Launch

ChatGPT Work ist da und leitet den Großangriff von OpenAI auf Anthropic ein

ChatGPT Work. © OpenAI
ChatGPT Work. © OpenAI

Schluss mit Fragen beantworten – ab jetzt wird gearbeitet. Mit ChatGPT Work verwandelt OpenAI seinen Chatbot in einen Agenten, der über Apps, Dateien und das Web hinweg selbst zupackt: Er sammelt Informationen, erstellt fertige Dokumente und bleibt bei komplexen Projekten stundenlang dran. Der eigentliche Paukenschlag steckt aber nicht in den Features, sondern in der Ansage dahinter – ChatGPT ist nicht länger die Spielwiese für Privatnutzer, sondern ein Werkzeug für die Arbeit.

ChatGPT bleibt zwar als Chatbot erhalten, wie man es kennt, aber User können nun sehr einfach auf den Arbeits-Modus umschalten. Das bedeutet auch, dass es keine separate Software, wie es noch beim Coding-Tool Codex der Fall ist, installieren muss. Unterm Strich ist ChatGPT Work ziemlich genau das, was Anthropic bereits Anfang des Jahres mit Claude Cowork gemacht hat und damit die SaaS-Branche ordentlich aufwirbelte.

Die Features

Vom Ziel zum fertigen Ergebnis. ChatGPT Work sammelt Informationen aus verbundenen Apps und Workflows und erstellt daraus fertige Materialien – Tabellen, Präsentationen, Dokumente und Web-Apps. Der Agent kann komplexe Projekte über Stunden begleiten, indem er sie in kleinere Schritte zerlegt und diese selbstständig abarbeitet. Nutzer können den Fortschritt verfolgen, Fragen beantworten, die Richtung ändern und wichtige Aktionen freigeben.

Neues Basismodell. ChatGPT Work läuft auf GPT‑5.6, das zeitgleich ausgerollt wird. Laut OpenAI verbessert das Modell insbesondere das mehrstufige Schlussfolgern und das Erstellen von Materialien, die sich an Vorlagen und Referenzdateien orientieren. Technisch baut ChatGPT Work auf Codex auf – dem ursprünglich für Entwickler gedachten Agenten, den OpenAI zufolge inzwischen über fünf Millionen Menschen pro Woche nutzen, mehr als eine Million davon außerhalb der Softwareentwicklung.

Plugins als Verbindung zu den eigenen Tools. Über Plugins wird ChatGPT an Systeme wie Slack, Microsoft Teams, Google Drive, SharePoint, E-Mail, Kalender, CRMs und Projekttracker angebunden. Der Agent erkennt selbst, wann er auf ein Plugin zugreifen sollte; alternativ lässt sich per „@“ gezielt eine App ansteuern. Ein vereinheitlichtes Plugin-Verzeichnis bündelt die Anbindungen an einer Stelle.

Sites. In einer öffentlichen Beta führt OpenAI „Sites in ChatGPT“ ein: interaktive Websites oder Web-Apps, die sich per URL teilen lassen – etwa als Live-Dashboards, Projekttracker, Prototypen oder interne Portale. ChatGPT kann sie aktualisieren, sobald sich die zugrunde liegenden Daten ändern.

Scheduled Tasks. Wiederkehrende Aufgaben lassen sich delegieren: einmalig, nach Zeitplan oder ausgelöst durch ein Ereignis. Beispiele sind das wöchentliche Zusammenfassen neuer Slack-Updates, das tägliche Prüfen von Dashboards oder das Aktualisieren einer Präsentation, sobald per E-Mail neues Feedback eintrifft.

Desktop, Browser und Computer Use. Die überarbeitete Desktop-App kann auf lokale Dateien und Anwendungen zugreifen. Ein integrierter Browser holt Web-Inhalte und Online-Dateien direkt in die App. Mit „Computer Use“ übernimmt ChatGPT Aufgaben im Hintergrund – klickt, tippt und verschiebt Dateien über Apps und Browser hinweg. Zudem wandert ChatGPT in die Chrome-Seitenleiste; der eigenständige Atlas-Browser wird schrittweise eingestellt.

Verfügbarkeit. ChatGPT Work startet auf Web und Mobile zunächst für Pro-, Enterprise- und Edu-Pläne, gefolgt von Plus und Business. In der Desktop-App sind Chat, Work und Codex auf allen Plänen verfügbar, auch in der Gratisversion. Die bisherige Codex-App geht in der neuen Desktop-App auf; die alte Desktop-Variante wird in „ChatGPT Classic“ umbenannt.

Sicherheit und Governance. ChatGPT Work basiert auf der Enterprise-Infrastruktur von ChatGPT. Admins steuern Zugriff, nutzbaren Unternehmenskontext, verbundene Tools und erlaubte Aktionen. Eine Compliance-API gibt Einblick in Konversationen und Aktionen. Ein „Auto-Review“ prüft mit den fortgeschrittensten Modellen kritische Aktionen, bevor sie ausgeführt werden; laut OpenAI blockierte dieser Mechanismus im Red-Teaming 100 Prozent der Versuche, geschützte Daten abzuziehen.

Die Strategie

Der Launch lässt sich als Antwort auf zwei Entwicklungen lesen. Zum einen auf den Erfolg von Anthropic, dessen Cowork-Ansatz Claude als Agenten für konkrete Arbeitsaufgaben positioniert hat – inklusive Dateizugriff, Plugins und Skills. ChatGPT Work spiegelt diese Logik nahezu Feature für Feature: Agent statt Chatbot, Ergebnisse statt Antworten, verbundene Apps statt isolierter Unterhaltung.

Zum anderen zeichnet sich ein bewusster Positionswechsel ab. Statt ChatGPT weiter primär als Alltagsassistenten für Privatnutzer auszubauen, rückt OpenAI die berufliche Nutzung in den Mittelpunkt – Vertrieb, Finanzen, Marketing, Operations. Dass fast alle internen OpenAI-Teams ChatGPT Work und Codex einsetzen, dient dabei zugleich als Referenz und als Beleg für die Ausrichtung auf produktive Arbeit.

Diese Fokussierung hat auch eine wettbewerbsstrategische Seite. Im Consumer-Segment drängen mit Meta und Apple zwei Konzerne heran, die eigene, tief in Geräte und Plattformen integrierte Alltags-Agenten vorbereiten. Gegen deren Distributionsmacht – Milliarden Endgeräte und bestehende Betriebssysteme – wäre ein reiner Kampf um Privatnutzer für OpenAI schwer zu gewinnen. Der Vorstoß in die professionelle Arbeit weicht diesem Wettbewerb aus und setzt auf ein Feld, in dem OpenAI über Enterprise-Verträge, Governance-Funktionen und die Codex-Basis bereits Fuß gefasst hat.

Der Schlusssatz der Ankündigung deutet an, dass dies erst der Anfang sein soll: ChatGPT solle künftig „über das Beantworten von Fragen hinausgehen“ und Menschen dabei helfen, größere Vorhaben umzusetzen. Ob sich der Pivot zum Arbeits-Tool auszahlt, wird sich daran zeigen, wie verlässlich der Agent tatsächlich mehrstufige Aufgaben erledigt – und ob Unternehmen ihm den geforderten Zugriff auf ihre Systeme einräumen.

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