„You do not sell your Bitcoin“: Saylors Strategy verkauft BTC um 216 Millionen Dollar
Es ist ein Satz, der Michael Saylor jetzt noch lange nachhängen wird: „You do not sell your Bitcoin“ – man verkauft seine Bitcoin nicht. Noch im Oktober 2025 gab der Executive Chairman von Strategy (vormals MicroStrategy) diese Losung aus, jahrelang predigte er sie wie ein Mantra. Saylor ist der wohl lauteste Bitcoin-Evangelist der Welt: Seit 2020 hat er das einstige Software-Unternehmen in eine gigantische Bitcoin-Kaufmaschine verwandelt, die mit der Ausgabe von Aktien und Anleihen immer neues Kapital aufnahm, um damit immer mehr BTC zu akkumulieren – Verkaufen war nie Teil des Plans, so das Credo. Noch am Sonntag postete Saylor auf X seinen gewohnten Bitcoin-Chart mit dem Spruch „Bitcoin is digital energy“ – solche Posts kündigten in der Vergangenheit üblicherweise neue Zukäufe an.
Diesmal kam es anders: Strategy hat in der vergangenen Woche 3.588 Bitcoin im Wert von rund 216 Millionen US-Dollar verkauft, wie aus einem am Montag veröffentlichten 8-K-Filing bei der US-Börsenaufsicht SEC hervorgeht. Es ist der mit Abstand größte Verkauf in der Firmengeschichte und erst der dritte überhaupt. Zum Vergleich: Ende 2022 hatte Strategy einmalig 704 BTC aus steuerlichen Gründen veräußert (und kurz darauf zurückgekauft), Ende Mai 2026 folgte ein Mini-Verkauf von 32 BTC im Wert von etwa 2,5 Millionen Dollar. Der aktuelle Deal ist also fast das Hundertfache davon.
Laut dem Filing lief der Verkauf in zwei Tranchen ab: Zwischen 29. und 30. Juni stieß Strategy 1.363 BTC zu einem Durchschnittspreis von 59.256 Dollar ab (80,8 Mio. Dollar), zwischen 1. und 5. Juli weitere 2.225 BTC zu durchschnittlich 60.773 Dollar (135,2 Mio. Dollar). Zur bitteren Wahrheit gehört: Eingekauft hat Strategy seine Bitcoin im Schnitt zu 74.476 Dollar – verkauft wurde also mit rund 20 Prozent Abschlag auf den eigenen Einstandspreis.
Schon 32 BTC lösten ein Beben aus
Wie sensibel der Markt auf Saylors Schritte reagiert, zeigte sich bereits bei dem vergleichsweise winzigen Verkauf im Mai: Obwohl es nur um 32 BTC ging, trug die Nachricht zu einem Kurssturz bei – Bitcoin rutschte in den Wochen danach von fast 74.000 auf zeitweise unter 58.000 Dollar ab. Der Grund für die Nervosität: Strategy hält auch nach dem jüngsten Verkauf noch 843.775 BTC im Wert von rund 52,3 Milliarden Dollar – mehr als 4 Prozent aller Bitcoin, die es je geben wird. Das Unternehmen war über Jahre die größte und verlässlichste Nachfragequelle am Markt; allein 2026 kaufte es bisher rund 175.000 BTC für etwa 14 Milliarden Dollar. Jedes Signal, dass aus dem Dauerkäufer ein Verkäufer werden könnte, schürt die Angst vor einer Kettenreaktion.
Entsprechend groß war die Aufregung, als On-Chain-Analysten vergangene Woche eine Transaktion von 491 BTC entdeckten, die Strategy zugeordnet wurde. Die Spekulationen kochten hoch – und die Realität übertraf sie noch: Tatsächlich hatte das Unternehmen mehr als das Siebenfache verkauft. Die Reaktion am Montag: Bitcoin gab nach dem Filing rund 2 Prozent nach, die MSTR-Aktie notierte vorbörslich ebenfalls knapp 2 Prozent im Minus.
Warum Strategy verkauft – und wie Saylor es argumentiert
Der Hintergrund ist die anhaltende Krypto-Baisse: Seit dem Allzeithoch im vergangenen Herbst hat Bitcoin mehr als 40 Prozent verloren und notiert deutlich unter Strategys durchschnittlichem Einkaufspreis. Auf dem Gesamtbestand, für den das Unternehmen inklusive Gebühren rund 63,7 Milliarden Dollar ausgegeben hat, lasten damit aktuell etwa 11,4 Milliarden Dollar an Buchverlusten. Allein im zweiten Quartal verbuchte Strategy einen Verlust von 8,32 Milliarden Dollar auf seine Digital Assets – fast ausschließlich unrealisiert. Die MSTR-Aktie hat auf Jahressicht knapp 74 Prozent verloren.
Gleichzeitig drücken laufende Verpflichtungen: Strategy hat sich über Vorzugsaktien wie STRC („Stretch“), STRF, STRK, STRD und STRE Milliarden am Kapitalmarkt geholt – und muss dafür üppige Dividenden ausschütten, bei STRC aktuell 12 Prozent pro Jahr. Genau dieses Flaggschiff-Papier geriet zuletzt massiv unter Druck: STRC, das eigentlich stabil bei 100 Dollar notieren soll und heuer der wichtigste Finanzierungskanal für Bitcoin-Käufe war, stürzte zwischenzeitlich auf ein Tief von 71,25 Dollar ab und erholte sich zuletzt nur auf knapp 88 Dollar. Seit Mitte Mai konnte Strategy darüber faktisch kein frisches Geld mehr für BTC-Käufe aufnehmen.
Saylors Argumentation: Der Verkauf sei kein Ausstieg, sondern Finanzierung. Die 216 Millionen Dollar dienten der Zahlung der Quartalsdividenden auf die „Digital Credit“-Wertpapiere sowie der Juni-Dividende von STRC und dem Wiederauffüllen der Dollar-Reserve, bestätigte er auf X. Grundlage ist das Ende Juni vorgestellte „Digital Credit Capital Framework“: Darin verpflichtet sich Strategy per Board-Beschluss, eine Dollar-Reserve zu halten, die mindestens 12 Monate an Dividenden- und Zinszahlungen abdeckt – sie wurde binnen einer Woche von 1,4 auf 2,55 Milliarden Dollar aufgestockt. Teil des Pakets sind außerdem ein BTC-Monetarisierungsprogramm, das Bitcoin-Verkäufe von bis zu 1,25 Milliarden Dollar erlaubt (diese Kapazität ist laut Filing weiterhin voll verfügbar), ein Rückkaufprogramm für die Vorzugsaktien über 1 Milliarde Dollar sowie ein separates Aktienrückkaufprogramm für die Stammaktie in gleicher Höhe. Die STRC-Dividende wird künftig monatlich überprüft und steigt nicht mehr automatisch, wenn das Papier unter pari notiert.
Ein Dammbruch mit Signalwirkung
Für die Krypto-Branche ist der Schritt dennoch ein Dammbruch. Bitcoin ist für Strategy nicht mehr unantastbares Reserve-Asset, sondern eine Liquiditätsquelle wie jede andere. Die Analysten von JPMorgan warnen, die formalisierte Verkaufspolitik bringe ein „vermeidbares Zwei-Wege-Risiko“ in den Markt: Strategy könne nun jederzeit als Käufer oder als Verkäufer auftreten. Bernstein hält dagegen und argumentiert, die Bilanz des Unternehmens mache Zwangsverkäufe unwahrscheinlich. Auch die Analystenhäuser sind gespalten: Benchmark bekräftigte zuletzt sein Kaufen-Rating mit Kursziel 570 Dollar, während TD Cowen das Ziel von 400 auf 260 Dollar zusammenstrich. Immerhin: Die Börse honorierte das neue Framework zunächst, die MSTR-Aktie legte vergangene Woche gut 21 Prozent zu.
Und Strategy ist längst kein Einzelfall mehr: Laut Bitcoin Treasuries verfolgen inzwischen 197 börsennotierte Unternehmen ein Bitcoin-Treasury-Modell – hinter Strategy folgen die Tether-gestützte Twenty One (43.514 BTC), Metaplanet aus Japan (43.000 BTC), der Miner MARA (36.303 BTC) und die von Adam Back und Cantor Fitzgerald unterstützte Bitcoin Standard Treasury Company (30.021 BTC). Viele dieser Nachahmer geraten im Bärenmarkt ins Wanken. Der Mann, der einst versprach, niemals zu verkaufen, hat den Präzedenzfall nun selbst geschaffen. Die Frage, die den Markt in den kommenden Wochen beschäftigen wird: War es ein einmaliger Befreiungsschlag – oder der Anfang vom Ende des größten Bitcoin-Trades aller Zeiten?

