Analyse

WallStreetBets, Kryptowährungen und Metaverse: Der große Trending Topics-Jahresrückblick in zehn Kapiteln

© Markus Winkler on Unsplash
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2021 hat kein spektakuläres neues iPhone gebracht, aber die Weichen für die Zukunft gestellt. An zehn Wendepunkten des vergangenen Jahres zeigen wir, wohin die Richtung geht.

Die Neuerfindung der Wall Street

Am Anfang erschien es nur wie ein Sturm im Wasserglas, als im Reddit-Subforum #WallStreetbets User:innen sich gegenseitig zum Investieren in die Aktien von in der Krise schwächelnden Firmen wie GameStop (Videospiel-Handelskette) oder AMC (Kinos) anstachelten. Doch es war nur das Symptom eines breiteren Trends: In der Krise suchten und suchen Menschen nach alternativen Investment-Möglichkeiten – und fanden den Zugang zum globalen Finanzmarkt in Trading-Apps wie Robin Hood, Trade Republic oder Bitpanda.

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Neobroker, aber auch Neobanken und andere Fintechs haben 2021 gezeigt, wie stark im Umbruch die Finanzwelt steht. Investieren in Aktien, ETFs und Kryptowährungen gehören mittlerweile zum fixen Bestandteil jeder Finanz-App. Auch darüber hinaus brechen Konsument:innen rasant mit alten Gewohnheiten. So hat sich 2021 gezeigt, dass sogenanntes „Buy Now Pay Later“ (BNPL) als neue Bezahlmöglichkeit im Netz massentauglich geworden ist. PayPal, Klarna, Square – sie alle investieren Milliarden in diesen neuen Markt, der sich anschickt, die Kreditkarte abzulösen.

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Automobilindustrie steht Kopf

Wetten, dass es in den Top 10 der wertvollsten Autofirmen vier gibt, die Sie dort nicht vermutet hätten oder vielleicht sogar das erste Mal hören? Fertig? Los geht es: BYD. Rivian. Lucid Motors. Great Wall Motors. Nicht in den Top 10 sind: BMW, Ferrari, Hyundai oder Volvo. Verblüffend, oder? 2021 markiert ein absolutes Wendejahr der Automobilindustrie, und da haben wir von Tesla noch gar nicht angefangen. Ein Kursfeuerwerk hat Elon Musks Elektroauto-Unternehmen so wertvoll gemacht, dass es nicht nur die Marke von einer Billion Dollar überschritt, sondern Mitte November auch mehr wert war als die nächsten sieben Autohersteller zusammen. Diese Umwälzungen passieren zu einem Zeitpunkt, an dem Tech-Firmen wie Apple, Sony, Xiaomi oder Foxconn noch gar nicht mit ihren E-Autos am Markt sind. Das alles stellt die traditionell starken europäischen Autobauer, allen voran Volkswagen, unter enormen Druck.

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Das Jahr der Kryptos

Am Ende muss man Michael Saylor, CEO der Software-Firma MicroStrategy, und einigen anderen statuieren: Sie haben ein absolutes Boom-Jahr für Bitcoin und Co. in Folge der Corona-Krise richtig vorhergesagt. Investitionen in Krypto-Assets 2020 zahlten sich ein Jahr später so richtig aus, als BTC, ETH und Co in neue Höhen schossen und die Marktkapitalisierung von Kryptowährungen auf drei Billionen Dollar hoben – also mehr, als die wertvollsten Unternehmen der Welt wert sind. Dieser Krypto-Rausch hat 2021 auch dazu geführt, das die größten Investoren der Welt aufgesprungen sind. Softbank, Coatue, Tiger Global – selbst ein kanadischer Pensions-Fonds für Lehrer – wollen nicht mehr auslassen und pumpten Milliardenbeträge in jene Unternehmen, die (digitale) Infrastruktur aller Art rund um die gehypte Blockchain-Technologie und die begehrten Coins und Tokens in den letzten Jahren aufgebaut haben.

Parallel dazu ist Blockchain in Form von NFTs zum Kulturphänomen geworden. Künstler:innen, Musiker:innen, Sportler:innen – sie alle setzen zunehmend auf die Technologie, die Eigentum und Urheberrecht für immer und ewig in Blöcke schreiben soll. Dass damit vor allem digitale Güter, aber auch österreichische Weine weltweit handelbar werden, ist ein lukrativer Nebeneffekt.

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Geldregen für Gründer:innen

Es war noch nie eine so gute Zeit wie 2021, um Gründer:in zu sein. In dem Jahr ging ein wahrer Geldregen über Startups und Scale-ups nieder und hat so viele neue Unicorns (Unternehmen jenseits der Milliardenbewertung) geschaffen, dass Investoren mittlerweile schon Ausschau nach den Dekacorns (10 Mrd. Dollar Bewertung) halten.

Die Geldschwemme für europäische Scale-ups wie Klarna, Northvolt oder Celonis hat gute Gründe. So sitzt das Geld der Investor:innen aufgrund der jahrelangen Niedrigzinspolitik ohnehin schon locker, und die steigende Inflation lässt zusätzlich nach alternativen Investmentmöglichkeiten suchen. Es ist aber vor allem eines: Europäische Tech-Unternehmen haben endlich den Reifegrad erreicht, um die ganz großen Finanzierungsrunden zu bekommen, zeigten Widerstandsfähigkeit während Corona – und trafen auf zahlungswillige Geldgeber.

Mehr als 100 Mrd. Euro bringen Europa 2021 fast 100 neue Unicorns

Tech-Crackdown in China

2020, als China besser als viele andere Staaten aus der Corona-Krise hervorkam, da konnte man den Eindruck bekommen: Chinas Tech-Riesen werden alles niederwalzen. Doch dann kam Xi Jinping. Der Präsident auf Lebenszeit duldet keine Privatmänner (ja, es sind leider immer Männer) mit viel Macht und Einfluss neben sich. Und so wurden die großen Tech-Konzerne der Reihe nach zurechtgestutzt. Zuerst der Fintech-Riese Ant Group, dann Alibaba von Jack Ma, schließlich EduTechs und die Game-Industrie. Bis schließlich jedem klar war: Das letzte Wort in China, das haben nicht die Tech-Milliardäre, das hat der allmächtige Staat.

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Metaverse: Aus Spiel wird Ernst

Lange Zeit war es eine Fiktion aus Science-Fiction-Romanen, Computer-Spielen und Hollywood-Filmen – doch 2021 ist wahrscheinlich das Jahr, in dem das Metaverse endlich anfing, Gestalt anzunehmen. Dazu brauchte es gar nicht einmal Mark Zuckerberg von Facebook, pardon, Meta – auch ohne die großen AR/VR-Pläne des viel kritisierten Internet-Milliardärs entstehen neue 3D-Welten, die mehr als bloße Games sind. Es sind Firmen wie Niantic („Pokemon Go“), Roblox, Epic Games („Fortnite“) oder Microsoft („Minecraft“), die längst an Metaversen arbeiten, die zu einem 3D-Zwilling der Erde werden, die man mittels VR- oder AR-Brillen „betreten“ kann.

Die Blockchain kommt hier natürlich auch ins Spiel: In Decentraland, das ein wenig an „Second Life“ erinnert, kann man sich für Tokens bereits virtuelle Grundstücke kaufen. Weltweit bauen immer mehr Firmen am Metaverse mit – auch österreichische Startups. Blackshark.ai etwa hat einen kompletten 3D-Zwilling des Planeten berechnet, und findige Gründer:innen wie jene von Cybershoes befassen sich mit der nicht unwichtigen Frage, wie wir künftig im Metaverse gehen werden. Genau, mit Cybershoes eben.

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Arbeiten wie nie zuvor

4-Tage-Woche, Remote Work, Zwiebel-Architektur, Work from Anywhere, 3-2-2-Modell – und so weiter und so fort. Während man 2020 davon ausging, dass jetzt wo, nur geht auf Fernarbeit umgestellt wird und das Leben am Land sein großes Comeback feiert, hat sich 2021 der Staub gelegt. Und es zeigt sich: Es gibt nicht das eine Modell, das die Arbeitswelt der Zukunft prägt, es gibt viele verschiedene. Genau: Es gibt keine Universalformel. Corona hat zwar in jeder Firma gefordert, sich mit dem Thema des Arbeitens der Zukunft auseinanderzusetzen, doch die Umsetzungen sind sehr unterschiedlich. Während manche Firmen komplett dezentralisiert in den Remote-Modus gegangen sind, bauen andere große neue HQs. Lediglich eines ist ihnen gemein: Corona lieferte den Anlass, die Arbeit lebenswerter zu machen.

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Die Krise der Chips

Zuerst waren es Autos, dann weitete sich der Engpass auch auf Spielkonsolen, Spülmaschinen oder Drucker aus: Auch wenn man öfter von Öl, Bitcoin oder Daten redet, am Ende zeigte 2021 doch, dass es Computer-Chips sind, die die Welt am Laufen halten. Und wenn Lieferketten ins Stocken geraten, dann sind nicht nur im Suez-Kanal steckende Container-Riesen der Grund, sondern auch Produktionsausfälle in der Halbleiterindustrie. Die Abhängigkeit von Chips ist 2021 so deutlich wie nie zuvor ans Tageslicht getreten. Apple, Google und andere IT-Riesen lösten sich mit eigenen Prozessoren von ihren Zulieferern, und auch die EU geht nun gegen den drohenden Verlust einer der letzten Chip-Firmen (ARM soll von Nvidia geschluckt werden) vor. Ein eigenes Chip-Gesetz soll Europa unabhängiger von Asien und den USA machen – Ausgang ungewiss.

ARM-Übernahme: EU kann 54-Milliarden-Dollar-Deal durch Nvidia blockieren

Ohne Cybersecurity geht es nicht mehr

„You are fucked.“ Diese Botschaft bekamen die Manager:innen von SalzburgMilch, einem der größten Milchproduzenten Österreichs, 2021 auf den Bildschirm. Bitcoin zahlen oder einen Komplettausfall der IT riskieren, lautete die Wahl, die Cyber-Angreifer:innen der Firma ließen. Am Ende lag das Unternehmen fast zehn Tage still, bis es den Betrieb wieder aufnehmen konnte – mit Millionenschaden als Folge. Noch einmal größer dann der Angriff auf MediaMarkt, als Erpresser die Kassensysteme lahm legten. Wenn komplette Geschäftsmodelle digitalisiert werden oder zumindest auf digitalen Tools beruhen (Zahlungen, Lieferungen usw), wird klar, dass es ohne Cybersecurity nicht mehr geht. Der Sektor boomt wie kaum ein anderer. Da verwunderte es kaum, als zum Jahresende die deutsche Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) stolze 700 Millionen Dollar für den israelischen Cyber-Security-Spezialisten XM Cyber hinblätterte. In dem Ton wird es 2022 weitergehen.

Cyber Security: Heimische Unternehmen fordern Tempo und mehr Bewusstseinsbildung

Auf der Jagd nach CO2

Das Kürzel CCS muss man sich spätestens seit 2021 merken. Es steht für “Carbon Capture and Storage” und beschreibt die vielen Bestrebungen weltweit, CO2 einzufangen, zu speichern oder wieder zu verwerten. Aufsehen erregte etwa die Kooperation zwischen den beiden Startups Climeworks aus der Schweiz und Carbfix aus Island: Sie fangen gemeinsam CO2 aus der Luft und pumpen es ins Gestein der Erde. Climeworks und Carbfix stehen stellvertretend für eine ganze Reihe an Firmen, die die Klimakrise mit neuen Technologien bekämpfen. Dazu gesellen sich unzählige weitere Unternehmen, die mit Kreislaufwirtschaft, Wiederaufforstung, erneuerbaren Energien und (Achtung kontrovers!) Mini-Atomreaktoren die Klimaziele doch noch erreichen lassen wollen. Aus den Öko-Fuzzis von gestern wurden die Held:innen von morgen.

Climeworks: Wie das Schweizer Startup CO2 aus der Luft saugt

Diese Story stammt aus unserem neuen Magazin „Trending Topics 2022“. Es steht ab dem 29.12. zum kostenlosen Download bereit

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