, wie flexibel und zuverlässig ist das.
Der Schlüssel dazu ist Risikomanagement. Nutzlasten fliegen auf Raketen voller Treib- und Sprengstoff mit – geht etwas schief, hat das riesige Konsequenzen. Deshalb wird das Risiko bisher mit hunderten Kilo Papierkram gemanagt, was Monate dauert und für die meisten Kunden schlicht nicht leistbar ist.
Wir haben deshalb den weltweit ersten zertifizierungsfreien Zugang zum All gebaut: eine Box, die als Ganzes zertifiziert wird – unabhängig davon, was unsere Kundinnen und Kunden hineinpacken. Sie sind damit frei von Papierkram und strikten Regularien. Oasis Alpha war der Beweis, dass das funktioniert.
Was genau ist da oben passiert?
Unsere Kundinnen und Kunden – alle zum ersten Mal im All aktiv – kamen mit einer einzigen Seite Papierkram aus. Mit einem Team von zwei bis vier Personen haben sie es in drei bis fünf Monaten geschafft, ihre Nutzlast fertigzustellen und ins All zu schicken, deutlich günstiger als bei vergleichbaren Angeboten. Das war das Ziel: zeigen, dass der Markt nicht nur riesiges Potenzial hat, sondern auch heute schon nutzbar ist.
Wo genau befindet sich Oasis Alpha gerade?
In einer sonnensynchronen erdnahen Umlaufbahn, etwa 600 Kilometer Höhe. Der Satellit umrundet die Erde alle 90 Minuten.
Was macht man konkret in der Schwerelosigkeit – Medikamentenentwicklung, klingt nach Science-Fiction.
Der fundamentale physikalische Effekt: Ohne Schwerkraft gibt es keine Konvektion mehr. Heiße Luft steigt nicht auf, Dinge schwimmen nicht. Kocht man Wasser, bleiben die Dampfblasen einfach stehen. Das verändert alle Herstellungsprozesse, an denen Flüssigkeiten beteiligt sind – auf molekularer Ebene laufen sie ruhiger und kontrollierter ab. Bei Protein- oder Halbleiterherstellung etwa entstehen dadurch deutlich weniger kristalline Defekte.
Auch Zellen altern in Schwerelosigkeit etwa zehnmal schneller. Einer unserer Kunden untersucht dadurch, wie das Immunsystem altert – die Effekte werden quasi durch eine Lupe verstärkt, was klinische Studien deutlich beschleunigt. Und: Zellkulturen, die auf der Erde flach in der Petrischale wachsen, können sich im All dreidimensional anordnen – näher an der echten Struktur im Körper. Das ermöglicht bessere Organoide und, per Bioprinting, sogar ganze Organe.
Also ist Tumbleweed im Grunde ein Transportsystem für wissenschaftliche Experimente in Schwerelosigkeit?
Genau – und den meisten unserer Kundinnen und Kunden ist das All an sich eigentlich egal. Niemand sagt „ich will unbedingt ins All“, sondern „ich will die Schwerkraft abschalten“. Wir bauen im Grunde eine Schwerelosigkeits-Maschine. Unser Job ist es, die gesamte Logistik – rauf, Labor- und Produktionsumgebung im All, und wieder runter – zu abstrahieren: Strom, Datenanbindung wie bei einem Remote-Server, Temperatur, Atmosphäre. Und am Ende bekommen die Kundinnen und Kunden ihre Materialien zurück.
Ab der ersten Mission kommen zunächst nur die Daten zurück, ab der zweiten der komplette Satellit – die Rückkehrtechnologie ist zwar gelöst, aber weiterhin eine echte Herausforderung, deshalb gehen wir das in zwei Schritten an.
Gebaut haben wir Oasis Alpha in neun Monaten für unter 500.000 Euro – rund zweieinhalbmal günstiger als vergleichbare Projekte. Das gelingt nur, wenn man sich auf die Essenz konzentriert.
Oasis Beta ist schon in Arbeit. Wie kann man sich das als Kunde vorstellen – Größe, Kosten?
Von 10 x 10 x 2,5 cm, etwa Smartphone-Größe, bis 20 x 20 x 20 cm, wie ein großer Schuhkarton. Preislich kalkulieren wir mit rund 60.000 Euro pro Kilogramm, das beginnt bei etwa 15.000 Euro für eine kleine Box und geht je nach Größe deutlich höher. Darin ist alles enthalten: Man bekommt eine Box mit eingebautem Linux-Rechner, entwickelt die Nutzlast zunächst am Boden in einer echten Betriebsumgebung, schickt sie dann zu uns, wir testen sie ein bis zwei Tage und bringen sie ins All. Dort gibt es Zugriff ähnlich wie bei einem Cloud-Server, und ein bis zwei Monate später kommt alles zurück nach Wien.
Das Ganze funktioniert vor allem, weil es SpaceX gibt. Wie läuft so ein Mitflug ab?
Man geht nicht direkt zu SpaceX, sondern über einen Launch-Broker. Ist man einmal manifestiert, folgt der eigentlich mühsame Teil: hunderte Seiten Dokumentation – nicht nur für SpaceX, sondern für die FAA und die US Space Force, und in unserem Fall auch für Österreich, da wir der erste kommerziell lizenzierte Satellit des Landes sind. Der Raketenstart an sich zu buchen ist der leichte Teil; alle folgenden Schritte sind es nicht. Unser Ziel ist, dass unsere Kunden künftig nur noch zwei einfache Schritte brauchen – Payload entwickeln und einschicken.
Wie abhängig seid ihr von SpaceX?
Aktuell sehr, aber wir arbeiten bewusst daran, das nicht so zu bleiben zu lassen. SpaceX ist im Kern keine reine Launch-Company – sie verdienen ihr Geld eher mit Starlink oder künftig Orbital-Rechenzentren als mit dem Verkauf von Startplätzen. Es gibt aber Alternativen: Rocket Lab, United Launch Alliance, Blue Origin, das US-Startup Stoke, in Europa Ariane Space, das neue Unternehmen MaiaSpace, Avio, sowie deutsche und spanische Anbieter. Insgesamt acht bis zehn Launch-Companies in Europa, die in den nächsten drei bis vier Jahren aktiv werden könnten – auch wenn nicht alle es schaffen werden. Dazu kommen Indien, Korea und Japan mit wachsenden Kapazitäten.
SpaceX ist derzeit sehr dominant, aber kein komplettes Monopol – und die Situation ist dynamisch. Gerade weil SpaceX als börsennotiertes Unternehmen zunehmend auf die profitabelsten Aktivitäten fokussiert ist, öffnet das Raum für echten Wettbewerb.
Stichwort Orbital-Rechenzentren, wie sie SpaceX groß ankündigt – realistisch oder Börsenstory?
An der Technik zweifle ich nicht, die lässt sich lösen. Meine Frage ist eher: Was sind die Alternativen? Für Energie und Kühlung gibt es auf der Erde sehr starke Optionen – China hat allein letztes Jahr rund 750 Gigawatt Solarkapazität installiert, es gibt Rechenzentren im Meer mit deutlich effizienterem Wärmeaustausch als im Vakuum des Alls. Ich sehe bislang keinen zwingenden Grund, dafür ins All zu müssen. Wir konzentrieren uns auf Dinge, die sich auf der Erde nicht nachbilden lassen, sind aber technisch gut aufgestellt, falls der Markt für Weltraum-Rechenzentren doch groß wird.
Und die Strahlung im All – ein Problem für Chips?
Ein Faktor, den man einkalkulieren muss, aber im niedrigen Erdorbit, wo wir unterwegs sind, ist die Strahlung deutlich schwächer als etwa im geostationären Orbit und lässt sich mit vertretbarem Aufwand abschirmen. Dazu kommt: Nach Moore’s Law (beschreibt den technologischen Fortschritt von Chips bzw. die zunehmende Transistordichte, Anm.) müssen Chips ohnehin alle 12 bis 18 Monate ausgetauscht werden, um wettbewerbsfähig zu bleiben – Strahlung ist da nur einer von mehreren Faktoren.
Tumbleweed ist ja ursprünglich mit einem windbetriebenen Mars-Rover gestartet. Sind diese Pläne vom Tisch?
Nein. 2024 haben wir gemerkt: Als reine Forschungsinitiative erreicht man viel, aber den Sprung zur Industrialisierung schafft man so nicht. Das war der Anstoß, uns auf Microgravity zu konzentrieren – vieles vom Mars-Wissen und den entwickelten Systemen ist eingeflossen. Mars und Microgravity sind heute zwei getrennte Organisationen in engem Austausch. Der schnellste Weg, langfristig auch wieder Richtung Mars zu kommen, ist, sich jetzt auf kommerzialisierbare Dinge zu konzentrieren.
Eure Geschichte ist damit auch eng mit der von Elon Musk verknüpft.
Bis zu einem gewissen Grad. Ich finde, es wird Zeit, dass die Idee, das Leben multiplanetar zu machen, nicht nur ein Projekt von Elon Musk ist, sondern von uns allen – das rechne ich ihm hoch an. Unser Anspruch ist aber: Wenn wir einmal etwas zum Mars schicken, aber sich das Leben auf der Erde dadurch nicht verbessert, haben wir unser Ziel verfehlt. Es geht darum, mit dem Weg dorthin – erst Erde, dann Mond, dann Mars – reale Probleme zu lösen: bessere Krebsmedikamente, bessere Halbleiter. Das müssen wir jetzt beweisen.
Wann startet Oasis Beta?
Frühestens Ende 2027. Bis dahin entwickeln wir eine komplett neue Satellitengeneration. Erste Kunden sind bereits an Bord, weitere kommen dazu.

