Europa droht „stagflationärer Schock“, rechnet EU-Kommissar vor
Trotz eines vereinbarten zweiwöchigen Waffenstillstands zwischen den USA und dem Iran steht die Europäische Union nach Einschätzung der EU-Kommission vor einem ernsthaften wirtschaftlichen Einbruch. EU-Wirtschaftskommissar Valdis Dombrovskis warnte gegenüber der Financial Times vor einem sogenannten „stagflationären Schock“ und kündigte an, dass die Kommission ihre Wachstumsprognosen für das laufende Jahr nach unten korrigieren werde.
Was bedeutet Stagflation?
Der Begriff Stagflation setzt sich aus den Wörtern „Stagnation“ und „Inflation“ zusammen und beschreibt ein wirtschaftliches Szenario, das als besonders schwer zu bekämpfen gilt. Es handelt sich um eine Kombination aus zwei gleichzeitig auftretenden, eigentlich gegensätzlichen Phänomenen:
- Wirtschaftsstagnation oder -schrumpfung: Das Wachstum verlangsamt sich stark oder bleibt aus, Unternehmen investieren weniger, die Arbeitslosigkeit steigt.
- Steigende Inflation: Gleichzeitig werden Waren und Dienstleistungen teurer, die Kaufkraft der Bevölkerung sinkt.
Normalerweise geht schwaches Wachstum mit niedriger Inflation einher, weil die Nachfrage sinkt. Bei einer Stagflation hingegen treiben externe Faktoren, etwa stark steigende Energiepreise, die Kosten in die Höhe, während die Wirtschaft gleichzeitig schwächelt. Zentralbanken stehen dann vor einem Dilemma: Erhöhen sie die Zinsen, um die Inflation zu bekämpfen, bremsen sie das ohnehin schwache Wachstum noch weiter.
Die Berechnungen der EU-Kommission
Vor Ausbruch des Konflikts hatte die Europäische Kommission für das laufende Jahr ein EU-Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent sowie eine Inflation von leicht über 2 Prozent prognostiziert. Diese Zahlen dürften nun deutlich schlechter ausfallen. Die Kommission hat zwei Szenarien durchgerechnet, deren Ergebnisse sie mit der Financial Times geteilt hat:
| Szenario | Annahme | Auswirkung auf Wachstum | Auswirkung auf Inflation |
|---|---|---|---|
| Szenario 1 (günstig) | Energiepreise kehren bis Ende 2026 auf Vorkriegsniveau zurück | Minus 0,4 Prozentpunkte in 2026 | Plus bis zu 1 Prozentpunkt in 2026 |
| Szenario 2 (ungünstig) | Energiepreise bleiben länger erhöht | Minus 0,6 Prozentpunkte in 2026 und 2027 | Plus bis zu 1,5 Prozentpunkte in 2026 und 2027 |
Die offiziellen aktualisierten Wachstumsprognosen der Kommission sollen im Mai veröffentlicht werden.
Europas Verwundbarkeit durch Energieabhängigkeit
Der Konflikt hat eine strukturelle Schwäche Europas offengelegt: Der Kontinent ist in hohem Maße auf Energieimporte angewiesen. Hinzu kommen erhebliche Störungen der globalen Schifffahrtsrouten, die den Warenverkehr verteuern und verlangsamen. Besonders kritisch ist die Lage an der Straße von Hormus, einem der wichtigsten Öl- und Gastransportwege der Welt. Berichten zufolge verlangt der Iran von Schifffahrtsunternehmen Mautgebühren in Kryptowährung für die Durchfahrt durch die Meerenge, auch während des Waffenstillstands.
„Es ist sicherlich ein willkommener Schritt in Richtung Deeskalation und wird voraussichtlich auch Erleichterung in der Energiekrise bringen. Aber beim wirtschaftlichen Einfluss des Krieges im Iran herrscht natürlich nach wie vor große Unsicherheit. Es ist klar, dass wir mit einem stagflationären Schock konfrontiert sind.“ (Valdis Dombrovskis, EU-Wirtschaftskommissar)
Einige EU-Mitgliedstaaten haben bereits Gegenmaßnahmen ergriffen. Italien, Polen und Spanien haben unter anderem Kraftstoffsteuern gesenkt, um Haushalte und Unternehmen zu entlasten. Mehrere Länder prüfen zudem, stillgelegte Atomkraftwerke wieder in Betrieb zu nehmen.
Warnung vor übermäßigen Staatsausgaben
Dombrovskis mahnte die Mitgliedstaaten jedoch zur Haushaltsdisziplin. Angesichts bereits hoher Schulden sei der fiskalische Spielraum begrenzt. Entlastungsmaßnahmen müssten „klar zeitlich begrenzt und zielgerichtet sein, mit möglichst geringen Auswirkungen auf den Haushalt“, so der Kommissar.
Italien, das auf einen Ausstieg aus dem sogenannten Defizitverfahren der EU gehofft hatte, dürfte dieses Ziel verfehlen: Das nationale Statistikamt meldete zuletzt ein Haushaltsdefizit von 3,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, knapp über der EU-Grenze von unter 3 Prozent. Rom hatte gefordert, die EU-Fiskalregeln ähnlich wie während der Corona-Pandemie vorübergehend auszusetzen. Dombrovskis erteilte diesem Ansinnen jedoch eine klare Absage: Die entsprechende Klausel greife nur bei einem „schwerwiegenden wirtschaftlichen Abschwung“, der derzeit nicht vorliege.
Langfristige Folgen trotz Waffenstillstand
Experten warnen, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen des Konflikts auch bei einem Fortbestehen des Waffenstillstands noch lange spürbar sein werden. Ein Ökonom der Bank HSBC fasste die Lage in einer Mitteilung an Kunden so zusammen:
„Die europäischen Volkswirtschaften stehen erst am Anfang ihrer Bewährungsprobe.“
Ob eine nachhaltige Entspannung bei den Energiepreisen gelingt, hängt nach Einschätzung von Investoren maßgeblich davon ab, ob der Iran seine Kontrolle über die Straße von Hormus nach Ablauf des zweiwöchigen Waffenstillstands aufgibt.


